Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1902)
- Date
- 1902-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43. Jahrgang. zu M 64 99( 44 Gedanken aus einem Badeorte. Von Rabbiner Dr. Kohn, Inowrazlaw II. Wir sprachen in unserem ersten Briefe von den allgemeinen menschlichen Gesetzen der Mäßigkeit, Nüchternheit, der Einfachheit und Natürlichkeit, von den allgemein gültigen Gesetzen der Moral und Sittlichkeit, der Reinheit und Lauterkeit, die jeder Mensch ohne Unterschied der Religion, der Raffe, der Na^onalität . beobachten und respektiren muß, wenn er nicht selber am Baume seines Lebens gewaltthätig schütteln und rüttlen, nicht selber den Vau seines Daseins muthwillig und frevelhaft zerstören und verheeren will! Wir Israeliten haben außer den allgemein menschlichen, noch.andere göttliche Gesetze zu beobachten, die uns ebenfalls in unserer Gesundheit stärken und festigen, in unserer Frische und Rüstigkeit erhalten und bewahren, unsere Kraft und Stärke, unsere Arbeitsfähigkeit und Schaffensfreudigkeit heben und fördern sollen. „Und ich werde jede Krankheit von dir fernhalten", verheißt Gott der Herr, 'n urr '2 „dennIch, der Ewige, bin dein Arzt!" Wie glücklich wäre Israel, wenn es sich an diesen Arzt halten, seine Anordnungen beobachten, die von ihm vorgeschriebene Diät heilig halten, und gegen das von ihm diktirte Speisegesetz nicht verstoßen würde. Wie glücklich wäre Israel! Um wieviel weniger bleiche, kranke, schwache Gestalten würden wir unter den jüdischen Kurgästen, würden wir in den verschiedenen, nicht „judenreinen" Bädern zu sehen bekommen! Wir hören, es gibt heute „judenreine" Bäder, d. h. Bäder, wo man dem kranken, leidenden Nebenmenschen, weil er Jsraelite ist und dem Stamme angehört, dem das Christenthum seinen Stifter verdankt, den Einlaß und Eintritt verbietet. Nun, wir sind gewiß keine Feinde der Antisemiten, wir bedauern diese Menschen, Haffen sie aber nicht. Aber wir wünschen mit ihnen, daß alle Bäder und Kurorte, Hospitäler und Heilanstalten judenrein sein mögen; daß die Antisemiten ein unveräußerliches Monopol für alle Athmungs- und Verdauungsbeschwcrden erwerben, unter sich, sich an den lebendigen Gewässern der Hcilsquellen erfrischen und erquicken, an den „bilderreichen" und patriotischen Reden des Grafen Pückler sich erbauen, und durch die Abwesenheitaller Juden und alles Jüdischen ihr Zukunfts-! Ideal schon in der Gegenwart, verwirklicht sehen mögen! ' Ja, wir.wünschen, daß die Juden keine Bäder, leine Kurorte, höchstens Erholungsstätten zu besuchen nöthig haben, daß sie so frisch und gesund, so stark und kräftig sein mögen, daß sie aller Kurarten füglich entbehren könnten. - •: Die Israeliten brauchten nicht, und gewiß nicht in dem Maße die Kurorte aufzusuchen, wie es heute der Fall ist, wenn sie die Vorschriften ihres göttlichen Arztes respektiren, „die Speisegesetze der Thora, beobachten, Nebelah und Trefa, Zerrissenes und Gefallenes, verwerfen und verabscheuen und sich von allem, was die göttliche Thora zu genießen verbietet, sich fern halten würden. Wie wenig die Wahrheit und Wirklichkeit diesem von uns ausgesprochenen frommen Wunsche entspricht, braucht nicht erst gesagt zu werden. .Das Erste; was heute über Bord geworfen wird, ist das jüdische Speisegesetz. In den ältesten und ehrwürdigsten Gemeinden Israels essen heute die größere Hälfte derselben ■nteains^e. und wer noch auf Kaschrus hält, wird theils als „Chasid" angestaunt, theils als „Fanatiker" verhöhnt und ausgelacht! Und wenn zu Hause noch manchen eine gewisse Scheu oder Rücksicht auf die Eltern zurückhält, mit dem Speisegesetz zu brechen, in den Bädern und Kurorten, da hört jede Scheu und Scham auf, da strömt alles den nichtjüdischen Gasthäusern und Hotels zu, als wären's Heiligthümer. Hunderte und Hunderte von Israeliten, Jung und Alt, Familien mit zarten Kindern, alles setzt sich hin, mit soviel Hochmuth und Dünkel, mit soviel Leichtfertigkeit und Gottvergessenheit, um die heilige Thora zu beleidigen, den Glauben der Väter zu verhöhnen, gegen Lehre und Ge-' fetz sich zu versündigen und Speisen zu essen und zu genießen, die ihnen die Thora verboten. Und das alles ohne jeden Grund, ohne jede Ursache! Man speist heute in den anständigen jüdischen Restaurants mindestens so gut, wenn nicht viel besser, wie in den nichtjüdischen. Hier in Salzbrunn z. B. speist man bei Schmäh! und Breslauer, wo bei beiden überaus fromme Männer als Schochtim fungiren, so vorzüglich, daß sie kaum von irgend einem christlichen Restaurant übertroffen werden können. Aber es ist einmal modern, man will mit Christen verkehren, mit ihnen an einem Tische sitzen u. s. w. Das Gotteshaus in Salzbrunn,, das-sich im Grundstück „Eintracht" befindet, und aus zwei Zimmern oder Abtheilungen, für Männer und Frauen, besteht, ist viel zu klein für einen Kurort von der Größe und dem Range Salzbrunn's. Wenn auch leider nur ein sehr kleiner Theil der hiesigen Kurgäste das Gytteshaus besuchen, ist doch die Luft und die. Temperatur in den kleinen Räumen eine geradezu , sanitätswidrige und die Gesundheit äußerst schädigende, und man kann es * wirklich Niemanden verargen, wenn er aus Gesund-