Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1902)
- Date
- 1902-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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dem Grunde, weil ich außer meinem Doktortitel nichts bin und nichts habe, also-seiner Ansicht nach, keine Familie erhalten kann. Es war unüberlegt von mir, jetzt schon um Deine Hand anzuhalten. Wenn ich aber einmal als wohlbestallter Rabbiner einer größeren Gemeinde vor ihm erscheine, so entfällt jede Ausflucht, und er wird Ja und Amen zu unserer Verbindung sagen und unsere Hände segnend ineinander fügen. Und jetzt ade! auf Wiedersehen, mein Lieb! Gehe nach Hause, als wäre nichts vorgefallen. Du wirst bald von mir hören." v Erleichterten Herzens nahm Emma von ihrem heimlich Verlobten Abschied. - ' - Doktor phil. Carl Adler befand sich keineswegs in so hoffnungsfreudiger Stimmung, als er sich dem geliebten Mädchen gegenüber den Anschein gab. Er hatte es seiner Emma verschwiegen, in welchen beleidigenden Ausdrücken Herzig seinen Heirathsantrag zurückgewiesen hatte, und mit welchen gereizten Werten er ihm geantwortet. Da gab es keine Versöhnung, das wußte er. War doch die Existenzfrage nicht der eigentliche Grund dieser Abweisung gewesen, sondern die Abneigung, welche Herzig, der Rabbiner der Gemeinde, in welcher Doktor Adler als Lehrer wirkte, bei jeder Gelegenheit gegen ihn. zur Schau trug, entsprang der Eifersucht, welche, er gegen den talentirten, vielversprechenden jungen Mann fühlte. Ueberall, wo die beiden zusammentrascn, wurde Herzig von den Geistesgaben Adlers aus dem Felde geschlagen. '. Herzig ertrug wirklich nicht die geistige Uebermacht Adlers, welche er kurzweg Übergriff, nnb Protzerei nannte. Und jetzt war Stahl auf Stein gefallen und die Funken, die durch diesen Schlag entstanden sind, haben das verzehrende Feuer des grimmigsten Hasses in den Herzen der/Beiden entzündet. Traurig ging Dr. Adler nach Hause und setzte sich an seinen Schreibtisch. In der Arbeit wollte er Vergessenheit suchen für seine Sorgen und Kraft zu weiterem Kampfe: galt es doch, das Höchste, die Geliebte zu erringen. Wie, auf welche Weise? Davon hatte er nicht die mindeste Ahnung. In der Gemeinde Malinee war ein neues Beihaus erbaut und auch ein Concurs zur Besetzung des Rabbinerpostens ausgeschrieben worden. Der bisherige Rabbiner. wollte Alters halber in den wohlverdienten Ruhestand treten.. Doktor Adler hatte sich'in aller Form um diese Stelle beworben. Sie war wohl nicht derart, wie sie dem pbantasievollen Geiste des einstigen Studenten voraeschwebt haben mochte, aber um seine Lehrerstelle und - die voraussichtlichen Reibereien mit seinem zukünftigen Schwiegervater loszuwerden, hätte er eine noch minder gut dotirte Stelle auch gerne'angenommen. Am Schülerfeste „Lag-beomer" sollte die Einweihung der Synagoge stattfinden, und an Dr. Adler war die Einladung ergangen,, sich TagS zuvor dort einzufinden, um dann als Probevortrag die Einwcihungsrede zu halten. --. i; ...: '' ■. Diese Rede nun studirte der Kandidat jetzt ein. / Er hatte all sein Können und Wissen aUfgeboten, tun , etwas Gediegenes zu schaffen und gestützt; auf den. passend gewählten Text: „Wenn Gott, der Herr, das Haus nicht bauet, vergeblich ist der Bauenden Mühen/ glaubte er ein Meisterstück der.Stilistik und Rhetorik geschaffen zu haben. — /; Angethan in funkelnagelneuem schwarzen Kaiserrocke. den glänzenden Cilinderhut in der Hand, stellte sich Dr. Adler zur festgesetzten Stunde dem Vorsteher ' der Cultnsgemeinde von Malinee.als der erwartete »/. Rabbinatskandidat vor. ' - : . / Der Vorsteher empfing ihn mit verlegener Miene. . „Herr Doktor," sagte er, „ich habe Ihnen etwas sehr Verdrießliches zu melden. Kaum, daß wir an Sie die Einladung, unfern Tempel einzuweihcn, ergeben ließen, langte noch ein Gesuch an. und zwar von dem Rabbiner Ihrer Gemeinde. Wäre es nach ^mir gegangen, so hätte ich das Gesuch, als zu spät eingereicht, abschlägig beschieden. Aber unsere Gemeinde ist in zwei Parteien gespalten; die Majorität, zu der zu * zählen ich die Ehre habe, wünscht Sie zu Horen, der andere Theil verlangt, auch den alten Herrn hören zu wollen. In Folge dessen ist an diesen ebenfalls die; . Einladung ergangen, morgen eine Festrede zu halten.' Er ist schon früher angekommen und hat sich ausgeketen, als Erster sprechen zu dürfen, was man ihm, als ' dem älteren von Ihnen beiden, zngestehen mußte. Mir haben es also derart eingerichtet, daß Herr Herzig vor Beginn der Feier sprechen soll, und Sie. als der Jüngere, vor Schluß derselben. Sind Sie mit dieser Anordnung zufrieden, Herr Doktor?" - Dieser verbeugte.sich als -Zeichen der Zustimmung. Adler war durch das eben Vernommene sehr verstimmt worden. Daß er von dem Alten als Redner und daher als Bewerber um den Rabbinerposten aus dem Felde geschlagen werde, -fürchtete er nicht. Herzig war an / und für sich kein glänzender Redner, und ihm, Adler gegenüber mußte er gar den Kürzeren ziehen. Aber, in diesem Falle mußte dann Adler endgiltig auf Emma's Hand verzichten, denn diese Niederlage wurde ihm Herzig niemals vergeben. */ Ganz verzweifelt suchte Dr. Adler das für. ihn ^in der einzigen jüdischen Restauration. des -Ortes bestellte ■ ■ Quartier auf, um daselbst seine Rede noch gut einzu-" studiren, damit sie wie Thaü von seinen Lippen träuflet' . Den ganzen.Abend hindurch dürchmaß^ er'--mit^ gleichmäßigen Schritten das lange, schmale. Zimmer-A ' chcn, welches man ihm eingeräümt hatte.mnd memoArte^ mit immer steigenderer Begeisterung die morgen zu'- haltende Festrede..