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Der Israelit · 1902-09-04 · Heft 71 (4.9.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 71 (4.9.1902)
Date
1902-09-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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war bei ihm beschlossene Sache, seinen Posten freiwillig zu verlassen. Wenn sein Wirken in Schule und Tempel derart untergraben wurde, wie es thatsächlich der Fall war, was sollte er länger hier? Am ersten Tag Chol-hamoed sollte, wie alljährlich, die Religionsprüfung abgehalten werdentrotz seines eifrigsten Strebens und selbstloser Arbeit würde diese für ihn vorausstchtlich nicht gut aussallen, in Folge der zwischen ihm und dem neugewählten Schulaufseher bestehenden nicht auszngleichenden Differenzen. Dieser wollte den Religionsunterricht auf eine ganz moderne Basis bringen, wollte das ganze Ritualgesetz ausgeschlossen wissen, nur die Morallehre sollte bleiben, während Hellmann das Herz der ihm anvertrauten Kinder der Lehre des echten wahren Judenthun:s öffnete, ihnen die Gebote und Gesetze, welche die Gotteslehre vorschreibt,, einprägte. Er wurde von Dr. Piesen deßwegen ein Finsterling genannt, der unfähig sei, den Rabbinerposten in M. auszufüllen. Piesen scheute selbst davor nicht zurück, seine Ansicht selbst vor der Schuljugend auszusprechen, und das werde er voraussichtlich auch dieses Mal während oder nach der Prüfung thun. In diesem Falle war Hellmann entschlossen, an Ort und Stelle seine Kündigung vorzubringen. Die Zukunft machte ihm nicht bange. Sein Fleiß, sein Talent und seine Kenntnisse würden ihm schoneinen Wirkungskreis eröffnen, der cs ihm ermöglichen wird, sein Ziel zu erreichen, das Ziel nämlich, seine Martha heimzuführen. V. Eine Mission. Die Erinnerung an Martha verscheuchte die trüben Gedanken, welche sich der Seele des jungen Rabbiners bemächtigt hatten und ganz heiter gestimmt war er, als er am ersten Halbfeiertag den Besuch des Kultusvorstehers' empfing. Der Rabbiner trat dem mit einem „Gut Jomtof"- Wunsche eingetretenen Vorsteher entgegen, reichte ihm zum Willkommen die Hand und geleitete ihn zu einem Fauteuil. Der wohlbeleibte Herr ließ sich mit solcher Wucht nieder, daß der Sessel in seinen Fugen krachte, dann zog er ein großes, gelbseidenes Taschentuch hervor und wischte sich damit die Stirne ab, auf der große Schweißtropfen perlten. „Haben vorgestern eine famose Predigt gehalten, Herr Doktor, so erotisch, so verliebt, man erkennt gleich, daß wir einen jungen, ledigen Prediger haben, ha. ha, ha!" — . . Dem Rabbiner war bei diesen Worten nicht gerade zum Lachen zu Muthc gewesen und er entgegnete mit einem Anfluge von Ironie: „Wer in dem Wechselgespräche des Schir-Haschirim nicht anderes sieht, als einen Austausch von Liebesworten.zweier irdischer Menschenkinder, der wird meine Worte so auffassen, wie Sie es thaten; wer aber bedenket, daß in diesem Falle das Hohelied nicht.unter die Bücher der heiligen Schrift ausgenommen wäre und an unserem großen Befreiungsfeste vorgetragen würde,-der wird der idealen Anschauung, wie ich sie: vertreten habe, Leistimmen.- .. | : ,-v C ' Der Vorsteher biß sich auf die Lippen. Er hatte als Abfertigung die Antwort bekommen,./ die//er//ve>^ diente, aber von dem jeder Zeit bescheidenen Rabbiner nicht erwartet hatte. Es war. ihm. dies.desto.Unangenehmer/ als er eigentlich mit einer Bitte'an dirn-Rabbiner hergekomnzen,war^ rj?=h 2 *n n b i i o *3 / „Lassen wir das, Herr Doktor!" sagte er, „das ist Ansichtssache. Ich bin ja eigentlich nichtwegen- Predigt hierhergekommen, sondern in ganz anderem Absicht. Während wir vorgestern Vormittags' arglos im Tempel saßen, Ihrer Predigt lauschten und den.Tal benschten, hat sich in unserer Gemeinde ein sehr ernstes Ereigniß abgespielt, welches sehr traurige Folgen hatte, und sehr geeignet scheint, die Ehre und das Ansehen unserer ganzen Gemeinde zu schädigen, ja ein gewaltiges Chillul haschem hervorzurufen." Der Vorsteher räusperte sich ein wenig und schien die Wirkung seiner Worte abwarten zu wcllemu > Der Rabbiner antwortete: „Sie sprechen in Räthseln, Herr Vorsteher, tvenigstens für mich."/)/ „Also, Herr Rabbiner, der Dr. Piesen iss futsch! Es hat sich herausgestellt, daß er einen falschen. Wechsel auf den Namen des alten Hönig ausgestellt hat, damals, wo er glaubte, sein Schwiegersohn zu werden, und mit der Mitgift einlösen zu können.. Wie sich die Sache.aber zerschlagen hat, so mußte er mit der von HLniöj erhaltenen Entschädigungssumme eine Masse ihn bedrängender Gläubiger befriedigen und zur Deckung. d?s. Acceptes.^iss ihm nichts übrig geblieben. In seiner Verzweiflung hat er sich dem alten Hönig entdeckt und ihn gebeten/ die nothwendige Summe vorzustrecken, bis er eine)anve^ reiche Braut gefunden/ äberi.^det.Äill^iDs'^.Mvoü wissen und gleich die. Strafanzeige erstatten.' ' Der Sohn Max' kam Mittags mit der Geschichte/die borläufig Geheimniß ist, zu mir stndbat mich HmmeshoiH die Sache zu schlichten, weil ihm der Verlust von Gulden nicht so schmerzlich wäre, wie der entstehende Skandal. Indessen ist aber der Doktor Viesen auf und davon. Wenn Hönig seine Absicht ausführt Und die Anzeige erstattet, werden wir in den Augen der Welt lächerlich gemacht, de'nir wir haben vor Kurzem erst den Doktor fast einstimmig in den engern Ausschuß'gewählt, und obendrein zum Vorstand, der- Talmud-Thoraschule ernannt. Außerdem würde es in den Augen .der Andersgläubigen ein großes Chillul-haschem abgeben; dem möchte ich gerne Vorbeugen, rathen Sie mir nun, was zu thun, Herr Rabbiner?" . ... »Da ist nur ein Rath," sagte dieser. „Bemühen Sie sich in Ihrer Eigenschaft als Vorsteher der Ge- I meinde, Herrn Hönig von seinem Vorhaben abzu-

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