Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1902)
- Date
- 1902-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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oder gar schon gekommen fei. Aber wir sind bereits so weit. Als ich kürzlich nach Buchau am Fedcrsee kam und den Schulhof betrat, in dem die Aborte sichen, fand ich, daß jede der Abortsthüren eine andere Aufschrift trug, und zwar die erste „Für Katholiken", die zweite „Für Protestanten", die dritte '„Für Israeliten". Wenn Sie einmal nach Buchau kommen, können Sie sich selber überzeugen. Wir sind also bereits weiter in der Ausbildung der verschiedenen Arten konfessionellen Bewußtseins, als Sie glaubten." Das finb Abnormitäten, die zu sehr trüben Rückschlüssen Zwingen. (Bekanntlich ist auch in Buchau eine Synagoge mit einer Glocke. Red. d. „Jsr.") Münsingcn, 3. Sept. (T e st a m e n t.) Der vor einigen Jahren in Newyork verstorbene Adolf Bern- Heim widmete testamentarisch seiner Heimathgemeinde Buttenhausen ein Kapital Zur Gründung und Erhaltung einer Realschule. Nachdem die Verhandlungen darüber mit den staatlichen Behörden lange nicht Zum Ziele führten, scheinen die Hindernisse nun gehoben zu sein. In letzter Woche war ein Bruder des Verstorbenen dort und erwarb zu diesem Zwecke ein Gebäude, so daß man bald auf Eröffnung der Anstalt rechnet. Frankreich. Paris. 3. Sept. . In einem kürzlich von dem,Kolönialminister vublizirten Bericht über die französische Kolonie Djibouti in Somaliland heißt es: Die Juden, welche in Djibouti leben, sind alle aus Aden und Jemen gebürtig. Bis vor Kurzem waren es nur Wenige und auch nur Männer. Sie haben'sich indeß in der letzten Zeit sehr vermehrt und auch jüdische.Frauen sind bin-, zuaekommen. Im Ganzen sind es etwa 50 Seelen, einige betreiben einen kleinen .Wandel mit Baumwollwaaren. andere sind Jnweli-re. Goldschmiede od-»r Geldwechsler. Anscheinend wollen die Juden sich hier dauernd anlässia machen. Einer der reichsten. Inden aus. Aden. Benine. Kat hier ein großes R/izaroebnnde und isi auch Eigentbümer von weiteren Grund^ii^en in Djibouti. Er isi übrigens neben Cowasjee und anderen Bananen einer der Größten Grundeia-'ntbüni»^ in Aden. Die eurooäischen Kausleute scheinen den Fehler 2« beaeben. rn iiberseben. daß sich in den Inden ein Element in Somolilond ansäsira macht. das nicht unterschätzt werden sollte und über viel Kavital verfügt. Türkei. Constantinopek. 4 Sevt. In einem Artikel mit der Ileberschrikt . Dos Schülermaterial W deutschen Nealschnle in Eansiantinovel" schildert ^iß Braun Juden, Armenier und Kriechen. Es isi besonders h-- merlenswertü. wie er dies tbut u. daß dies in der antisemitisch aelärbten ^Täol. Rundschau" aeschiebt. Bon den Juden saat er. daß. ibre Reianna -u G-winn bringendem Handel daselbst lanae nicht s" scharf a."saevräot sei. als anderswo und daß sie den Germanen detzhalb sympathisch seien; dagegen schildert er die Armenier wie folgt: Die lange Geschichte des Volkes der Knechtschaft und Niedrigkeit macht die Entstehung mancher Eigen- ' schäften verständlich, aber diese selbst darum nicht, lie- . benswerther. In all den Jahrhunderten, da der krumme Säbel des Türken, an oft recht dünnem.Haare über ihrem Haupte hing, in den langen Zeitläuften, - da äußere Behaglichkeit, imponirender Besitz fast das höchste Menschengut war, das ihnen zugänglich blieb,, hat dieses Volk seine Intelligenz, seine Schlauheit, seine Fähigkeit zum Gelderwerb recht weit entwickelt. . Aber das war auch alles; ideale Güter lernten sie niemals schätzen, kein selbstloser Mann hat je. für sie ge- . arbeitet und gewirkt, um am Ende seines Lebens wenigstens von einem Berge Horeb hinauszuschauen in 7 eine, gesegnete Zukunft seines Volkes.^ Irdisch blieb ihr Trank und ihre Speise, das Gölls ihr Ideal, und gleichgiltig wurde ihnen der Weg, auf dem man zu dem gleißenden Metall gelangen kann. Kriechend im Falle der Roth, unverschämt, aber nicht stolz im Falle der Obmacht, stets ohne große, männliche/Charakterzüge, wird dieses Volk wohl bleiben, was es im Lause der Jahrhunderte ward, ein Volk von Sklaven. Da ist auch die Aufgabe ihrer Lehrer nicht allzu rosig. Immer wieder muß dieser sich von seinen Armeniern sagen: „Sie werden wachsen, ein Weib nehmen, Geld scharren und sterben, nachdem sie eine Menge ähnlich strebender Wesen zeugten," das ist eine Geistesrichtung, die einem deutschen Lehrer nicht allzu sympathisch zu sein vflegt. Praktisch hat er mit ihnen allerdings wenig Schwierigkeiten. Der Unterricht kostet Geld; darum wollen sie ihn .ausnützen. In allen Fächern, bei denen es auk's Sitzenbleiben und Versetztwerden' ankommt, in allen Gegenständen, die vor allem das Geldverdiev.cn, den Kampf um's Dasein erleichtern können, leisten sie zumeist in Folge ihres praktischen Fleißes, ihrer intelligenten Art.recht Gutes.. Aber selbst an ihren Erfolgen hat man nicht allzuviel Freude, auch die Wissenschaft, rein, geistige Kenntnisse, entwürdigen sie zur Metze des Geldbeutels. - V Naturgefühl ist diesen Propheten der Praxis fast immer fremd. Die goldene Sonne ist ihnen nur das. praktisch bedeutsame Gestirn, das die Früchte der. Felder reift; die grüne Erde mit ihren ragenden Berqen und tiefen Thälern nur das breite Feld,, durch das der Pflug seine Furchen zieht. Nur einen einzigen armenischen Schüler lernte ich kennen, der seine Freistunde mit Vorliebe , in Gottes freier Natur zubrachte, der. sich tagaus, tagein auf den blauen Wogen des Bosporus schaukeln ließ, trotzdem ihm diese Beschäftigung keine Erhöhung seiner Erwersfähigkeit in Aussicht stellte. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen von dieser Regel. Völkervsychologie ist.ein ühles Ding und will man nicht ungerecht werden gegen so manchen, der j einem im Widerstreit zur allgemeinen Regel lieb wurde und werth, so muß man immer wieder und wieder her- I vorheben, daß alle Behauptungen und Meinungen auf