Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1902)
- Date
- 1902-07-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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deckung. Sowie nur ein Bachur nach Preßburg kam, war sein erstes Werk, sich mit einem solchen Cylinder zu versehen, wobei sich die Vachurim, da ihre Mittel selten für einen neuen ausreichten, auf die Erwerbung eines alten, bereits mehreremale aufgebügelten Cylinder, die in zahlreich vertretenen Trödlerläden erhälilich waren, begnügen mußten. Daß dabei selten das rechte Kopfmaß gefunden wurde, ist leicht begreiflich. Als dann die Kultur fortschritt. hielt auch die Jeschiwah an dem alten Zopf nicht fest. Man verlangte von einem Rabbiner, daß er die Fähigkeit habe, eine korrekte deutsche und ungarische Predigt zu halten und die Leiter der Jeschiwah legten den Bachurim, den zukünftigen Rabbinen, keine Schwierigkeiten in den Weg, wenn sie sich diese Wissenschaftenaneignen wollten. Im Gegentheil! Sie waren den Bachurim sogar dabei behälfich, indem sie es ihnen ermöglichten, die Kurse, die von den Lehrern der dortigen Bürgerschule abgehalten wurden, zu besuchen und an derselben Schule ihre Prüfungen zu bestehen. Die Bachurim ihrerseits bestreben sich, von den ihnen eingeräumten Conceffionen Gebrauch zu machen, indem fast alle ine Bürgerschule absolviren. Sie bestreben sich auch, sich eine feinere Sprache anzueignen, und um sich in der Rhetorik zu üben, haben sie eine „Magides-Chewrah" errichtet. Jeden Sabbat hält eines der Mitglieder, einen, deutschen Vortrag aus dem Wochenabschnitte, wobei selten die Zuhörer — auch - viele Gemeindemitglieder darunter — mangeln. Wenn auch diese Vorträge noch manches zu wünschen übrig lassen, so bedeuten sie doch einen lobenswerthen Fortschritt. Die guten und schlechten Witze, die darüber gemacht werden, . sind nur reine Selbstironie. die bei den Vachurim sehr beliebt ist. So wird einem Bachur nacherzählt, er habe sich, nachdem er mehrere Jahre hindurch in Jeschiwah's geweilt und zu seinen Eltern heimkehrte, in der Meinung, seine Heimathsgemeinde werde ihn — wie dies üblich ist — mit einem öffentlichen Vortrag beehren, einen solchen zurechtgelegt und mit schwerer, harter Roth einstudirt. Vielleicht wußte man in seiner Gemeinde nichts von einem solchen Usus oder wollte ihn absichtlich zurücksehen, kurz: der Bachur wurde zur Abhaltung seines Vortrages nicht anfgefordert. was er sich so zu Herzen nahm, daß er gemüthskrank wurde. Der Arzt, der zu Rathe gezogen wurde, hatte sein Leiden bald heraus und sich nur durch die Entfernung der Ursache eine Heilung versprechend, suchte er dieselbe zu erfahren. «Sie haben eine Gemüthskrankheit," sagte er zu feinem Patienten, «und nur, wenn Sie mir aufrichtig sagen, was Sie bedrückt, kann ich Ihnen helfen. Lieben Sie vielleicht ein Mädchen und fürchten, es Zu gestehen? Mir, als Arzt, dürfen Sie sich schon anvertrauen." «Sie haben Recht, Herr Doktor!" erwiederte der Bachur. «Ein Kummer nagt an meinem Herzen. Aber keine geheime Liebe ist es. die mich plagt, sondern die. Zurücksetzung, die mir unsere Gemeinde widerfahren ließ. Sehen Sie, Herr Doktor! Fünf Jahre hielt ich mich in verschiedenen Jeschiwah's auf. habe fleißig Thora studirt und auch von den profanen Wissenschaften ein wenig genascht. Als ich nun zur Heimkehr rüstete, da dachte ich: wie gut wäre es, mir einen schönen Vortrag vorzubereiten, den ich, auf Einladung unserer. Gemeinde hier halten werde, und ich habe mich viele Wochen geplagt, einen solchen zusammenzustellen und auswendig zu lernen. Und nun sehen Sie! Jetzt Hab' ich den Vortrag, kann ihn gut auswendig, aber, mir fehlt die Gelegenheit, ihn zu halten. Sehen Sie, lieber Herr Doktor, das. schmerzt mich unsäglich. Einen so schönen Vortrag zu haben und ihn nicht loswerden zu können!" •' -• . Der Arzt, der den Kranken ruhig hatte ausreden lassen und ein warmfühlendes Herz besaß, hatte Mitleid mit dem Bachur und sagte: «Ich will Ihnen einen Rath ertheilen: Wenn es Ihnen nur darum zu thun ist, Ihre Deraschah loS zu werden, fo können Sie dieselbe mir vorsagen. Stellen Sie sich auf einen Stuhl und. legen Sie los. Ich verstehe mich auf solche Dinge, denn ich Hab' in meiner Jugend auch Gemarah gelernt." Der Bachur ließ sich das nicht zweimal, sagen und that, wie ihm der Arzt geheißen. . ';H-'' Eine halbe Stunde lang mußte der Arzt die Ergüsse des Vachurs über sich ergehen lassen und als dieser endlich, vollständig geheilt, endete, sagte der Arzt: „Hören Sie, mein lieber Bachur! Wenn Sie so etwas in sich stecken hatten, dann wundert's mich nicht mehr, daß Sie krank waren." ‘ - Aber wie gesagt. Solche Witze werden nur von den Vachurim selbst verfaßt, um sich einander zu necken. Es sind mitunter wirklich gediegene Vorträge, die man zu hören bekommt und iedenfalls trägt eine. solche „Magides-Chewrah" nicht wenig dazu bei, die Bachurim zur Erlernung, der deutschen Sprache anzueifern. Auch eine ..Charipbos-Chewrah", und zwar alte-, ren Datums, gibt es in der Preßburger Jeschiwah. ES werden dort halachische Vorträge gehalten, die das Verdienst haben." den Scharfsinn der Bachurim zu wecken. Es ist in dieser Jeschiwah überhaupt für alles gesorgt, was das Herz eines Bachurs erfreuen kann. Er findet Geselligkeit. Vereine, wo er - mit feinen Geistesprodukten glänzen kann, Unterstützünqsvereine, die viel leistungsfähiger sind, als solche anderer Aeschiwah's; er findet ferner mehrere Gasthäuserdie nur für die Bachurim errichtet sind, wo sie gut und billig zu essen bekommen und was eigentlich die Hauptsache ist: auf Kredit! An Kredit fehlt es den Bachurim - in Preßburg überhaupt nicht. Sie können sich alle noth- ' wendigen Dinge auf Borg verschaffen und besonders