Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1902)
- Date
- 1902-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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lüii I 43> Jahrgang. M 38. AenLrat-.Hrgan für das ortßodoXe IudenLhum. Begründet von v; tontag, den 1S. Mat SSSS (19O2). u-- Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. . - . ' Von Rabbiner Dp. Daniel. Fink—Wien. II. Man kann ohne Weiteres zugeben, daß unsere Religion in ihrer ursprünglichen Gestalt keine Glaubenssätze kennt. Es bekundet sich hierin zunächst ein Zug wunderbarer Oekönomie hinsichtlich der Form, in - welcher die Offenbarung uns überkommen ist. Glaubenssätze hätten nothwendig auf die Begriffe jener Zeit des Alterthums eingehen müssen. Bei dem Stande der damaligen Welt- und Naturerkenntniß waren dieselben unvermeidlich noch sehr beschränkt und unvollkommen. Bei dem Fortschritte, der in Bezug auf letztere unausbleiblich war, wären die in solchen Erkenntnißformen niedergelegten Lehren der Offenbarung als veraltet angesehen worden und hätten einer fortgeschrittenen Zeit als überwunden erscheinen müssen. Wer jedoch auf Grund dessen die Behauptung wagte, daß die isr. Religion aller Glaubenswahrheiten bar sei, der hätte von dem, was ihren Kern und ihr Wesen ausmacht, keine Ahnung. Die Thora kennzeichnet eine Gruppe ihrer Gebote als nry. Wie der Name schon sagt, liegt in ihrer Bethätigung eine Bezeugung, oder, wie wir uns modern ausdrücken würden — „ein Bekenntniß." Hier gelangen alle Elemente' des reinsten und erhabensten Gottesglaubens zur vollendetsten Ausprägung. Die Ueberzeugung, daß Gott der Schöpfer des Weltalls ist, bekundet sich in der Feier des Sabbats. In der Weihe der Erstgeburt .Tnin verewigen wir das Wunder, welches unseren Vorfahren die Befreiung aus dem Joche der Aegypter erwirkt hat. Dieses selbst war aber nichts anderes, als die greifbare Darlegung der Thatsäche, daß Gottes Vorsehung nicht bloß über die großen Fragen im Haushalte der Welt, sondern auch auf das Einzelne der Persönlichkeit sich erstreikt. In dem Gebote der wiv bekennen wir, daß die Erlösung in jenem Augenblicke erfolgen mußte, den Gott dafür bestimmt hat. Keine Macht der Welt konnte jenen Moment auch nur auf eine noch so kurze Spanne Zeit hinausschieben. Hierin wurzelt die Erkenntniß, daß Gott es ist, der die Geschicke der Volker und insbesondere die Seines Volkes Israel lenkt. Das Omeropfer. welches unter Vornahme einer nvun d. h. einer ' Schwingung nach allen sechs Richtungen des Raumes, zur Darbringung gelangt, bringt die Ueberzeugung zum bek6nntnißmäßigen Ausdruck, daß Gott über alle Kräfte der Natur, wie sie über das gesammte Weltall vertheitt sind, gebietet. Auf seinen Willen erfolgt ihr einträchtiges; Zusammenwirken, dem einzig und allein Ms Ge-'' dcrhen der jungen Ernte zu danken ist. Wie andererseits auf den Willen Gottes dieselben in unheilvoller Weise gegeneinander wirken können, was ihr Mißernten zur unvermeidlichen Folge hätte. Aus diesem Grunde ward auch das Omeropfer aus Gerste dargebracht, die sonst nur noch einmal für solche Zwecke Verwendung fand. Gerste dient im Morgenlande hauptsächlich zur Fütterung des Viehes. Es sollte damit bekundet werden, daß jene Weise, die die Gaben der Natur ohne' weitere Ueberlegung stumpfsinnig hinnimmt, dem Erkenntnißstande des Thieres nur entspricht. Erst durch die in der noun ausgesprochene Ueberzeugung erhebt der Jude sich zu dem Standpunkte, der dem Menschen - geziemt. In dem Sefiragebote legt Israel das Bekenntniß ab, daß Gott sich ihm nach der Befreiung aüS Aegypten auf dem Sinai vor aller Welt offenbart hat. In dem Gebote der Mesusa bekundet Israel, daß Gott überall waltet, somit über die Schranke des Raumes erhaben ist. Durch das Gebot der Tefillin bezeugen wir, daß Gott auch die Regungen des Geistes und Herzens im Keime — noch bevor sie in ausgeprägten Gedanken und Begierden bestimmte Formen gewonnen haben — offenbar sind, daß er somit über die Schranke der Zeit erhaben ist. Die Stiftung des Jobel, vermöge welcher der Israelit nur ein Nutznießungsrecht, niemals ein Besitzrecht am Grund und Boden des heiligen Landes erlangen konnte, läßt über das leitende Motiv Q