Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1902)
- Date
- 1902-08-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1389 ihn der Ungerechtigkeit und des — Antisemitismus beschuldigte. Der Herr k. k. supplirende Gymnasiallehrer, wie er sich etwas volltönend zu nennen liebt, würdigte das revolutionäre Ereigniß nach seiner ganzen Bedeutung. Er stürzt racheschnaubcnd in die Classe und beginnt nach dem Bösewicht zu forschen, der das gethan. Das Erwartete geschieht: lver dumm genug ist, durch einen anonymen Brief aus seinen Lehrer wirken zu wollen, der ist mit feinen fünfzehn Jahren noch nicht so weit, die Sache bis auf's Aeußerste zu vertreten und sich zu nennen. Der Herr Supplent läßt von sämmtlichen Juden der Classe einen Revers unterschreiben, worin jeder unter Ehrenwort erklärt, nicht der Briefschreiber zu sein. Damit glaubt der klassische Jugendbildner vollständig rehabilitirt zu sein. Anderer Ansicht scheinen jedoch dessen Schüler zu huldigen, denn sie finden es unpassend und frivol, mit David, Abraham. Salomon u. s. w. aufgerufen zu werden, auch wenn sie diele alttestamentarischen Namen nicht tragen, gleichfalls unanständig und unpassend erachten es die jüdischen Quintaner, daß sich ihr Lehrer während des Unterrichts einer mauschelnden Redeweise und eines jiU delnden Tones befleißt. Der Herr, um den es sich handelt, führt den Namen Friedrich H i r sch. Unzweifelhaft sind leine Ahnen bei der Erlassung der Zebngebote um den Berg Sinai gestanden, er selbst hat es für klug und weise bekunden, durch die Convertirung seinen Qualitäts- Defekt wett zu machen, und wie die obigen Vorfälle zeiaen. ist er nun von glühendem Haß gegen alle jene' erfüllt, welche dem alten Bunde zugehören. In Eonseauenz dessen hat er sich als eine geeignete Stätte, um seine litterarischen Produktionen der Qeffentlichkeit . zugänglich zu machen, das „Deutsche Volksblatt" erkoren, welches die aggressivste Stellung gegen die Juden einnimmt und bekanntlich auch nicht davor zurüöscheut, das Märchen vom „Ritualmord" als ein Dogma zu verkünden. Wer einem solchen Blatte seine Feder leiht, der will damit vor aller Welt als ein Gesinnungsgenosse desselben sich proklamiren. Herr Hirsch, hatte . allerdings eine kleine Inkonsequenz begangen, indem er aus unbekanntem Grunde sein Opus mit einem Pieudonim Unterzeichnete, allein er hat dieselbe auf eine glänzende Weise gutgemacht. Im Jahresberichte des k. k. Maximilian-Gymya - sinms für das Schuljahr 1901/1902 ist nämlich eine Abhandlung enthalten: „Dorothea Schlegel's „Florentin" von k. k. suppl. Gymnasiallehrer Friede. E. Hirsch, und in einer Anmerkung heißt es: „Vglch. dazu Jean Paul's Ausspruch, den ich in einem Feuilleion des „Deutschen Vollsblatt" (Wien) vom 11. April 1901 zitirte. Der Aufsatz ist unter meinem Pseudonvm Eugen Friedrich Höfler erschienen." Allen Schülern des erwähnten Gymnasiums, an' welchem Herr Hirsch dozirt, nicht zuletzt natürlich den jüdischen, will es somit Herr Hirsch zur Kenntniß bringen, daß er für das „Deutsche Volksblatt" schreibt, daß er sonach zu den intimsten Gesinnungsgenossen dieses Blattes gehört. - . ■/ r V. Ob für den Jahresbericht eines Gymnasiums die Aufnahme einer derartigen Kundgebung zulässig ist, das zu untersuchen, war Sache des Direktors der An-' statt und wir gestehen unsere Verwunderung, daß das Resultat dieser Untersuchung seitens des Direktors, dessen Ehrenhaftigkeit wir übrigens anzuzweifeln nicht den geringsten Grund haben, ein bejahendes war, wie es auch frappirt, daß der Direktor seinen Schülern für die Ferien keine geeignetere Lektüre zu bieten hatte, als eine dreißig Seiten lange Abhandlung über ein verschollenes Werk — Herr Hirsch sagt selbst, daß kaum noch ein Exemplar desselben aufzutreiben ist —'einer Frau, deren Name zwar in Verbindung mit Litteraturgrößen. genannt wird, die aber selbst auf irgend eine litterarische Beachtung keinen Anspruch besitzt. Hoffentlich wird die Leitung des Unterrichtsministeriums diesen Fall zum Anlaß nehmen, sich künftighin um die Abhandlungen. - welche in die Jahresberichte der Mittelschulen ausgenommen werden, etwas zu kümmern.? // " * / ' : : R u ß l a n d.;V Petersburg (S e n a t s e n t s ch e i d u n g e n.)' Der Senat entschied, daß Frauen und Wittwen alter Nikolaus'schen Soldaten das Recht zusteht, überall iw Rußland — Petersburg und Moskau nicht ausgenommen — wohnen dürfen. Dabei ist es gleichgültig/ ob die Männer dieser Frauen ihren ständigen Wohnsitz innerhalb oder außerhalb des Ansielungsrayons haben/ Ferner behalten, laut einer neuerlichen Senatsenl schein düng, jüdische Frauen, welche bis zu ihrer Verhei-' rathung auf dem platten Lande gewohnt haben, das Recht des Aufenthaltes in ihrem Heimathsdorfe auch dann, wenn sie einen anderswo wohnenden Mann' geheirathet haben. Ferner hat der Senat erklärt, daß jüdische Kaufleute I. Gilde, welche aus dem Ansiedelungsrayon nach einem den Juden zum ständigen Aufenthalt sonst verbotenen Orte Lbergesiedelt sind, in ihrem neuen Wohnorte jüdische Kommis selbst dann beschäftigen dürfen, wenn sie in ihrem bisherigen Wohnorte gar keine Kommis gehabt haben. Endlich hat der Senat erklärt, daß Adoptivsöhne früherer jüdischer Soldaten dieselben Vorrechte, wie die leiblichen Söhne dieser Soldaten genießen. . Durch die letztere Entscheidung wird manchem russischen Juden die Möglichkeit eröffnet, sich auf legalem und leichtem Wege den Zutritt zu dem verbotenen Rayon zu erzwingen.