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Der Israelit · 1902-06-16 · Heft 48 (16.6.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 48 (16.6.1902)
Date
1902-06-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Aber er mochte thun, was er wollte, er fühlte, wie sich in sein Sinnen immer wieder der Gedanke an diese fünfhundert Gulden drängte, und wie dieser Gedanke eine Empfindung des Unwillens in seiner Brust verbreitete, und daß dieser Unwille, wenn er ihn ehrlich aussprechen sollte, lauten müßte: „Die fünfhundert Gulden thun mir weh!" Grünberg ließ eiligst anspannen; er fühlte das Bediirfniß, an die Luft zu kommen, in rasender Eile über die Landstraße dahinzufliegen. Vielleicht blieben diese entsetzlichen gotteslästerlichen Gedanken, die den Zorn des Allmächtigen neuerdings gegen ihn bewaffnen müßten, hinter ihm zurück. Von Mosche Leb, dem Wirth, hatte er sich einen Psalter geben lassen. Und wie er nun auf der Landstraße nach B'ösing dahinflog, las er Psalmen. Er las sie mit lauter Stimme, im Tone der Recitationen in der Synagoge, wenn Vorbeter und Gemeinde mit ihnen Gott anflehen, ein gefährdetes Leben den Krallen des Todes zu entreißen oder eine Seuche vom Lande abzuwehren. Aber er mochte schreien, so sehr er wollte, die Stimme in seinem Instern, die die Einbuße der fünfhundert Gulden bejammerte, wie ein bös veranlagtes Kind über eine heilsame Strafe von väterlicher Hand in trotziger Anmaßung zetert, ließ sich nicht üöerschreien. Ein heftiger Kampf entspann sich zwischen seinem Willen und dem Dämon in seiner Brust, der entschlossen schien, sein ganzes Bewußtsein auszufüllen und jedes Gefühl zu unterdrücken bis auf das eine, zur Empörung aufreizende, daß sein Vermögen um einen halben Tausender abgenommen habe. - Er hatte drei, vier Blätter des Psalters in schreiendem Ton und mit heftigem Neigen des Oberleibes! heruntergelesen, allein er mußte sich eingestehen, daß j. sein Bewußtsein an dieser frommen Handlung gar nicht j theilnahm. Hatte er wirklich umgeblättert? Hatte er gelesen? Er wußte nichts davon, in seiner Seele war! nichts zu finden, als die unverscheuchbare Erinnerung | an die verlorenen fünfhundert Gulden und die schauderi bafte Empfindung, daß er wohl in seinem ganzen Leben [■ das Geld nicht werde verschmerzen können. t Er ließ das Buch in den Wagenkorb gleiten, schlug L ./• die Hände vor das Gesicht und versuchte, um gleichsam die rebellischen und verruchten Vorgänge in seiner Brust Lügen zu strafen, ein Dankgebet zu Gott für die -hgnädige Annahme seines Opfers und für die ihm ge-' v währte Verzeihung. . .:. V . . Aber er fühlte schaudernd, daß es ein vergebliches : Bemühen war. Mit dem Dankgefühl, das er so seinem Innern gewaltsam einflößen wollte, war es wie mit einem Kork, den man in's Wasser drückt, und der immer wieder an die Oberfläche schnellt. •:;' * Kraftlos sank Grünberg an die Sitzlehne zurück. Die schwere Gewissensangst, die fürchterliche, die er Lberstanden zu haben glaubte, meinte, er zu sehen, wie sie mit steinernem Gesicht dort zwanzig, dreißig Schritte vor ihm auf der Landstraße ihn erwartete und sich alsbald zu ihm auf den Wagen setzen werde. .. Der Fuhrmann, über das eigentümliche Gebaren seines Wageninsassen schon lange erstaunt und beunruhigt, hatte nichts dagegen, als dieser ihn plötzlich aufforderte, umzukehren und die nächsten Wege nach der Heimath aufzusuchen. M;: Ein klarer Winterhimmel mit Hellem Mondschein und funkelnden Sternen war über das Dorf gespannt, ' als sie an seinem Hause hielten. An den Gassenfenstern sah Grünberg kein Licht. n ' > 7 v In der Thüre des Hinterzimmers traf er aus. seine Frau, die das Halten des Wagens vor dem Thore gehört hatte. Sie nahm ihm den Pelz ab und antwortete auf seine Frage: Ob die Kinder schon schliefen-und ob sie gesund seien? . . : - „Regele liegt seit Nachmittag. Nun, nun, nun,". schrie sie mit einem entsetzten Blick auf sein verstörtes Mienenspiel, „sei nicht gleich so außer Dir. die Zähn' . schöppern Dir ja förmlich. Es ist nicht so viel los. Ein bischen Halsweh hat sie bekommen^." v ' *.'•;; Grünberg stand, schon am Kinderbett in der Ecke und hatte den Vorhang zur Seite geschoben. DaS . Kind, einen Umschlag um den Hals, lag mit dem Ausdruck von Abgeschlagenheit in einem vom Fieber beun^ ruhigten Halbschlaf, die Wange auf dem Polster, die Arme von sich gestreckt. M ■ Er hätte sagen wollen: „Mali, Du weißt nicht, was ich weiß." Aber nunmehr brachte er kein Wort über die Lippen. Hinter seinem Weib her, das sich in die Küche begab, eilte er in die Kammer. Er nahm die Holzaxt, die dort in einem Winkel lehnte .und hastete in den Hof hinunter. Hier ltand unter einem weitausgreifenden Vordach. einer Art von offenem Schuppen, der Hackklotz, auf dem das Küchenholz gespalten, wurde. - Grünberg bedeckte sich die Augen. „Allmächtiger," murmelte er, „ich will büßen, aber mein Kind laß mir leben!" -; /; V:V ' .. / Hierauf legte er die linke Hand auf den Klotz U und die Axt blitzte auf im Mondlicht. ..... :

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