Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1902)
- Date
- 1902-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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nen Henkel anfertigen, in dessen Innenseite er die hebräischen Buchstaben Mem und Gimmel, die Initialen seines Namens eingraviren ließ. Diese Münze nun befestigte sich Selma an einem schmalen blauen Seidenband und trug sie seither immer an ihrem Halse, so auch bei der Flucht aus dem väterlichen Hause. . - Jetzt lag der Matrone alles daran, diese Münze genau zu untersuchen, ob der Schekel diese Buchstaben enthielt, und also dieselbe Münze sei, welche einstmals ihre Tochter besessen hätte. Da sie ihr Augenglas nicht bei sich hatte, so konnte diese Untersuchung nur in unmittelbarer Nähe des Fensters und indem sie die Münze dicht vor das Auge hielt, geschehen. Es widerstrebte ihrer stolzen Natur, in Gegenwart des fremden Soldaten eine solche Neugierde zu bezeigen. Frau Eva versuchte daher, diesen aus dem Zimmer zu entfernen, indem sie sich erbot, selber die Pflege des Erkrankten zu übernehmen. . Dies ging aber nicht; der Mann behauptete steif und fest, er habe den ausdrücklichen gemessenen Befehl erhalten, bis zur Ablösung bei dem erkrankten Vorgesetzten zu bleiben, und die Vorschriften des Arztes allein auszuführen. Diese Ordre müßte unbedingt befolgt werden.. Die alte Frau konnte hier nichts mehr thun. Mit einem tiefen Seufzer entfernte sie sich langsam aus dem Zimmer, noch einen Blick voller Theilnahme, worin eine fast mütterliche Zärtlichkeit lag, auf den fiebernden Freund werfend.__ _ So sehr sie auch eine Aufklärung herbeisehnte, so mußte sie sich einstweilen in Geduld fügen, mußte eine günstige Gelegenheit, vielleicht erst die Genesung — oder den Tod ihres Lieblings abwarten. Die alte Frau schauderte. Warten also, warten sollte sie wieder. Immer nur warten, so vergeht das Leben im steten ununterbrochenen Warten. Wie lange eigentlich blieb Frau Eva Goldberg noch Zeit zum Warten? Sie war schon alt an Jahren, alt an Denken und Fühlen; sie war schon müde von ununterbrochener körperlicher und geistiger -Arbeit, war müde geworden der Schicksalsschläge, die sie betroffen. Jetzt stand sie vor der Enthüllung des großen Geheimnisses, in welches ihre zweite Lebenshälfte durch das Verschwinden ihres einzigen Kindes gehüllt war. setzt war sie nahe daran, Aufschluß über dessen Schicksal zu erhalten, und sollte wieder warten. , Die alte Frau, welche ein Menschenalter lang die schwere Last, welche ihr das Schicksal äufgebürdet,'geduldig, ohne Murren getragen, diese alte, gottergebene Dulderin sträubte sich mit einemmale in ihrem Innern gegen die gestellte Zumuthung des neuerlichen Wartens — aber vergebens! Der Einzige, der ihr Aufschluß geben kennte, durfte mit keiner ihn vielleicht aufregenden Frage behelligt werden. Ja, so sehr sie auch darum gebeten hatte, den kranken Zugsführer bei sich im Hause behalten und pflegen zu dürfen, er wurde dennoch mittelst eines Sanitätswagens in die nahe Garnisonsstadt transportirt, wo er im Garnisonsspitale von Militär-7 ärzten behandelt werden sollte. /l > ' - Wie man der fast verzweifelnden .Greisin mittheilte, sei der Zugsführer von einer, schweren Lungenr. entzündung befallen worden, und ' da noch Eompli- kationen zugetreten sind, werde es voraussichtlich lange. dauern, bis er völlig genese.;; :;. -;. Und wenn nicht? Wenn dieser Mund, der so > zarte, liebevolle Worte zu der fremden Greisin zu sprechen verstand, auf ewig verstummt, wenn der Tod sein Siegel auf diese theuren Lippen drückte, wenn diev ses große Räthsel ewig ungelöst bleibt, was dann? - Wie konnte Eva Goldberg weiter leben?- VI. *' -- Aus klein Saferl war im Laufe der Jahre eine große Sophie geworden. Daran ist im Grunde nichts , Auffallendes. Auffallend aber ist es, wie sich in dem vom Weltverkehr abgelegenen böhmischen Landstädtchen; eine solche Anmuth, ein solcher Liebreiz entwickeln konnte, wie ihn dieses Mädchen aufwies. •- ‘ Reb Schlome Teinitz war ein braver, tüchtiger, pflichteifriger Kultusbeamter, der ein Blatt Gemora' lernen, der die in seiner Gemeinde vorkommenden - rituellen Fragen entscheiden konnte, ja, der an Festtagen V und bei besonderen Anlässen auch eine Droscho schlecht; und recht vom Stapel laufen ließ, aber deutsche Literatur und moderne Wissenschaft waren ihm spanische Dörfer geblieben. / ' Auch seine Frau hatte nur eine ganz einfache Er-? ziehung und Bildung genossen und kümmerte sich mehr um ihre Häuslichkeit, um das Behagen von Mann und Kind, als um die Händel der Welt, oder gar um die Erzeugnisse der Litteratur. '' .-V* - So wenig sich beide Eltern den Trieb ihres Töch-, terchens, immer zu lesen und zu lernen, erklären konnten, so legten sie der Entfaltung dieses Triebes kein Hinderniß in den Weg und hatte sich das Mädchen auf diese Weise eine ziemliche Bildung angeeignet.? - . - Frau Esther fühlte sich um so weniger veranlaßt,^ ihrem Töchterchen das. viele Lesen zu verbieten, älA Sophie trotzdem in der Häuslichkeit nichts versäumst' und sich unter ihrer. Leitung zu einer tüchtigen Haus-? wirthin heranbUdete. - j ' * ■* Die Post, welche um 4 Uhr Nachmittags inWmov eintraf, brachte auch die Zeitung.für Teinitz ^mit^— Gleich nach Eintreffen des Blattes, bemächtigte sich': Sophie desselben, um es zu lesen. Doch nur scheinbar? Ihr Auge glitt suchend durch die Spalten des Blattes,