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Der Israelit · 1902-09-11 · Heft 73 (11.9.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 73 (11.9.1902)
Date
1902-09-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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43» Jahrgang. Wissenschaft oder- Gelehrsamkeit. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. XII.*) Im Uebriaen ist damit nur dre Sache von der einen Seite gezeigt. Hat man erst die Religion ausschließlich in das Bereich verschwommener, nebulöser Stimmungen und Gefühle verlegt, so lverden auch jene Folgen nicht ausbleiben, die allgemein in solchen Fällen, beobachtet worden sind. Der Stand der allgemeinen Intelligenz müßte dann unfehlbar zurückgehen. In den weiten, blauen Dunst, in welchen das Voltsbewußtsein sich einhüllt, wird schließlich der Rabbiner -noch als der einzig Sehende sich betrachten und — die Priesterhcrrschaft ist unvermeidlich. Das Eine jedoch sollte unser Volt seinem alten, überlieferten Judenthume nicht vergessen, daß dieses seine Bekenner einerseits niemals zu einer willenlosen, unmündigen Heerde herabwürdigt und daß es dessen geistlichen Vertretern andererseits niemals die geringste priesterliche Macht in die Hände gelegt hat. Wohl muß eine gesetzliche Religion dem Volke zu Gunsten der höheren Forderung der Moral mancherlei Entsagungen auferlegen. Allein im Vergleich zu den erzielten Errungenschaften,-fallen solche gar nichts in's Gewicht. Die Religion der Erkenntniß — nur eine gesetzliche kann auf diesen ivahrhaften Ehrentitel Anspruch erheben — bewegt sich zudem auf jener Bahn, den alle Wissenschaften und Künste einschlagen mußten, um zu dem Stande ihrer gegenwärtigen Höhe zu gelangen. Musik und Gesang. Poesie'und Schausvielkunst, sind ursprünglich Aeußerungen des dunkeln Trieb- und Empsindungslebens. In der Mitte unkultivirter Völker stehen sie noch heutigen Tages auf dieser Stufe. Als Künste, die eine weltbczwingende Mackit darstellen, erscheinen sie jedoch erst dann, wenn sie durch die Erkenntniß in allen ihren Aeußerungen durchleuchtet und beherrscht werden. Denselben Weg haben auch alle Wissenschaften durchschreiten müssen, um-zum Höhe-. Punkt ihrer gegenwärtigen Ausbildung zu gelangen. Daß die einzelnen Stoffe unseres Erdballon gewisse Wirkungen auf einander ausüben und somit in einem bestimmten Wechselverhältnisse zu einander stehen müssen, wurde von jeher geahnt. In Bethätigung dessen betrieben die Menschen die abenteuerlichsten Quacksalbereien der Alchemie. Erst als es gelang,, diese weiten Gebiete der Erscheinungen auf dem Wege verstandes¬ *) Bgl. Nummer 70 d. Bl. , mäßiger Einsicht zu durchleuchten, konnten sie dem Bereiche des Aberglaubens entrissen werden und ein so weites u. erfolgreiches Gebiet erkenntnißmäßiger Errungen- . schäften abgeben. Ueber das, was Recht und Unrecht ist, hatten die Menschen von jeher bestimmte Ahnungen. Da jedoch diese dumpfen Instinkte den verwickelten Angelegenheiten und Vorfällen des menschlichen Lebens rathlos und verloirrt gegenüber standen, so ward durch ein sog. Gottesurtheil, das doch eigentlich nichts anderes, denn ein Ürtheil beschämenden Stumpfsinnes und finsteren Aberglaubens ist, ein Ausweg aus der Verlegenheit gesucht. Hier zeigt es sich am. deutlichsten, wie der jeglicher Erkenntniß baare Mensch oie ausgesprochene Neigung zeigt, in der Bethätigung der erbärmlichsten Beschränktheit, einen Kultus der Gottheit gar zu erkennen. Wer in der Religion der Ausscheidung des Gesetzes das Wort redet, der müßte, bei folgerichtigem Vorgehen, auch bezüglich des Rechtslebens denselben Standpunkt vertreten. Nur die Partei, der gegenüber jeder gesittete Mensch auch die entfernteste. Beziehung ablehnt, hat bisher sich dazu bekannt. Wir jedoch sind der Ansicht, daß in dem Maße, als ein formgerechtes, erschöpfendes, auf der Höhe richterlicher Einsicht sich bewegendes Urtheil in Rechtssachen mit einem vom baren Stumpfsinn eingegebenen, sog. Gottesurtheil gar keinen Vergleich duldet, in demselben Maße ist eine' Religion des Gesetzes derjenigen überlegen, die dasselbe ausgeschieden und sich daher ausschließlich an die wie im Finstern tastenden Triebe wendet ' - Dr. Moses Heß, der geistreiche Verfasser von „Rom und Jerusalem", ist gewiß über den Verdacht erhaben, ein voreingenommener und einseitiger Parteigänger unserer Sache zu sein. Seine Aeußerungen über die beiden gegensätzlichen Richtungen, in welche das moderne Judenthum sich spaltet, werden daher als die eines unparteiischen Beobachters bei jedem Nedlichdenkenden, dem das Judenthum eine ernste Herzensangelegenheit ist und nicht blos eine Sache, über die man geistreich schillernde Phrasen macht, um so schwerer in's Gewicht fallen. Ich kann es mir daher nicht versagen, einige seiner Aeußerungen. welche auf unseren Gegenstand Bezug haben, hier wörtlich anzuführen: „Ich kenne nur eine jüdische Genossenschaft, die uralte Synagoge, die glücklicherweise noch besteht und hoffentlich auch noch so lange fortbestehen wird, bis die, nationale Wiedergeburt des Judenthums vollendet ist.^ — Ich selbst würde, wenn ich Familie hätte, trotz meiner' dogmatischen Heterodoxie, mich nicht nur im öffentlichen Leben einer frommen, jüdischen Gemeinde anschließen, sondern auch in meinem Hause alle Trauer- und Festtage vorschriftsmäßig feiern, um in mir und ^meinen Nachkommen die jüdischen Volkstraditionen lebendig zu

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