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Der Israelit · 1902-09-18 · Heft 75 (18.9.1902) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 75 (18.9.1902)
Date
1902-09-18
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1594 Großhändler, 6 Christen- und 23 Inden-Trödler.; . Abgetragene und weiße Wasche in den Gaffen und am' Judenplatze werden an 37 Orten verlauft; auch gibt es 246 Christen- und 12 Juden-Greißler, dann 40 Unterhändler." Bei den übrigen Branchen find die Kon-, fessiönen nicht gesondert, 'sondern blos die Hauptführer der daran Betheiligten angegeben..' Von der „Eonsumtion" wird angeführt, daß beispielsweise „1 Pfund Rindfleisch 14 kr. W. W. (Wiener Währung, nach dem jetzigen Gelde nicht ganz 12 Heller) und 1 Centyer schwarzes Brodmehl 3 fl. 53 kr. W> W. (ungefähr 2,82 Kronen) kostete. . Nun kommen wir zum interessantesten Theil des ganzen Buches. Es ist dies der Abschnitt „Religionen", welcher mit den Juden und zwar folgendermaßen schließt: „Die Juden, welche seit der Zerstörung Jerusalems in die ganze Welt sich zerstreuten, haben sich erst in neuerer Zeit zu. Pest angesiedelt, und obwohl sie früher Nur unter einigen Bedrückungen geduldet wären, so ist ihre Zahl doch schnell und so beträchtlich ange- .. wachsen, daß sie nach der Beschreibung vom Jahre 1832 schon 5526 Seelen zählten; eine Zahl, die jene " der Lutheraner, Reformirten,'Griechen. Wallachen und Raitzen zusammen genommen viel übertrifft. Die Juden machen sich jeden Ort zum Tempel. Wenn nur ' zehn volljährige, das heißt über 13 Jahre alte Manns- - Personen darin vereinigt sind,, so ist es nach ihren Ge- .setzen hinreichend, den Schöpfer in bester Form' anzubeten. Indessen haben die.Juden in Pest mehrere stabile - Synagogen, von denen die beiden vorzüglichsten, erst kürzlich elegant errichteten, sich im Baron Qrezy'schen Hause auf der Landstraße befinden. In einer derselben , werden Predigten , in rein deutscher Sprache, und der! Gottesdienst in ganz veränderter Form gehalten. Bei Begründung dieser Anstalt diente zum Leitfaden, daß nachdem in - Wien , durch die allerhöchste Gnade und Huld Sr. Majestät, den Israeliten die Erbauung eines eigenen Tempels zugestanden wurde, bildete sich auch hier in Pest ein Verein, miethete sich ohne Anstand oder Hinderniß ein Lokal, und nachdem die Zahl des Vereins so anwuchs, daß das Bedürsniß fühlbar wurde, so , hat die Gemeinde zwei Lokale gemiethet, wo in der einen, wie früher, nach der polnischen Art, lMnhoge Pohlen) gebetet, und in der anderen der Gottesdienst am Sabbat und den übrigen Feiertagen ganz nach dem in Wien üblichen Ritual- und Choral-Gesang und . deutschen Kanzelreden abgehalten wird, wobei auch die in Wien gedruckten deutsch-hebräischen Gebetbücher . (Sidur) und die Psalmen, durch eigens dazu verfaßte Chöral-Grsänge in Anwendung genommen wurden. Der deutsch-israelitische Prediger hat mehrere Proben von Kanzelreden in rein deutscher Mundart im. Tempel abgehalten, und nachdem sich seine Predigten im Sinne eines vollkommen geeigneten . Religions-Lehrers bewährten, erhielt derselbe mit einem angemessenen jährlichen Gehalt seine Anstellung, ebenso erhalt der bei Jj diesem Kultus angestellte Kantor einen jährlichen He- . 8 halt. Weil jedoch dieser Kultus, ebensowenig ' wie j mehrere andere Konfessionen, einen eigenen Kirchen- 1 fonds besitzt, so werden die Gehalte und alle sonstigen - f Unkosten durch jährliche Vermiethung der Männeri und Frauensitze , mit Beihilfe der übrigen Kirchenj Revenuen und Ritual-Gebühren bestritten, unddas. - etwa Fehlende aus der Gemeindekasse gedeckt. . Da 4 übrigens die in diesem verbesserten Kultus.eingeiührten i rein deutschen Kanzelreden und die geläuterte Gottes-! Verehrung auf die Verbreitung echter Religiosität mach- \ tig einwirken, und hierdurch, wie natürlich, die. Ver- \ besserung der Moralität herbeigeführt wird, indem j solche Individuen, welche ehedem Jahre lang die Gottesß Verehrung vernachlässigten und kein Behagen an der I gewöhnlichen Andachtsübung fanden, gegenwärtig.die- : ses Gotteshaus fleißig besuchen und die. Kanzelreden 1 mit ungetheilter Aufmerksamkeit anhören, .so..liefert < dieses den eklatantesten Beweis, wie sehr sich der Nutzen 7 dieser Betanstalt bewähre, in welchem Ansehen selbe flehe und welche gute Folgen sie habe. Besonders darf - hier nicht unbemerkt bleiben, daß sogar Mädchep, .welche.; früher keine öffentliche Gottesverehrung zu 7 besuchen. gewohnt waren, gegenwärtig jeder Andacht und Pre- - i digt fleißig beiwohnen, wodurch sie von- Jugend auf i zur Religiosität und der damit verbundenen Sittlich-' feit angehalten werden," ‘.../V".. ’ 7 Seither wurde der sog. Chortempel, in welchem j der von Mannheimer und Sulzer inaugurirte moderne 1 Gebetcyklus eingesührt wurde, schon vor Jahrzehnten aufgelassen. Die Orgel wänderte nach dem . Stadttempel in Temesvar ilnd die Einrichtung schmückt jetzt den Neuhäuser Tempel. Die konservative Synagoge ging in das Eigenthum der aut. orth. Jsraelitengemeinde über, die daselbst nach uralter, jüdischer Ueberlieferung ihre Gebete an den Einig-Einzigen richtet. Die Neologen-Gemeinde hat zwei grandiose .Gotteshäuser, die nur selten ihres Gleichen finden: der Tempel ..mit dem Qrgelspiel durch elektrischen Motorbetrieb, ungarische und deutsche Predigt und Choralaesang. sowie zweimalige Unterbrechung des Gottesdienstes, mit - zwei Pausen' von zusammen über drei Stunden am Sühnfest; und als deren Antipode die konservative Synagoge mit vorschriftsmäßigem Gottesdienste ohne Orgel, doch mit Choralgesang. Ob's jetzt nach 70 Jahren durch den „modernen" Kultus um die jüdiscbe ' . Sache besser steht?, das können wir leider nicht mit Ja beantworten. Und solches „Ueberschreiten" nennt 7. sich Fortschritt; : D. H. S p i h e r. .'

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