Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1902)
- Date
- 1902-11-20
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Bescheidenheit von den Uebrigen. und dir er mich noch dazu in gutem Deutsch anredete, so war meine Wahl rasch getroffen und ich bat ihn, mich zu begleiten. Sein Aussehen war lein ausgeprägt jüdisches, und so hatte ich eine gewisse, in diesem Falle wohl allen Glaubensbrüdern gemeinsame Scheu, ihn zu fragen, ob er Jude sei. Nachdem wir das Wetter genügend besprochen, platzte ich endlich heraus: „Wann ist heute Abend Schabbes?" Und die alte Wahrnehmung, daß ein Jude nur selten eine Frage direkt und glatt beantwortet, bestätigte sich auch hier wieder, indem mein Freund mir statt aller Antwort die Hand entgegenhielt und erfreut „Schalem aleichem" zurief. Dann erst thrilte er mir mit, daß um vier Uhr der Sabbat beginne und in seiner Freude, in mir einen Stammesbruder entdeckt zu haben, richtete er sofort eine Menge weiterer Fragen an mich gleichsam, um fich auch fest zu versichern, daß er sich nicht täusche. „Haben Sie das neue Jahr gut angetreten? Haben Sie Jom Kippur aut gefastet?, sich Simchas thauroh recht lustig gemacht? Ich kann Ihnen sagen, für uns arme Leut' waren die diesjährigen Jomim tauwim vielfach jomim roim, vier Tage nichts arbeiten können, das ist schlimm." „Nun, wie helft Ihr Euch denn da?" „Man versetzt eben, was zu versetzen ist und löst es, wenn Jomtef herum ist und der liebe Gott Massel gibt, nach und nach wieder ein." „Werdet Ihr denn bei solchen Gelegenheiten nicht 'unterstützt?" , .• - „Seitdem Wertheim und Rosenthal todt sind, ist es mit den Unterstützungen nicht weit her. Die Amsterdamer Gemeinde ist nicht reich und wenn unter Vierzigtausend etwas vertheilt wird, wieviel kommt auf Einen?" „Wieviel habt Ihr diese Woche schon verdient?" „Mein Herr, es war eine schlechte Woche, bis jetzt nur zwei Gulden." „Damit könnt Ihr aber doch Euch und Eure Frau und Kinder nicht ernähren?" „Es gibt auch andere Wochen, in denen es besser geht. Diese Woche mußten wir uns allerdings mit Kartoffeln und Kaffee begnügen." . „Wie sind Ihre Wohnungsverhältnisse?" „Wir haben zwei Zimmer in einem Hinterhause der Joodenbreeftraat, für die wir dem Hausherrn zwei Gulden jeden Freitag vor Beginn des Sabbat bezahlen." ,y.'. „Und diese Woche?". Y p"-,, „Da muß er halt warten." < „Wie lange wartet er denn?" _ - . ] „Bis Montag, wenn ich gar nicht zahlen famv dann gebe ich ihm jeden kommenden Freitag 25 Cents mehr, bis die Schuld ausgeglichen ist."--; ' " „Da muß aber viel in Eurer Straße gehungert werden?" . \- ' „In Amsterdam ist noch nie ein Jude verhungert, denn die Nachbarn helfen sich stets mit dem letzten Bissen aus, mehr wie der Hunger quält uns der Schmutz." ' '• ~ „Das wirft aber ein schlechtes Licht auf Euch,, denn das Wasser kostet doch nichts an Eurer Waaterkant und die Seife wird auch nicht unerschwinglich sein." - - Verürtheilen Sie die armen Leute nicht. Wohl ist das Wasser kostenlos zu haben, aber die Zeit, die mit dem Hinauftragen in den vierten und fünften Stock versäumt wird, ist werthvoll. Die Leute müssen eben jeden Moment, den ihnen Gott schenkt, dem Erwerbe widmen und kommen so nie dazu, gründlich zu reinigen. Hat sich mal Einer oder der Andere aus dem „Dreck" herausgearbeitet, dann sollen Sie mal sehen, wie fein und elegant so Einer daher kömmt." „Wie beschafft Ihr denn die Kleidung für Weib und Kind?" - „O, ich habe im Sommer während der Reisezeit manche Tage, an denen ich vier und fünf Gulden verdiene, da werden denn schnell Schuhe und Kleidchen gekauft, die müssen dann halten, bis mal wieder ein Glücksfall eintritt." „Und wie geht es im Alter und bei Krankheiten?" „Dafür ist hier gesorgt; große, gute, jüdische Krankenhäuser und das Altmannehaus nehmen jeden anständigen Kranken und Greis auf. Im Altmannehaus im Haag ist ein Onkel von mir seit zehn Jahren, mit siebzig Jahren kam er hinein, er ist sehr, geachtet und beliebt, er hatte sogar in der Haussynagoge Chosen thauroh, allerdings war er im Leben kein gewöhnlicher Arbeiter, er war Schammes in einer kleinen Gemeinde in der Nähe vom Haag, und vor solchen Leuten hat man Respekt." Wir waren wieder am Bahnhof angekommen und ich gab dem Manne für die halbe Stünde einen Gulden, womit ich ihn fürstlich belohnt glaubte, er aber sagte:. „Der Herr haben wohl vergessen, daß ich für ihn zehn Cents bei dem Stifelwichser ausgelegt habe?" Ich gab ihm die verlangten zehn Cents, konnte aber nicht unterlassen, noch eine letzte Frage an ihn zu richten. „Wie alt seid Ihr eigentlich?" ' „Aelter wie der Herr," war die Antwort, „ich habe aber Gott sei Dank noch keine grauen Haare." Vielleicht entschließt sich die „Staatsbürger-Zei-- . tung", dieses Interview unter der Rubrik: „Vom jüdischen Reichthum" zum Abdruck zu bringen. 3 . „Bis Moze Schabbes." ., *, „Und wenn Ihr dann nicht zahlt?" v * „Bis Sonntag." „Und wenn Ihr da nicht zahlt?" 1 - Derantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit". Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Derlaa der 3o5. Wirth'schrn Hofbuchdruckerei Aetien-Gesellschakt in Mainz. 1924