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Der Israelit · 1902-08-11 · Heft 64 (11.8.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 64 (11.8.1902)
Date
1902-08-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1361 ein Zettelchen, mit der Bitte, ihm doch nach Tisch die darauf notirten Kommissionen zu besorgen, da er dazu keine Zeit fände. Wolf hatte das Zettelchen, als er vorhin auf einige Minuten sich unbemerkt entfernt hatte, geschrieben. Auf dem Papiere standen die Worte: „Gebe mir vor Ende des Mahles ein Zeichen, ob ich mich mit Fraulein Goldstein verloben soll? Ich verlasse mich darauf." Stern las das Zettelchen und steckte es lächelnd ein mit dem Bemerken: „Ich werde Deinen Auftrag prompt und nach bestem Können besorgen." Die Speisen waren vortrefflich zubereitet und und mundeten den Gästen. Der schwere Portwein wurde auch nicht verschmäht. Während des Essens übertrug Goldstein seinem Procuristen „Stern", angeblich weil er den geschäftlichen Auftrag so gut und rasch besorgt hatte, das „Benschen." — Derselbe nahm es an. Dieser Zufall kam ihm gelegen. Ein heiterer Gedanke durchzuckte ihn. Das Mahl war beendet. Stern begann mit seiner melodischen, gut geschulten Stimme das „Benschen." Aus einer eigenthümlichen Betonung einer gewissen Stelle des Tischgebetes entnahm Hugo die Antwort feines Freundes. Ein feines Lächeln umspielte Hugo's Mund; er hatte verstanden. — Stern empfahl sich sofort nach dem Tischgebet. Von Hugo Wolf verabschiedete er sich mit einem festen Händedruck, derselbe warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Auch dem alten Herrn Wolf reichte er die Hand, die von demselben kräftig geschüttelt wurde, denn auch Herr Wolf sen. ahnte, wie es um Stern und Fräulein Goldstein stand. An Herr und Frau Goldstein richtete Stern einige Worte des Dankes für die Einladung, verengte sich vor Lea und verließ das Zimmer. Kaum hatte der Jüngling die Thüre hinter sich geschlossen, als Hugo Wolf, mit EinverstLndniß seines Vaters, Herrn Goldstein um eine Unterredung bat. Derselbe führte seine Gäste in ein anderes Zimmer. Dort angelangt, begann Hugo Wolf: „Herr Goldstein, ich habe eine Bitte an Sie, die Sie mir am heutigen Tage gewähren müssen." Goldstein glaubte, Wolf wolle ihm nochmals die „Koset" erweisen und um Lea's Hand anhalten. Dhne Besinnen gab er ihm vergnügt lächelnd die Zusage, die an ihn gerichtete Bitte gleich zu erfüllen. Wie sehr war er erstaunt, als Wolf ihm erklärte: „als Ehrenmann könne er es mit seinem Charakter und Gewissen nicht vereinbaren, sich mit Fräulein Goldstein zu verloben, da er vom ersten Moment an bemerkt, daß Fräulein Lea nicht aus freier Wahl ihm ihr Jawort geben würde. Was er geahnt, sei ihm nunmehr zur festen Gewißheit geworden, daß die Dame ihre Liebe einem Andern geschenkt und dieser Andere heiße Alfred Stern, Prokurist des Bankhauses Isaak Goldschmidt in Griinsfeld. Für diesen bitte er um die Hand seiner Fräulein Tochter. Außerdem fügte er noch hinzu, daß Stern ein tüchtiger, intelligenter junger Mann sei, der ein solches Glück verdiene. Er fügte noch hinzu: „Bei einer Partie muß einem auch der „Schadchen" gefallen, ich zweifle nicht daran, daß ich Ihren Beifall habe!" Goldstein war wie aus den Wolken gefallen. Seine Züge verzerrten sich. Es flimmerte ihm vor den Äugen; er drohte umzusinken und mußte sich an einer Stuhllehne festhalten. Er wollte sprechen, aber kein Laut kam über seine Lippen. Träumte er denn? Doch als auch Herr Wolf sen. in bewegtem Tone ihn bat, dem sich innigliebenden Paare seine Einwilligung zu dem Bunde nicht zu versagen und ihm seinen Segen zu geben, da merkte er, daß es Wirklichkeit und kein Traum war. Er machte sich im Stillen Vorwürfe: Warum hatte er so voreilig die Erfüllung einer Bitte zugesagt, ohne eigentlich mit Sicherheit zu wissen, um was es sich handelt. Die Strafe hierfür, meinte er. folge ihm auf dem Fuße. Was thun?— Als Ehrenmann konnte er sein gegebenes Wort nicht zurllckziehen. Vor diesen Leuten wollte und durfte er sich nicht blamiren. Hier war nichts mehr zu ändern. Er mußte, wohl oder übel, „Ja und Amen" sagen. Er that es, wenn auch mit schwerem Herzen. Hugo Wolf eilte sofort aus dem Zimmer, holte freudestahlend seinen Freund Stern, dem er auf dem Wege kurz die günstige Wendung der Sache erzählte. Sie traten zusammen in den Salon, wo Frau Goldstein und ihre Tochter anwesend waren. > Die Augen Lea's waren vom Weinen stark geröthet und um den Mund zuckte es noch verräterisch. Wolf näherte sich den beiden Damen mit freundlichem Lächeln und stellte ihnen Alfred Stern als Bräutigam vor. Stern trat auf Lea zu; dieselbe erbleichte, vor ihren Augen tanzte alles. Sie mußte alle Kraft zusammennehmen, um aufrecht zu bleiben. Längst war es beschlossene Sache, daß sie ihm nicht angehören durfte und doch hatte sie in ihrem Innersten gehofft. Ihr Herz drohte stille zu stehen. Verloren für immer.— Wer war die Glückliche, die dem von ihr so heißgeliebten Manne ihr Leben weihen durfte?!" Mit der Liebe für ihn im Herzen mußte sie sich einem Andern für das . ganze Leben anvertrauen! Sie raffte sich auf, um ihm ihre Glückwünsche entgegenzubringem ' Stern, der sie beobachtet und errieth, was in ihr vorging, wollte sie nicht länger im. Unklaren lassen: sie fühlte sich plötzlich von zwei starken Armen umschlungen und zwei bärtige Lippen Rührten in ^leidenschästlichem Kusse, die ihrigen.• >. 6 % li H „Meine süße einzige Lea?!" flüsterte Stern' in innigem Tone, „o meine holde Braut!"

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