Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1902)
- Date
- 1902-06-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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43. Jahrgang. Graf pückler vor Gericht. Glog au, 20. Juni. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts -stand heute abermals Termin an in der Strafsache gegen den Grafen Pückler-Klein-Tschirne wegen Zerstörung einer Feldbahn. Der Sachverhalt ist bekannt. Der Rittergutsbesitzer Metscher in Skeyden hatte auf Grund einer im Jahre 1874 zwischen seiner Mutter, der damaligen Besitzerin des Gutes, und dem Vorbesitzer von Klein-Tschirne geschloffenen Pachtvertrages auf einem Stück Land am rechten Oderufer eine Feldbahn angelegt, um so eine Verbindung seines Gutes Skeyden mit der Oder zu haben. Während der Pachtvertrag noch lief, verlangte Graf Pückler eine höhere Pachtsumme, und da sich Rittergutsbesitzer Metscher weigerte, diese zu bezahlen, ließ Graf Pückler die Feldbahn durch seine Leute zerstören. Es handelt sich um eine ganz primitive Feldbahn, wie man sie auf vielen größeren Gütern zum Transport von Rüben, Kartoffeln u. s. w. hat. Der Arbeiter, der das Pferd lenkt, das die kleinen Kippwagen zieht, läuft in der Regel nebenher-und bremst, wenn nöthig, während .des Laufens. ' > " :: . . Es wurde darauf gegen'ihn Anklage erhoben auf Grund des § 305 des Strafgesetzbuches, welcher lautet: „Wer vorsätzlich oder rechtswidrig ein Gebäude, ein Schiff, eine Brücke, einen Damm, eine gebaute Straße, eine Eisenbahn oder ein anderes Bauwerk. welche fremdes Eigenthum sind, ganz oder theilweise zerstört, wird mit Gefängniß nicht unter einem Monat bestraft." . Die Anklage richtete sich zugleich gegen den Inspektor des Gutes Klein-Tschirne: Hans Kirchner, sowie gegen vier Dominialarbeiter, Freyer, Bernitzke, Kergel und Fengler, die auf den Befehl des Grafen Pückler die Zerstörung der Bahn begangen hatten. Die Verhandlung wird geleitet vom Gerichtsdirektor Schmutter, die Anklage vertritt der. Erste Staatsanwalt Kobligk. Als Sachverständiger ist der frühere Kreisphysikus, Oberstabsarzt a. D. Geh. Sanitätsrath Neumann geladen. Die Vertheidigung des angeklagten Inspektors Kirchner und der vier Dominialarbeiter führt Rechtsanwalt Mllller-Glogau. während dem Grafen Pückler ein Vertheidiger nicht zur Seite steht.- Der Andrang des Publikums zur Verhandlung ist, obgleich absichtlich mit Rücksicht auf die beschränkten Räume des Gerichts eine Mittheilung von dem' Stattfinden der heutigen Verhandlungen unterblieben war, ein sehr starker. . ' Der Vorsitzende beginnt: Herr Graf, Sie sind vorschriftsmäßig zu . dem ersten Termin geladen worden. Graf Pückler: Ich habe die Ladung nicht bekommen. Vors.: Dann habe ich dazu, zu bemerken, die Ladung ist Ihrem Inspektor vorschriftsmäßig zugestellt worden; außerdem habe ich durch Befragen deS Inspektors feststellen lassen, daß er Ihnen die Ladung nachgesandt hat, und daß Sie, wie Sie. es ihm auch mündlich bestätigt haben, die Ladung erhalten haben. Graf Pückler: Zum ersten Termin? Vors.: Ich Graf. Pückler: Die Ladung zum ersten Termin habe ich erhalten, aber die zum zweiten nicht. Vors/ Zum zweiten Termin war es auch nicht nothwendig. Graf Pückler: Ja, aber da konnte ich nicht kommen, da ich die Ladung nicht bekommen habe. - Auf die Frage, ob er sich schuldig bekenne/erklärt Graf Pückler: Gewiß, ich nehme Alles auf mich.. Ich bin die Veranlassung dazu. Der Inspektor hat an mich geschrieben, ob er die Bahn zerstören könne, da habe ich ihm geantwortet: Ja. Ich bitte die Leute nicht zu bestrafen, sie können nichts dafür,. ich nehme Alles auf mich, sie haben nach meinen Intentionen gehandelt.- Vors.: Sie haben 1894 Klein-Tschirne von Herrn v. Buddenbrock übernommen und zwischen diesem und der damaligen Besitzerin von Skeyden, der Mutter des Herrn Metscher, ist seit 1874 ein schriftlicher Pachtvertrag. geschlossen worden. Graf Pückler. (lachend): Ich habe ihn nie gesehen, auch nicht unterschrieben./ Vors.-: Wir kommen noch darauf. Der Vorsitzende verliest den Inhalt des Vertrages. Danach ging am 1. Januar 1876 gegen eine jährlich postnumerando zu zahlende Pachtsumme von 28 Thalern das 7 Morgen große. Stück Land in die Pacht des Besitzers von Skeyden über zum Zwecke des Transportes von Feldfrüchten u. s. w. nach der Abladestelle an der Oder. Dieser Vertrag sollte stillschweig«'nd von Jahr zu Iaht fortlaufen und war am 1. Juli zum 1. Januar kündbar. Er sollte, aber erlöschen,, wenn eines der beiden Dominien in die Hand eines neuen Besitzers, übergeht, falls nicht mit dem neuen Besitzer eine Verlängerung des Vertrages vereinbart wird. — Vors:: Als Sie das Gut kauften, was geschah da mit der Pacht?-— Graf Pückler: Da bin ich gefragt worden, ob das so weiterlaufen sollte. Ich sagte: ja, ja; der Vertrag ist mir ja nicht vorgelegt worden, es war ein mündliches Uebereinkömmen. Ich weiß auch nicht/ auf wie lange. Ich habe gesagt, bis auf weiteres. — Vors.: Sie wußten .aber, daß die Pacht 84 Mark betrug? — Graf Prickln (lachend): Ich dächte, ja. — Vors.: Die Sache ist also so gegangen bis zum Oktober vorigen Jahres./Da schrieb Ihr Inspektor an Herrn Metscher einen Brief. (Der Vorsitzende verliest ihn.) Danach theilte Inspektor Kirchner im Aufträge des Grafen- Pückler mit, daß dieser in Zukunft für die Parzelle 1200 Mk. Pacht' verlange, und theilte weiter mit, daß der Graf -genügt' wäre, eventl. das ganze Land am rechten Oderüfer zu verkaufen. — Vors.: Ist darauf eine Antwort erfolgt?