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Der Israelit · 1902-09-25 · Heft 77 (25.9.1902) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 77 (25.9.1902)
Date
1902-09-25
Page
– (sequence 19)
Language
German
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r t' 1637 stellen." Wenn uns die nichtjüdische Welt den Eintritt in ihre Gesellschaft verwehrt, sagen unsere russischen Dolksbeglücker. so müssen wir*) nnru cr>z werden; wir gucken ihr ihre ganze Kultur ab und führen sie auf eigene Faust in unser „Nationaljudenthum" ein, „Hebräisiren ste." Die Thauro, welche einst als tausend- Mtiges Band unsere ganze Nation umschlang, soll uns noch weiter als solches dienen und wenn ihr Inhalt. ihre Gesinnungen und Behauptungen, ihre Gebote und Verbote nunmehr als veraltet mit Stumpf und Stiel auszurotten sind, ist uns doch ihr Gefäß, die hebräische Sprache jedenfalls unentbehrlich, da wir sonst nicht mehr wüßten, was wir miteinander und mit den alten Juden außer dem Namen noch gemein haben und den nationalen Tod sterben müßten. So erschließt sich uns das Nationaljudenthum in allen seinen Erscheinungsformen, sofern es nicht auf dem Boden von rmn steht, als eine 'auf den Antisemitismus reagirende und vorzüglich den russischen Verhältnissen entsprechende Spielart der Assimilation, mag es sich noch sehr als Antipode derselben geberden. Als inhaltsleere Form sieht es einem unerbittlichen Naturgesetze zufolge seinem sicheren Untergange entgegen, vor dem es weder durch den künstlichen Kitt der neuhebräischen Litteratur, noch durch die Methodenkrücke gerettet werden kann. Die Gefahr jedoch, weiche uns von Seiten dieses Steckenpferdes droht, ist nicht weniger groß; denn in den seltenstenFällen kommen die Enttäuschten nach dem Zusammenbruche ihrer spinnwebenen Svsteme zu uns zurück, gewöhnlich gehen sie im großen Strome der nichtjüdischen Welt unter, wenn nicht das Erscheinen eines Chiskijohu, eines Schimon ben Schotach, eines Rabbi Akiba .... dem Laufe der jüdischen Geschichte. der Weltgeschichte eine neue Wendung gibt. Wir wollen jedoch hoffen, daß die überzeugenden. und begeisterten Worte unserer russischen Geonim auf fruchtbaren Boden fallen, daß unser Volk wieder seine wahren von seinen falschen Freunden unterscheidet, seinen Verführern den Rücken wendet und seinen altbewärhten Führern folgt. Dr. Josef Seliger. Zeitirugsnachrichterr und Korrespondenzen. D e u t s ch l an d. Berlin, 18. Sepi. (Virchow L b e r den M y st i c i s m u s.) Als gewähltes Haupt der Ver-^. liner Universität hielt Rudolf Virchow, wie man der «Voss. Zeitung" schreibt, 1893 eine Rektoratsrede, in der er die Herrschaft unklarer Geistesrichtungen in der *) S. Awoudo soro 3 b. Gegenwart, die einen Rückschlag gegen die naturwissenschaftliche Richtung bilden, behandelte. Nach Virchow kann der Antisemitismus, soweit er nicht einer verderbten Sittengrundlage entsprossen ist, nur in einerbesonderen Art, die Eigenthümlichkeiten von Rassen- und Religionen aufzufassen, wurzeln. Diese aber be-U ruht beim Antisemitismus, wie seine Geistesverwandt-: schaft mit dem Fremdenhaß derNaturvölker beweist, auf; ganz unklaren, wenn auch durch unvordenkliches Alte? befestigten Anschauungen über die Eigenart fremder - Stämme. Der Rassenhaß hat, wie er in Deutschland und Oesterreich auftritt, nicht im mindesten eine feste Grundlage in den Ergebnissen methodischer Forschung, und deßhalb bezeichnete ihn Virchow als eine Form des ' Mhsticismus. Virchow sagte damals in seiner letzten Rektoratsrede über das Vcrhälniß zwischen Religion und Wissenschaft: „In der Wissenschaft ist es gleichgiltig, welcher Religion man angehört; ebenso wenig bedarf es einer solchen, um Gutes zu thun." Berlin, 18. Sept. (Die jüdischen B e r - liner Anwälte.) Die Festnummer des -.Jurifiischen Litteraturblattes" zum 26. deutschen Juristentag, der am 10. September in Berlin zusammentrat, enthält u. A. einen Aufsatz: „Die Berliner Anwaltschaft" von Justizrath Dr. I. Stranz, dem wir folgende Stellen entnehmen: / '• „Bekannt sind die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, die dem Eintritt jüdischer Assessoren in den Verwaltungsdienst und seit einigen Jahren auch in die richterliche Laufbahn entgegengestellt werden. Was bleibt nach jahrelangem Warten, nach unverdienten Zurücksetzungen Anderes übrig, als die Flucht in die Advokatur! Sie, welche eine Pflanzstätte der richterlichen Beamten sein müßte, wird umgekehrt künstlich zu einem Sammelbecken anderweitig zurückgestoßener Kräfte gemacht. Man beklagt die Ueberfluthung der Großstädte, namentlich Berlins, mit jüdischen Anwälten und führt doch diesen Zustand selbst herbei. Auch die Art und Weise, in welcher das Notariat verliehen wird, ist geeignet, die Stellung der Anwaltschaft in der Neichshauptstadt zu gefährden. Geschieht doch.Verleihung und Versagung für Berlin, wie auch für andere ' Großstädte, nach konfessionellen Gesichtspunkten. Die „schwarze Liste" ist eine Einrichtung geworden. Mit den Bedürfnissen der Bevölkerung, auf die man sie zu stützen suchte, ist sie nicht in Einklang zu bringen. Denn: eine Statistik der Notare hat ergeben, daß die Berliner ihren Notar ohne Rücksicht auf dessen religiöses Bekenntniß wählen. Jedenfalls wird für Berlin eine' .Spezies Anwälte, gezüchtet, die früher nicht exiftirte: der jüdische Justizrath, dem das Notariat fehlt. Das heißt also, ein zwanzigjähriger, ehrenvoller Dienst als Anwalt, anerkannt durch die — wie betont werden mag, völlig unparteiische — Verleihung des Nathstitels, genügt nicht für Verleihung des Notariats.

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