Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 80 (6.10.1902)
- Date
- 1902-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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43# Jahrgang. Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen. De ut schl and. Berlin, 5. Okt. (D e r Koni her Mord vor demBerlinerG e r i ch t.) Wie in unserer vorigen Nummer bereits kurz berichtet,-wurde derKonitzer Mord in den letzten Tagen des vergangenen u. in den ersten Tagen des neuen jüd. Jahres wieder aufgerollt und zwar vor dem Forum der Zweiten hiesigen Strafkammer. Neues ist bis jetzt dabei nicht zu Tage gefördert worden. Die endlosen Zeugenaussagen der verschiedensten Beamten und Privatpersonen füllen die Spalten der großen politischen Blätter und cs würde den Rahmen dieser Zeitschrift weit überschreiten, wollten wir solche alle im Wortlaut wiedergeben. Es mögen hier nur die interessantesten Momente herausgegriffen sein: Auf eine Frage des Präsidenten weist der zuerst als Zeuge vernommene Bürgermeister D e d i t i u s aus Könitz die Behauptung, daß er ein Parteigenosse' der Juden sei, zurück und erklärt, er sei wegen seiner Thätigkeit von Juden ebenso angegriffen worden, rvie von den Antisemiten. " R.-A. Simons: Ist der Zeuge ein Feind ver Antisemitenbewegung? — Zeuge: Keineswegs. Ich bin in einer großen Provinzstadt gerade deßhalö nicht gewählt worden,' weil ich als Antisemit verschrieen war. Ich bin weder Antisemit noch Philosemit. — R.-A. Simons: Ist Ihnen bekannt, daß Sie in Strehlen den Spitznahmen „Antisemitentödier" hatten? — Zeuge: Das habe ich erst aus der „Staatsb.-Zeitg." erfahren. —- Vertheid.: Ist Ihnen bekannt, daß in Strehlen eine Bewegung gegen Sie bemerkbar war? Zeuge: Nein. — Vertheid.: Ist Ihnen bekannt, daß in Könitz eine Gegnerschaft gegen Sie besteht? — Zeuge: Der Bürgermeister einer lleinen Stadt, in dessen Person sich die verschiedensten Funktionen vereinigen, müßte ein Engel sein, wenn er nicht Gegner hätte. — R.-A. H ahn fragt den Zeugen, ob nicht die Bewegung gegen die Juden schon älteren. Datums sei. Der Zeuge bestätigt dies. . Staatsanwalt: Ist nicht die Agitation gegen die Juden durch die „Staatsb.-Zeitung" wesentlich vergrößert worden? — Zeuge: Ja. — Staatsanwalt: Hat nicht eine Gratisvertheilung der. „Staatsb.- Zeitung" stattgefunden? — Der Zeuge bejaht dies. Aach, seiner Kenntniß. haben, sogar Bewohner des Ortsarmenhauses -.Gratisnummern der. „Staatsb.- Zeitung" erhalten. Angeklagter B r u h n bestreitet entschieden, daß er die Erregung gegen die Juden hervorgerufen. Die Erregung sei eine dauernde gewor-V den, als Hoffmann verhaftet wurdet Die Zusendung der Nummern der „Staatsb.-Zeitung" sei anläßlich der Wahlen erfolgt. Bürgermeister D e b i t i u S: Die eigentliche Bewegung gegen die Juden habe sich gezeigt, als die Anfangs April stattfindende Ersatz^ wähl zum Abgeordnetenhaus in Aussicht stand.. Man nahm damals an, daß politische Gründe dabei obwalteten und Centrum und Polen die Bewegung, veranlaßten. Unter den Wahlmännern befanden sich näM lich 41 Juden, die immer mit den Konservativen und Deutschen stimmten und da soll denn, wie angenommen wurde, die Bewegung eingesetzt haben, um dies zu. verhindern. Die jüdischen Wahlmänner haben aber! doch gewählt, allerdings unter dem Schutz ded Gendarmen. Die Erregung sei dann bei der Verhaftung Hoffmanns noch größer geworden. Auf Befragen des , Vorsitzenden erklärt Deditius, daß unter den 11,000. Einwohnern von Könitz damals 481 Juden - warem Diese Zahl ist seitdem auf etwa 350 zurückgegangen. R.-A. Dr. Hahn: Die „Staatsbürger-Zeitung*-, habe bei ihren sämmtlichen Artikeln immer wieder, die Warnung vor einer Hetze gegen die Juden 'ertönest lassen.—R.-A. SonnenfeldEs sei darauf hingewiesen, daß kurz vor dem. Morde Frl. Cäspary eine Postkarte an den ermordeten Ernst, Winter geschrieben habe. Demgegenüber stelle, er fest, daß auch Anna Hoffmann im Februar und März Postkarten äst Winter geschrieben habe..— R.-A. Hahn: Das sei gar nicht bestritten. Der. Angeklagte Bruhn. habe es nur als verdächtig erachtet, daß Frl. Cafpary es.abgeleugnet habe, den Ernst Winter zu kennen. . , R.-A. Simons wünscht vom Zeugen, Kriminalinspektor B r a u n. Aufklärung darüber, wie er zu der Behauptung gekommen, „es stehe fest," daß nicht Mord oder Todtschlag, sondern Körperverletzung mit tödtlichem Ausgange vorliege.. — Zeuge Braun entwickelt nochmals seine Ansicht dahin, daß wahrscheinlich Winter in einer unsittlichen Situation von dem Vater eines Mädchen überrascht worden sei, daß diesen die Wuth gepackt habe und daß dann , das Anglück , geschehen sei. — Angekl. .V ruh n: Fast genau dieselben'Angaben hat der Zeuge schon vor.: zwei Jahren ,ist Könitz gemacht und als man in.ihn drang, -zu offe'stbaren. ob er,denn, Grundlagen, für dieseseine Annahme habe, hat -er, sich mit, der, .Amtsverschwiegenheit gedeckt. > V o r stIch,.., will^ bei,; dieser - Gelegenheit \ gleich feststellen, daß.sammtliche^.zn r-dieser AngHegenheif als ZeugenvernommenenodnsSllvernehmenden amtlichen Personen ohne jeden Vorbehalt von ihrer. Amtsverschwiegenheit entbunden worden sind,, um zu, dokumen-