Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1902)
- Date
- 1902-11-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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erforderlich wären, um dem Bedürfnisse Aller zu entsprechen. Hieraus entspringt nun der arge UeLelstand, daß gar oft Aushilfs-Betlokale nicht nur an unpassenden, sondern geradezu unanständigen Orten errichtet werden, ohne daß die Gemeinde dagegen einschreiten könnte, so sehr auch allgemeine Entrüstung hierüber herrscht. Auch in.nichtjüdischen .Preisen bietet dieser Umstand bereits Stoff zu Betrachtungen. Ein hiesiges Abendblatt schreibt über diesen Gegenstand Folgendes: „Wer hat nicht schon den Ausspruch gehört: „Wissen Sie, ich bin kein frommer Jude, aber die hohen Feiertage halte ich doch." Ob darin Logik und wahres religiöses Gefühl steckt, mag dahinstehen. Wir müssen einfach mit dem Facit rechnen, daß die Vudapester Juden sich größtentheils nur an - den beiden hohen Feiertagen des Jahres ihres Judenthums erinnern. An Sabbaten und auch sonst sind die beiden Pester Synagogen leer, zu Jom-Kippur aber und zu Rosch- Haschonoh wollen anderthalb Hunderttausend. Juden im Tempel beten. Wo sollen btcfc Leute Platz finden? Diesem einen, besonderen Anlasse zuliebe kann die Kultusgemeinde nicht so und so viele neue Synagogen bauen. Gebetet' aber muß nun einmal doch sein — also nimmt man seine Zuflucht zu den Ersatz-Bethausern. Spekulative Köpfe erwirken sich die Erlaubniß, derlei Filial-Synagogen zu eröffnen. Leerstehende -Lokale werden gemiethet, mit ein paar rohgezimmerten Bänken ausgestattet, ein Vorsänger wird um einen Pappenstiel angestellt und dann geht das Jnseriren los, der unwürdige Reklame^chrei, daß es sich da und da am Erfolgreichsten und Angenehmsten beten lasse, daß dieser oder jene große .Kantor aus irgend einem ungarischen oder galizischen Nest den Gottesdienst leiten werde. Darum: „Nur hereinspaziert, meine frommen Herrschaften! Erster Platz, fünfzig Kronen, zweiter Platz dreißig Kronen, Kinder und Militär vom Feldwebel abwärts, zahlen die Hälfte!" Wir wünschen nicht mißverstanden zu werden. Keineswegs wollen wir die Begehung der israelitischen Feiertage beanstanden, wir wenden uns nur gegen die Inanspruchnahme einer des Gegenstandes unwürdigen Reklame unter dem Deckmantel der Religiosität zu selbstischen Zwecken. Denn wenn sich diese amerikanische Anpreisungsart bei uns entwickeln sollte, so thäte dies der Würde und dem hohen . Sinn der jüdischen Feiertage unwürdigen Abbruch. Die Kultusgemeinde sollte bei. Ertheilung von derlei Vethaus Licenzen nur darauf bedacht sein, daß die Unternehmer keinerlei Art solcher Reklame in Anwendung bringen. .Freilich, das Veste wäre eine genügende Zahl von Synagogen. Aber das ist derzeit nicht ausführbar. Jndeß, dem Reklamen-Unfug sollte und könnte energisch gesteuert werden!" Hier ist nur von der aufdringlichen, unwürdigen Reklame die Rede, auch ist der Eintrittspreis übertrieben hoch angegeben, denn solche Preise werden einzig und allein in den monumentalen Gotteshäusern gefordert. Die Sitze in den improvisirten Betlokalen kosten 2 bis 20 Kronen. Die Hauptsache ist und bleibt, daß keine Stätte den Unternehmern so unheilig erscheint, als daß sie nicht daselbst ein provisorisches Heiligthum errichten würden. Wir konstatiren jedoch mit besonderer Genugthuung und innigster Befriedigung, daß in der letzten Festzeit seitens der Gemeinde ein Anlauf zur Sanirung dieser schreienden Mißstände genommen wurde, der zur Hoffnung berechtigt, daß es allmählich gut werden wird. Herrn Ludwig Adler, dem neuen Kultuschef, gebührt das große Verdienst, hierin Wandel geschafft zu haben. Er hatte diesmal fünf große Lokale gemiethet, dieselben mit anständigen Sitzen versehen und sie derart ausgestattet, daß sie den Eindruck eines veritablen Gotteshauses machten. Diese improvisirten Tempel hatten Raum für 6000 Personen. Allerdings erst nur ein Anfang, aber immerhin ein schöner, vielverheißender Anfang. Unter der Oberaufsicht der Pester israelitischen Religionsgemeinde stehen die stabilen, das ganze Jahr geöffneten Andachtsstätten, und zwar die beiden imposanten Tempel der Gemeinde und zwölf Aushilfstempel, worunter einige, wie die der Waisenhäuser, des Spitals, der Schulen und des Alterversorgungshauses, eine prächtige, fast luxuriöse Ausstattung aufzuweisen haben. Unsere Humanitätsvereine besitzen 34 Belokale und außerdem ertheilte die Pester Großgemeinde 36 Licenzen zu,r Errichtung von Aushilfsbetlokalen, somit waren seitens der Pester israelitischen Religionsgemeinde 88 Andachtsstätten zur Verfügung gestellt. Die orthodoxe Gemeinde hat außer ihrer stabilen Synagoge noch vier ständige Vethäuser und ertheilte zur Errichtung von provisorischen Betlokalen 26 Licenzen. Somit konnte man an den' letzten Festen in Pest allein, ohne Ofen. Ujpest und Steinbruch,'die so viel wie zu Pest gehören, an 110 Orten Gottesdienste verrichten lassen. _ D. H. Spitzer. . Vermischtes York. Einen historisch interessanten Kund machten jüngst Arbeiter &<•?> alten Brunnen am Clifford»Thurme zu Jork. Es handelt sich, wie die „Jork shkre Post* bemerkt, um einen reichen. Juwelenschah, der sicherlich von einiaen der 500 Juden die von dem Mob zu Zeiten der Regierung Richard I. lLöwcnherz) in Jork Castele belagert wurden, von sich geworfen wurde. In den Annalen der englischen Geschickte bilden die Judenverfolgungen, besonders jene am Ende des 12. Jahrhunderts und die obige in Jork, wo die armen Ovfer zunächst ihren Frauen und Kinderri die Halse durchschnitten, um sich dann gegenseitig umzubrinaen. um dem raubgierigen Pöbel zu entgehen, einen unverlöschlichen Schandfleck. -