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Der Israelit · 1902-09-11 · Heft 73 (11.9.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 73 (11.9.1902)
Date
1902-09-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1537 „Sie setzen mir hart zu, doch sei es. Um Ihretwillen sei ihm vergeben! Gleich morgen Abend fahre ich mit Ihnen nach Prag, Martha zu holen, nach der mir, aufrichtig gesprochen, schon recht bange ist. Ob sie jetzt zurückkehren wird?" fragte Honig neckend. „Morgen können wir noch nicht fort, Papa," sagte Hellmann. „Auf morgen ist die Prüfung anberaumt, die darf nicht verschoben werden." 8. Das Wiedersehen. Die Prüfung in der Talmud-Thoraschule zu M. war sehr günstig verlaufen. Dr. Hellmann erntete den wohlverdienten Beifall für den Eifer, mit dem er die Pflege des Bibel- und Religionsunterrichtes betrieb für die bedeutenden Erfolge, welche seine Schüler, namentlich in der hebräischen Sprache, aufwiesen. Nachdem die gefürchteten Sophismen Dr. Piesen's diesesmal nicht störend in den allgemeinen Beifall fielen,, so konnte sich Hellmann der ihm dargebrachten stürmischen Lobesbezeugungen kaum erwehren. Unter diesen Umständen unterblieb auch die beabsichtigte Kündigung, die sicherlich auch nicht angenommen worden wäre. In dem schon einmal geschilderten Wohnzimmer auf dem Altstädter Fleisch.markte in Prag finden wir Emma und Bettina Kolinsky in traulichem Gespräche beisammen. Es gab vielleicht keinen größeren Gegensatz, als diese beiden Schwestern. Emma, die ältere, war hochgewachsen, schlank, mit rabenschwarzem Haare und dunkeln, braunen Augen. Betti, die jüngere, war klein und verwachsen. Das schöne, goldblonde Haar war kronenartig um ihren schief zwischen den Achseln steckenden Kopf gelegt, und ein paar blaue Augen blickten lebenslustig in die Welt hinein. So absurd es klingen mag, so gewiß war es auch: Die Augen der schöngestal-' teten älteren Schwester waren umschattet, waren, wie der Dichter sagt, Augen, die sich im Weinen übten, während die jüngere, mißgestaltete, lustig und heiter, gar oft übermüthig drein blickte. Es ist ein solches Naturell bei solch einem unglücklichen Wesen aber eins der vielen ungelösten Räthsel der Natur, man nähme denn an, daß die hohe Intelligenz und seltene Herzensgüte dieses armen Geschöpfes das ihre zu der Heiterkeit ihrer Seele beitrug. So sagte ste auch jetzt ganz aufgeräumt zur alteren Schwester: „War das ein schöner Chol-hamoed heute, dieser herrliche Frühlingstag und eine Fahrt in den Baumaarten, was kann es Schöneres geben? Für diesen Genuß werde ich Fräulein Martha immer dankbar sein." „Du hättest auch voriges Jahr hie und da einen solchen Genuß haben können, wenn Du mir gestattet hättest, einen Fialer oder Einspänner zu nehmen." _ „Nein, wie könnte ich diese Verschwendung gestatten? Du plagst Dich den ganzen Tag mit Stundengeben ab, und ich, die Müßiggehrrin» sollte' bequem Spazierfahrten im Fiaker machen?:. Ja, wenn Du Dein vorgestecktes Ziel erreicht hast, und als Jnstitutsvorsteherin größere Einkünfte und eine gesicherte Existenz haben wirst, dann werde auch ich größere Ausgaben bewilligen. Jetzt aber heißt es noch immer, sparen und jede größere Ausgabe vermeiden. Ich betrachte es als G.lück für uns, daß wir an Fräulein Martha eine Pensionärin bekommen haben, welche wohl unsere einfache Lebensweise theilet, dabei aber ein so reichliches Kostgeld zahlt, daß meine Haushaltungskassa niemals leer wird und ich monatlich Ersparnisse mache.7v „Findest Du nicht, liebe Betti," unterbrach Emma, daß die Martha während der Feiertage 'sehr verändert ilt? Sie blickt sehr trübe, oft mit verweinten. Augen um sich her. kaum, daß wahrend der heutigen Fahrt Deine gute Laune ihr ein Lächeln entlocken konnte?" „Wohl bemerkte auch ich es," antwortete Betti, „jedoch finde ich diese Veränderung in dem Wesen unserer lieben Freundin sehr erklärlich. Sif fühlt Sehnsucht nach ihrer Heimath, ihrem Väterhause.- Darum ilt ste bedrückten Gemüthes. Wer den . Seder in der Fremde feiert, und nicht von der Sehnsucht nach der Heimath, nach den dort lebenden Angehörigen befallen wird, der müßte ja gerade herz- und gemüthlos sein, und beides ist Martha nicht, wie Du weißt." - Emma fragte sinnend, fast zu sich selber sprechend:' „Ob sie denn doch nicht bereut, daß sie Heinrich so abgewiesen hatte, oder ob nicht etwas in ihrem Herzen für ihn spricht, ob nicht ein Fünkchen Reue in ihr glimmt, oder Liebe sogar. Unsere Pflicht wäre es alsdann, dieses schwache Fünkchen anzufachen> bis es zur bellen Flamme werde, an welcher dann zwei Glückliche ihr Herdfeuer anzünden könnten."-^;-I wr: „Warum nicht gar schon die Sabbatlampe und die Chanukamenorah, oder was für Flammen Deiner edelmüthigen Phantasie vorschweben. Aus Piesen macht sie sich gar nichts. Das. könnte ich Dir mit einem heiligen Eide versichern, aber ob nicht in M. oder gar in Prag Jemand anderer ist^ den sie liebt. das wollte ich nicht verschwören. Sie sieht mir gerade so Nus, als wäre es nlit ihrem kleinen Herzchen nicht ganz in Ordnung." " „Was Du nicht alles weißt, Du kleiner Allwissend! So scharfsinnig sonst die Bettina ist, in dem einen Falle müßte sie doch hie und da Briefe bekommen oder schreiben, im anderen Falle Besuch bekommen oder 'Zusammenkünfte haben. Beides könnte uns doch nicht -verborgen bleiben. Siehst Du wohl?7- --^ „Wohl möglich, ich streite nicht darüber," sagte Betti. „ich habe nur meine Vermuthung ausgesprochen. Aber das Eine weiß ich bestimmt, daß sie den Piesen nicht nimmt, auch wenn Du Deinen ganzen, , nicht unbedeutenden Einfluß auf sie in die Wagschale^ wirfst. Das ist vergebeneLiebesmüh',^ sage: ich 7Drr"Mb ' ich weiß, was ich spreche.". u,

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