Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1902)
- Date
- 1902-08-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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43. Jahrgang. v Literarisches. „ÄwaudaS Jisroeil.". Der israelitische Vorbeterdienst. Traditionelle Synagogengesänge des süddeutschen Ritus. I. Theil. Wochentags-Gottesdienst. Gesammelt und bearbeitet von I. Lachmann, Kantor in Hürben. (In Kommission bei Goldschmidt, Hebr. Buchhandlung, Basel.) „Das Nützliche ist immer interessant." So dachte ich, als mir das vorliegende Werk zur Hand kam und dasselbe, ohne mich durch sein einfaches Altagsgewand abschrecken zu lassen, näher in's Auge faßte. Aber ich fand es nicht interessant — ich fand es als ein höchst, werthvolles, für die Praxis unentbehrliches Buch, das eine längst und vielfach empfundene Lücke in der kantoralen Litteratur auszufüllen berufen ist, und nicht nur in den Kreisen der Fachgenossen Freude erregen muß, sondern auch'bei allen Freunden und Kennern jüdischlithurgischer Musik die größte Beachtung verdient. Die jüdische Synagogenmusik-Litteratur ist nicht so arm, wie man oft klagen hört und anznnehmen geneigt sei. Seitdem Sulzer die ersten Versuche machte, den jüdischen Gottesdienst in die musikalischen Bahnen zu leiten, den Synagogengesang an Ritmus und Takt zu fesseln, seitdem haben dieselben auch von anderen Seiten eine starke Vermehrung erfahren. Die Bahn war gebrochen, das Vedürfniß nach jüdischen Notenbüchern erwacht. Da gab es bald große und kleine Gesangbücher, dicke Folianten, vollgespickt mit vierstimmigen Chören und dünne, magere Brochuren, oft nur einige Nummern enthaltend, Festgesänge mit unheimlichen Chorälen und Recitative mit unendlichen Kolleraturen. Daß mit der Ausbreitung und Vermehrung dieser Litteratur bei recht werthvollen Schöpfungen auch die Auswüchse nicht ausbleiben durften, ist nicht mehr als natürlich. Allein ob auch dir besten von ihnen ihr Ziel ganz und voll erreicht? Diese Frage ist bis-jetzt leider allgemein — und nicht ohne Recht — negativ beantwortet worden. Cs soll hiermit durchaus der hohe Werth der berühmten Werke, wie die von Sulzer, Weintraub, Lewandowski, Naumburg etc., nicht in den Hintergrund gestellt werden; aber viel Glück hatten sie auch nicht, und was sie vor allem erstrebten und erzielten, nämlich ein einheitliches Gesangbuch für den jüdischen Gottesdienst zu werden, erreichten sie am-allerwenigstem Auch in denjenigen größeren Gemeinden, wo. Galagottesdienste mit Chorgesängen und Orgeklängen. stattfinden, genießen die letzteren noch nicht allgemein die' nöjhige Beliebtheit, um sich traditionell einzubürgern. Und in f den kleineren Gemeinden oder gar auf dem Lande? Da kann man oft Urtheile hören wie: „Unser Chasen ort nach Noten, aber die alten Nigunim sind doch am. . schönsten!" Oder: „der alte Chasen und die. alten. Nigunim! Darüber geht und gibt's nichts mehr." Man glaube nur nicht über derartige Aeußerungen einfach zur Tagesordnung übergehen zu können. „Die Volksstimme ist auch hier eine Gottesstimme," und wurzeln jene Urtheile vor allem tief im Empfinden des Juden. Bei den Juden wurde man nie durch den Gesang zur Andacht gestimmt', sondern vielmehr hat da die Andacht die Melodie^ geschaffen. Darum konnten sich' auch jene Galawerke, die zumeist nach fremder Art abgefaßten Choräle und Motetten, so hoch auch ihr musikalischer Werth und künstlerische Bedeutung an sich sein mögen, nicht in die Gemüther einschleichen. . Ein viel glücklicheres Unternehmen war schon das des Herrn Oberkantor Bär mit feinem „Vaaltfiloh", indem dem traditionellen Synagogengesang darin weitaus größte Rechnung getragen wird und das in Bezug auf-seine Fülle zu einem wahren Vorbetercodex sich gestaltet. Indes entbehrt auch dieser nicht' der Fehler, die seinen Werth als „praktischen Vaaltfiloh" bedenklich reduziren. Was die Echtheit der Tradition betrifft, so sei darin, namentlich in den Festgesängen^ doch eine Mischung von Wahrheit und Dichtung hie und da anzutreffen. Die beiden Riten sind stellenweise so miteinander verflochten, daß eine verwirrende und störende Wirkung nicht ausbleiben kann. Und — was der größte Fehler ist und seiner ursprünglichen Bestim- ' mung, seiner Popularität den größten Damm entgegenhält — es ist zu theuer. Daher das Klagen und Suchen, das Wünschen und Verlangen nach einem einfachen, populären und praktischen jüdischen Gesangbuche, einem Phonographen, in dem die alten, ehrwürdigen Melodien Israels für die Gegenwart aufbewahrt und einer kommenden Generation erhalten bleiben, wie sie in den Lehrer- und Kantorenkreisen immer mehr und bei deren 'Konferenzen immer lauter zum Ausdruck kommcm - Diesen Wünschen ist nun zum guten und großen Theile durch das vorliegende Buch entsprochen. Es handelt sich vorerst nur um die Wochentagsgesänge des -e „süddeutschen Ritus" om m). aber schon bei diesem ersten Schritte hat es der Verfasser gezeigt, wie er seine Aufgabe auffaßt und sie zu lösen suchte. In solchen schönen Formen, einfachen Modulationen und solch traditioneller Echtheit haben wir die Gesänge unserer. Wochentags-Tefiloh noch nie gesehen. Und sieht, man sie so, dann kommen einem wie von selber die biblischen . Worte in den Sinn: "mtoi >». n-w„ schwarz und doch schön, düster ernst und voll der Wehmuth vergangener Tage, aber ewigschön, der tiefsten Seile des