Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-09 · Heft 81 (9.10.1902) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 81 (9.10.1902)
Date
1902-10-09
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449870--56844-2519550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1728 799. Arbeit is laan Eharpe. — 961. Wo steht's? — Im Seepher Drillholz? -- ' 964. Dem sollt' mer zuhalte'! „Zuhalten" heißt im Jüdisch-Deutschen, wenn sich der Vorbeter bei seinem Gesänge von einer Baßstimme, dem „Baß", und von einer >. Diskantstimme, dem „Singer, begleiten läßt. Sang nun ein Vorbeter oder überhaupt Jemand ohne Begleitung und war der Gesang schlecht, so hieß es witzig: „Dem sollte man zuhalten!" nämlich den Mund. >•; 965. Wenn die Chasidim wandern, get's Reje'! „Wenn die Frommen wandern, sich auf eine Reise begeben, gibt's Regen." Nach der Annahme, daß der' Fromme auf dieser Welt keine vollkommene Freude haben dürfe, sich vielmehr immer in einer Noth befinden müsse, woher man denn auch den Witz machte: „Wenn er seine Frau mitnimmt, ist es nicht nöthig, daß es Regen gibt, da er dann ohnedies seine Noth hat." — Zugleich ein Wortspiel, da chasidah Storch heißt. Wenn er reist (im Herbst) gibt's Regen. .— Ein anderes Wetterzeichen war: „Wenn man drei Tage hintereinander „aushebt", gibt's Regem" Genug! Ich habe aus den verschiedenen Tbeilen des Buches einige Sprichwörter ausgewählt, deren Kenntniß in weiten Kreisen ich voraussehen durfte. Es ist. fast erstaunlich, welch' große Anzahl von jüdischdeutschen Sprichwörtern um überhaupt bekannt und geläufig sind. Ich möchte behaupten, daß dem Manne des Volkes fast drei Viertel der 1070 behandelten Sprichwörter, nicht fremd sind. Umsomeh? Interesse dürfte aber das Buch bei Jedermann beanspruchen. Der beschränkte Raum verbietet leider, eine noch größere Auswahl zu treffen, obzwar ich gerade aus dem letzten Theile, welcher die auf Mythen, Sagen und Legenden beruhenden Sprichwörter und Redensarten behandelt, noch mehreres hervorzuheben gewünscht hätte, wie z. V. die Rewezen von Kelterschbach! — Geht Vormittags schule' un Nachmittags in die Tiphle! — 976. Nittel mit Lieb! — 984. Ich ha'n gekannt, wie er noch e Virebaam wor! — 1001. Alt-Eisick wird tänzerik. — 1025. Steht wie die Malke—Schwo. — 1029. Drei Mann une Roßkopp. — 1094. Kille bleibt Kille. . Bauer spann aus. — 1054. lln wie frei, vogelfrei! — 1061. Der Mensch darf hoffen, dieweil ihm der Odem; ^'0.\. . Ich muß es jedoch dem geehrten Leser anheimstellen, sich in dem Buche selbst über all dieses Aufschluß zu holen. Unterhaltung und Belehrung fließt, hier in seltener Harmonie ineinander. Dazu beträgt der Preis des Buches nur drei Mark (I. Kauffmann'sche Buch- . Handlung, Frankfurt a. M.), was bei der vorzüglichen Ausstattung und dem i n n e r n Werthe gewiß nicht . zu hoch gegriffen ist. Vergessen möchte ich auch nicht zu erwähnen, daß auch ein 27 Seiten . umfassendes alphabetisches Register angefugt ist, vermittelst Hessen man jedes beliebige Sprichwort sofort finden kann. Möchten diese Ausführungen dazu beitragen, das Buch bei vielen heimisch zu machen, bei. Gelehrten und Laien, bei Alt und. Jung, bei Privaten und in Lesezirkeln. Die Lektüre des Werkes kann, nur nutzbringend sein. . ' '• . •- ••. ■■ ' ZeiLrmssrraHrichterr rmd Eorresporwenzen. Deutschland. - Berlin, 7. Okt. (Ungewöhnliche llmst ä n d e.) Der „Vorwärts" schreibt: Die vielen Köche, die den Konitzer Brei gerührt haben: Bürgermeister, Kriminal - Kommissare,. Ober-, Ueber- und Nnterstaatsanwälte. Land- und Amtsrichter, haben nun den Zeugentisch paffirt und durch anschauliche Schilderung des Hin und Her, aller Anordnungen, Gegenordnungen und Unordnungen das klassische Bild einer Untersuchung geboten,, wie sie nicht geführt werden soll. . Von Herrn Settegast, dem Ersten Staatsanwalts erfuhr man, daß auch der preußische Justizminister Einfluß auf den .Gang der Untersuchung genommen hat, und zwar in einer Weise, die kaum geeignet war, die Spuren des wirklichen Thäters zu ermitteln. Im. Gegensatz zu den in Könitz beschäftigten Kriminal- - kommissaren und Staatsanwälten vertrat Herr von Schönstedt die Ansicht, daß gegen den jüdischen Schlächter Levy ein förmliches Verfahren einzuleiten sei. In der glücklichen Aera der Gesundbeterei kann man sich nicht wundern, einen preußischen Justiz- - . « minister bei der Verfolgung eines „Ritualmordes" an.. ' der Spitze zu finden. - •: i Ob die Kritik der „Staatsbürger-Zeitung" die ' enggezogenen Grenzen der Gesetzlichkeit überschritten , hat, unterliegt der richterlichen Feststellung.. Das ist;! aber auch von allergeringstem Interesse.. Denn soviel . darf heute schon festgestellt werden, daß die Gläubigen j des „Ritualmordes" das kritische Urtheil über die i amtlichen Vorgänge in Könitz in heilloser Weise zu verwischen bemüht sind, und daß die Behörden eigentlich gar keinen Grund haben, ihnen darob zu zürnen. Die Haltung der nichtantisemitischen bürgerlichen Presse , beweist, daß die Kritik der Herren Bruhn und Bötticher . ° sich als eine Art Schutzimpfung erwiesen hat gegen eine viel schärfere Kritik, de^n Berechtigung durch die bisherige Beweisaufnahme hinlänglich bewiesen ist. Auch der verbissenste „Nörgler" hätte es zuvor kaum glauben mögen, daß im Hochsitze preußischer Ordnung und Musterverwaltung der Sicherheitsdienst der Behörden in so schnöder Weise versagen könnte. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.