Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-14 · Heft 82-83 (14.10.1902) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 82-83 (14.10.1902)
Date
1902-10-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449871--56867-2519574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1750 vielleicht nicht allein in dieser Vollendung fertig bekommen, sollen ihnen noch Verbandsrabbiner affistiren? Das Unerhörte, Unbegreifliche dieses ganzen Gebahrens liegt so faustdick da, daß dem Referenten füg-. lich doch eine Ahnung davon aufgegangen zu sein scheint. Er fühlte wenigstens das Bedürfniß, die Herren Amtsbrüder glauben zu machen, genau so hätten auch die Rabbiner vor dreihundert Jahren sich und die Judenheit.bloßgestellt. „Wie wir Protest erhoben gegen den schändlichen Unfug des Mädchenhandels, so wurde damals der Bann ausgesprochen gegen die unzüchtigen Töchter in Israel, vor der Schändung des göttlichen Namens gewarnt und zur Einfachheit der Sitten geraihen." Und die gläubigen Zuhörer scheinen das alles für baare Münze genommen zu haben. Ich aber . werde dies so lange nicht glauben, bis ich den authentischen Wortlaut jener Beschlüsse nicht schwarz auf weiß vor mir sehe.' In der zitirten Fassung der dreizehn Beschlüsse'jener Versammlung finde ich so wenig eine Spur davon, daß ich nicht einmal einen' derselben finden kann, in dem diese Ungeheuerlichkeit enthalten fein könnte. Vielleicht daß etwas derartiges in dem § 11 gefunden oder doch gesucht werden kann, der von unjüdischer Kleidung handelt. Möglichenfalls liegt ihm eine der Klagen über Putzsucht zu Grunde, die in jener Zeit hin und wieder laut wurden, wie sie z. B. der Verfasser des rriv der um dieselbe Zeit lebte, in folgende Worte kleidet: ' nn-ion yvi myTwto bm" ib'rw pwan»; pnenateami 'wpa n'L'nnv rmn nm twro er. v-ojn a^D n-a rrn p'-p;n»..p3Bro pjn;äm ptm. .Bwpron (Amsterdamer Ausgabe u v naav). Aber daß selbst eine solche Klage dazu berechtigte, diejenigen, die sie trifft, unzüchtige Töchter in Israel , zu nennen, ist und bleibt eine solche Ungeheuerlichkeit, daß sie hier nicht in Betracht kommen kann. Nach dem Tenor des ganzen Referats sollte man wirklich glauben, der jüdische Mädchenhandel sei schon dreihundert Jahre alt, und hier von den Rabbinen damals genau so linkisch und rücksichtslos behandelt worden, wie diesen Sommer von den Herren Verbands-Rabbinern in Frankfurt:- - ' "7 '' '> Es handelt sich also nicht nur um eine Herabwürdigung der' deutschen'.' Judenheit von vor dreihundert' Jahren, sondern auch um. ihre Rabbinen. Aber wenn das Unmögliche, selbst ^möglich wäre, so ist dasselbe' was'zwei thun, doch, nicht dasselbe. Daß unsere ' 'Rabbinet-Jdeäle vor dreihundert'Jahren ihre schmutz- ';Ige Wasche'.vor der.ganzen aüßerjudischen Oeffentlich- 'hyt^ste-rhr Takt, , ihre -Frömmigkeit: ihr Verstand' und.ihr Anstand so hin-! . ' länglich geschützt, daß es eine Versündigung an ihrem Andenken wäre, sie gegen eine solche Unterstellung erst vertheidigen zu wollen. Diesen Chillul Hafchem ihnen anzuhängen, ist auch eine Frucht dieser heurigen Frankfurter Rabbiner-Versammlung. _ fte rin* nasnri j; (Fortsetzung folgt.) ZerLrrrIßsKachriÄten und Eorrespouderrzeu. > Deutschland^ Nürnberg, im Sept. Im Jahre 1tz60, aus Anlaß des Abschlusses des westfälischen Friedens, ließ der. Rath der Stadt Nürnberg durch eine Reihe von damaligen Künstlern, die zehn Jahre daran arbeiteten, einen kunstvollen Neptunbrunnen Herstellen, der in der Mitte des Marktplatzes aufgestellt werden sollte; wahrscheinlich aus Mangel an Wasser und an Geld ist es jedoch nie zur Aufstellung des großarttgen Kunstwerkes gekommen, weßhalb der Brunnen in der Peunt, dem damaligen Bauamt, in einem hölzernen Hause aufbewahrt wurde. 1798 verkaufte der Rath der Stadt Nürnberg, als die Stadt verarmt und durch die Kriegsverluste in schwere Schulden gerathen war, für 66,000 Gulden den Brunnen an den Kaiser Paul von Rußland, und heute noch bildet der Brunnen eine Zierde des Schloßgartens im Peterhof. Der Wunsch der Nürnberger, ihren Brunnen wieder zu haben, ist selbstverständlich nicht erfüllbar gewesen. Der Kaiser von Rußland hat aber auf diplomatisches Ersuchen die ErlauLniß zur Herstellung eines Gipsabgusses zum Zwecke der Nachbildung für Nürnberg gegeben, und nunmehr wird eine Nachbildung des Brunnens auf dem Markt zu Nürnberg aufgestellt werden; dem Wassermangel ist jetzt abgeholfen und dem Geldmangel dadurch, daß ein Nürnberger Bürger die Kosten der Nachbildung und Aufstellung mit 80,000 Mart hergab. Der Bürger beißt Ludwig Gerngroß, war oder ist ein Hopfenhändler und Kommerzienrath, israelitischer Religion und wohnt in Nürnberg, wo von 1499 bis 1848, also auch zur Zeit der Herstellung des Brunnenoriginals, kein Jude wohnen durfte. Die „Münchener Neueste Nachrichten", welche des Spenders Namen nennen, aber nicht im Gerüche übertriebener Judenfreundlichkeit stehen, berichten den Sachverhalt und sagen: „Die hochherzige Spende ist eine nationale That, die im ganzen Vaterlande als solche gewürdigt zu werden verdient." Ludwig Gerngroß. der schon manche andere hochherzige Spende seiner heutigen Vaterstadt zuwendete, ist schon vor längerer Zeit zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg... ernannt worden.' -- —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.