Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 67 (21.8.1902)
- Date
- 1902-08-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449857--56529-2519203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43» Jahrgang. MW ui Muk itr iii( Siipulitiii „Cs sind die schlechtsten Früchte nicht, woran die Wespen nagen!" Am Judenthum haben zu allen Zeiten die Wespen genagt, u. Z. nicht immer die schlechtesten. In neuerer Zeit ist in den Stichen der besseren „Wespen" eine gewisse „Methode" zu erkennen. Diese besteht darin, daß man zwar die Größe des im Judenthum gegebenen Lehrinhalts gelten läßt, aber die Originalität zu erschüttern sucht. Das größte Aufsehen hat nach dieser Richtung Delitzsch's Vortrag: „Babel und Bibel" erregt. Delitzsch hält viel auf geistiges Eigenthumsrecht, wenn es sich um — deutsches und arisches handelt. Wenn er von dem französischen Konsul, Emil Botta, berichtet, daß er 1843 auf dem unweit von Mossul gelegenen Trümmerhügel Chorsabad.zu graben begann und damit die archäologischen Forschungen auf mesopotamischem Boden inaugurirte, da. erlaubt es sein Gerechtigkeitsgefühl nicht, zu verschweigen, daß dies ,>aüf den Rath eines deutschen Gelehrten geschah." (S. 7.) Zu dem Relief aus dem Harem, Abb. 27, wo wir den König und die Königin in weinumrankter Laube an köstlichem Wein sich laben sehen, gewährt es ihm besondere Genugthuung, zu konstatiren, daß diese Gemahlin Sardanapals, deren Profil „ein preußischer Oberleutnant, der nachmalige Oberst Billerbeck. 1867 durch eine Zeichnung für die Nachwelt gerettet," augenscheinlich arischen Geblüts und blondhaarig zu denken ist. Ein Mann mit solchem Gerechtigkeitsgefühl für geistiges und geblütliches Eigenthum wird auch dem Judenthum gegenüber von peinlichster Gerechtigkeitsliebe sein, das dürfen wir doch erwarten. Sehen wir, ob und wie sich diese Erlvartung erfüllt. S. 21 sagt er: Auch die weittragende Bedeutung, welche die Keilschriftforschung — dank der außerordentlich nahen Verwandtschaft der babylonischen und hebräischen Sprache und dem gewaltigen Umfang der babylonischen Litteratur — für das immer bessere „Verständniß des alttestamenilichen Textes" gewinnt, kann hier nur an einem und noch dazu bescheidenen Beispiel gezeigt werden. ■ Unterbrechen wir den Herrn Redner: warum zeigt er es an einem „bescheidenen" Beispiele? Sollte er wirklich aus dem Vollen schöpfen und hier noch viel mehr und Schlagenderes zu Gebote stehen? Ja, aber warum hat er denn nicht zugegriffen? Man nimmt doch gewöhnlich das schlagendste Beispiel, wenn man eine Behauptung beweisen will. Doch lernen wir das bescheidene Beispiel kennen. Er fährt fort: „Der Herr segne dich und behüte dich." — Wie unzähligmal wird dieser dreifach gegliederte Segen gesprochen und gehört. (4 No. 6, 24 ff.) Aber in seiner ganzen Tiefe ist er doch erst jetzt zu verstehen, seitdem uns der babylonische Sprachgebrauch gelehrt hat, daß „sein Antlitz, seine Augen auf oder zu Jemand erheben," eine Redensart ist für: „Jemandem seine Liebe zuwenden, wie ein Bräutigam die Braut oder der Vater den Sohn liebe- und teilnahmsvoll anblickt." Das herrliche Segenswort wünscht also, sich steigernd, dem Menschen von Seiten Gottes Segen und Schutz, Freundlichkeit und Gnade, und endlich sogar Gottes Liebe, um dann auszuklingen in das „Friede sei mit dir," jenen wahrhaft schönen Segensgruß des Orients, lvelchen Friedrich Rückert, anknüpfend an einen Vers des Koran mit den Worten besingt: . „Wenn ihr tretet in. ein Haus, Sprecht: Beschieden sei euch Frieden. -. Wenn ihr tretet auch hinaus, ' Sprechet: Friede sei beschieden! . ' Was der Mensch auch wünschen mag, ‘ Schönrer Spruch bis diesen Tag - Ward noch nicht erdacht, als: - " Frieden hinieden!" . In der That, ein sehr bescheidenes Beispiel! Welche neue Beleuchtung gewinnt doch nur der dreifach gegliederte Priestersegen des Judenthums von diesem neuentdeckten babylonischen Sprachgebrauch? Ist das wirllich eine „Steigerung": Segen und Schutz, Freundlichkeit und Gnade, 'und endlich sogar Liehe etc.? Als ob Segen und Schutz nicht auch schon Freundlichkeit und Gnade, und beides zusammen nicht auch schon Liebe wäre! Nein, die eigentliche Steigerung, die allerdings nicht von Babylonien hergeholt zu werden braucht, sondern in der Sache selbst liegt und im israelitischen Geiste begründet ist, ist folgende: 1) Aeußerer Segen und Bewahrung des Segens; 2) Er > kenntniß Gottes als eines gnadenvollen Wesens — das „Antlitz leuchten" lassen, d. h. zur Anschauung, und bei Geistigem, zur Erkenntniß bringen; 3) Erkenntniß Gottes als eines erhabenen Wesens, woraus die D e m u t h, also der religiöse „Frieden" fließt. In einem in der jüngsten Zeit vielfach genannten Werke ist dieser Gedankengang in folgender Weise wiedergegeben: ~v - ' „Der Ewige gebe dir Seinen Segen, - Und er möge im Glücke dich auch bewahren!. Er lasse Sein Antlitz dir leuchten entgegen Und Seine Gnade dir offenbaren!' . '