Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1902)
- Date
- 1902-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von;; ör. Ushmsnn in Unitr^'Ä^I 43^Jahrgang. M 65 Kentrat Donnerstag, den 14 Angnft 5862 (1902), *>-$■ Impressionen. ■%■<» Mainz, 13. August. Die jüdische Welt von heute lebt in einem Zustand der Zerfahrenheit und der Verschwommenheit. Nirgendswo mehr ein entschiedener Standpunkt. Im Judentum gibt es verschiedene sog. „Richtungen". Fromme und Neue oder, wie man heute sagt, (konservative und Liberale, Zionisten und Assimilanten, und diese, zerfallen wieder. in so und soviele Unter-Richtungen; da gibt es Leute, denen es leid thut, daß sie Juden sind, die sich aber trotzdem um keinen Preis taufen lassen möchten. Andere betrachten „Assimilant" als Schimpfwort, ohne aber von orthodoxen „Ceremonien" oder von zionistischen Utopien etwas wissen zu wollen. Das Charakteristische all' dieser Richtungen ist, daß sie äußerst duldsam miteinander und gegeneinander sind. Keiner beißt den andern. Die Zionisten beißen vielleicht noch am meisten, entsprechend der Neuheit ihrer Sache, das ist aber auch ihre- Hauptbeschäftigung. Die anderen gehen hübsch friedlich und schweigsam nebeneinander fyt. Als früher zum Sabbat Nachmu der Ruf erscholl: Tröstet, tröstet mein Volk, nachdem wir um die Zerstörung Jerusalems getrauert, um die Vernichtung des heiligen Tempels geweint hatten, da verhöhnten uns die anderen Nationen und die abtrünnigen Söhne und Töchter, unseres Volkes, indem sie zu uns sprachen: »Ist es nicht thöricht, zu hoffen und zu harren, nachdem das Hoffen und Harren nach so vielen Jahrhunderten sich als vergeblich erwiesen?" Und wir antworteten: Wahrlich, wenn wir Unbedeutendes und Geringes erstrebten, so hätte man ein Recht, uns zu verhöhnen, wir aber erstreben das Größte und Höchste — und wir setzten den Gegnern die Bedeutung der Mission Israels auseinander. Heute verhöhnt man uns kaum mehr, denn der Kampf ist von den Höhen des Geistes in die Niederungen des Materialismus hinabgeglitten. Nicht unserer besonderen Gebräuche willen werden wir gedrückt, sondern unserer Minorität halber kümmert man sich nicht um unsere Rechte. Wie die Türken die Armenier, die Russen die Deutschen, die Preußen die Polen, so verfolgt Rumänien und noch einige zivilisirtere Länder die Juden, gleichgiltig, welchen geistigen Zielen diese nächstr'eben. - Und weil der Kampf gegendas Judenthum heute vorwiegend auf materiellem Gebiete liegt, deßhalb mag die in Eingang unseres Artikels gerügte Verschwöm-- menheit entstanden sein.: r^- Sollen wir nun ebenfalls die durch die' Jahrtausende getragenen, mit unserem Herzblute geschützten geistigen Güter nicht weiter schützen und tragen, weil die. ganze Welt rings um uns .herum in stofflichen Fragen und Sorgen aufgeht? Nein' und abermals nein. Heute ist der Schutz unseres höchsten Gutes nothwendiger wie je. Da hat ein Berliner junger Stammesgcnoffe unter dem Titel „Impressionen" ein Buch geschrieben, das die höchsten Gesellschaftskreise der Hauptstadt beschäftigt. Und was enthält dieses merkwürdige Buch? Unter dem blasphemischen Rufe: „Höre Israel," will er die fremde, Minderwerthige jüdische Rasse dem Deutschthum mit allen seinen Vorzügen und Fehlern anpassen um jeden Preis. Aeußere und innere Veredelung-des Judenthums, nicht durch die Taufe, nur durch Anpassung, damit wir Richter, Offiziere und Staatsbeamte werden können! Zur Zeit ist Herr Rathenau, der Verfasser jenes Buches, Direktor eines der größten . Finanzinstitute Berlins. Er hat in Gegenwart des Kaiserseinen experimentalen Vortrag über ein Gebiet der Elektrotechnik gehalten, wofür ihm ein Orden verliehen wurde. Er hat erreicht, was ein gebildteter Jude zur Zeit in Berlin erreichen kann. . ' v Ist es da nicht unsere Pflicht, einem solchen Juden zuzurufen: Du irrst Dich, lieber Freund, die jüdische