Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1902)
- Date
- 1902-09-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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■ 43* Jahrgang. *.v-: ■ V Iweiie Aeil. zu jß 78 & 79 des „Israelit." MW SMZktn m) Amsiutkii. Von M Mannheimer, Deltelbach. (Fortsetzung statt Schluß.) Wer kennt nicht den Namen Abraham Tendlau? Sein „Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vor-' zeit" hat so manches Kind erfreut und erbaut. Vor vier Jahrzehnten griff man gerne nach „Tendlau's Märchen," erquickte sich an den farbenprächtigen Blüthen, die heute noch süßen Duft athmen. Sie sind ein aus der „Vorzeit herüberhallender Laut," wie der Verfasser selbst sagt. Noch mehr aber sollten dies „die Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit sein," die im Jahre 1860 als „Beitrag zur Volks- Sprach- und Sprichwörterkunde" in Frankfurt a. M. erschienen. Rein äußerlich betrachtet, repräsentirt sich das Werk schon als eine respektable Leistung: es enthält auf 400 Seiten nicht weniger als 1070 „Sprichwörter und Redensarten", nebst deren Erläuterung! Wer das Buch erstmals durchschaut,, der kann sich kaum enthalten, von Ueberschrift zu Ueberschrift zu eilen, die uns besonders durch den „altjüdischen Dialekt" fesseln und' gefangen nehmen. Die Lachmuskeln treten in Thätigkeit, man verschlingt förmlich, die Ueberschriften, ohne die Hauptsache zu beachten, den schönen, belehrenden Kommentar. „Wer würde sich auch nicht amüsirerf und erheitern," wenn er nacheinander Aufschriften liest wie: Das sen Dahnjes um ungelegte Eier — Schadt's nix, batt's nix — E Ponim wie e Schunre — E Ponim wie e Matze — Die bleibt aach jontevtik — Finger wie e Maleedeste — Kadme weasle Baan — Geputzt wie Schippe Malke — Es steht'm, wie dem Hund das Arba-Kanfes — Das ist e alter Schooie — Schänder debander, Aner wie der Ander — Aan Gannev haaßt den andern Ach-brosch — Ich kaaf den Chilek nit theuer — Chalderapes — Der kann en Goomel bensche, wenn er dervun kummt — Er is kaaner von den lamedwow Zaddikim — Nehmt sich e Tüchelche' vor — Das is e Goj gomur — Schmad dich lieber gleich — Dem guckt die Schmad zum Ponim raus — Wie aner geholekraascht is, so haaßt er — Mit den Mee's komme die Gee's — Wenn's Maße! nit will — Es kreischt kaaner umsunst Chaj wekajim — E böse Schmue fliegt weit — Nit besser als derhaam — Lomp hinuf. Sorg herunter — Wenn der Jontev herum is, Hot mer Choves und schwarze Wäsch — Schwuös ist der schönste Jontev u. s. w. Wie gesagt, man berauscht sich an den „drolligen" Sprichwörtern und glaubt wohl, nichts anderes als ein „humoristisches Werk" vor sich zu haben, so berückend wirkt die Fülle des Gebotenen. Erst nachdem der erste Heißhunger gestillt,' geht man der Sache mehr auf den Grund und vertieft sich , in den „erläuternden Kommentar." Erst dann merkt man den eigentlichen Zweck der Sprichwörtersammlung und erkennt den „wahren, wissenschaftlichen Werth" 'derselben. ' ' Schon das Vorwort gibt uns für die Arbeit des Verfassers beachtenswerthe Hinweise: Wir erfahren da, daß der Verfasser, nicht wie in feinen „Sagen und Legenden," auf großtentheils „schriftliche" Quellen sich stützen konnte; gar oft müßte er an Erinnerungen aus seiner frühesten Jugendzeit anknüpfen, theils einigen versteinerten Personen feiner Umgebung hin und wieder ein Wort der Vorzeit Mäuschen. Nur bei den Sprüchen und Redensarten, welche auf Sagen und Legenden beruhen, und selbst unter, diesen nur bei sehr wenigen, fand er einige Beisteuer in den Volksbüchern jüdisch-deutscher Schriftart, besonders im M'aase- Buch und im Simchäth Nephesch. - ' .s Man wird nach alledem von einem Bienenfleiß sprechen dürfen, wenn der Verfasser fast 1100 Sprich-' Wörter zusammengetragen und zusammengestellt , hat. „Hat er aber gut daran gethan, den jüdisch-deutschen Ausdrück beizubehalten? Ist dies nicht ein Verstoß gegen Aesthetik und Sprachgefühl?"'wird gqr .Mancher fragen. Selbstredend ist der Verfasser mit dieser Frage längst vorausgekommen, hat sie an sich selbst gerichtet, ehe er das Forum der Oeffentlichkeit betrat. Nachdem er lange geschwankt, hat er sich endlich entschlossen,, die Sprichwörter und Redensarten in ihrer ursprünglichen ' Form und gewöhnlichen Aussprache/ mit Beibehaltung selbst des verdorbenen deutschen Ausdruckes zu geben. Und er begründet diesen Entschluß wie folgt: Freilich wird Mancher sagen, man .sollte, diesen Jargon, diese Mauscheleien, statt sie festzuhal-, ten und auf's neue zu beleben, ihrem Hinschwinben und Absterben überlassen. Wohl, auch wir. wünschen .von Herzen, daß alle Mauscheleien, wo. sie. noch zu finden, immer mehr und mehr aus Sprache und Leben, schwin-, den mögen; aber — abgesehen davon, daß cs gut ist, wenn auch der Schichte des Volkes, die noch auf denk Standpunkte der hingeschwundenen Zeiten steht, ihr Denken und Fühlen zum Bewußtsein gebracht wird 7--' soll deßhalb alles Kräftige und Treffende,.was vöm° Volke seit Jahrhunderten nicht in Deutschland, sondern in allen jüdischen Gemeinden, die daher stammen,, in. dieser Mundart gedacht und gesprochen worden ist, der-' gessen werden? Und wollten wir dieses recht charakteristisch geben, so mußte auch der ursprünliche Aus-' druck in Form und Wendung völlig beibehalten wer-