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Der Israelit · 1902-05-07 · Heft 37 (7.5.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 37 (7.5.1902)
Date
1902-05-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Gebiet, welches ihr selbst viel bekannter, weil gewohnter war, als Liebesblicke und Worte — dem Klatsch nämlich. In erster Linie kam da die Herrschaft an die Reihe. Was war natürlicher, als dies? Und um nun ein Thema zu verhandeln, welches allen Betheiligten gleich interessant war, begann sie das eigenthümliche Verhältnis zu besprechen, welches sich in den wenigen Tagen, seitdem die Einquartierung im Hause war, zwischen der „Frau" und dem Herrn „Führ'" entwickelt hatte. Ganz besonders auffallend schien es der Magd, daß so ein schmucker junger Herr, wie der Herr „Führ'" es ist, seine ganze Feierstunde bei der alten Frau zubringt, und ihr so zärtlich die Hand küßt. Aber so eine alte Jüdin, deren Stirnfalten so tief sind, daß man darin ganz gut wie in Ackerfurchen Kartoffeln pflanzen könnte, und deren Hände so welk sind, wie eine vorjährige Futterrübe— so eine alte häßliche Jüdin könne doch auf den feschen jungen Mann keine solche Anziehungskraft ausüben. Da müsse was anderes dahinierstecken. Vielleicht spekulirt er auf ihr Geld, die Juden haben doch alle viel von dem. Zeug, und die Alte scharrt schon viele Jahre davon zusammen, was' Zeug hält; da verlohnt es sich schon für so einen jungen Habenichts, der alten Jüdin etwas schön zu thun. „Etwas steckt dahinter," so schloß die würdige Jungfer Lene ihren Klatsch. „Ei, was soll dahinterstecken." sagte einer der Soldaten darauf. „Sie sind halt beide Juden, und die halten zusammen wie die Kletten." „Das ist wahr," sagte bedächtig der alte Kutscher. „Aber bei.den zwei Leuten muß noch etwas anders dazwischen sein. Ich bin schon lange im Hause und kenne die Madame so gut, wie meine eigenen Stiefel. Die hat noch aus Niemand so ein Wesen gemacht, wie aus dem jungen Juden. Es sind doch oft schon Juden in den Hof gekommen. Waren es arme Leute, so hat man ihnen zu essen gegeben, und die Frau gab gewiß etwas Geld, wieviel weiß ich nicht, unsereins sagt man bas nicht: waren es Vermögende, so hat man sie fein bewirthet und hat ihnen die Kalesche einspann-u lassen, wenn sie wegfahren wollten, aber gesprochen bat die Madame mit keinem von den Allen soviel, wie mit dem. Sie war halt immer so mürrisch, nur gegen den da ist sie freundlich, da steckt richtig was dahinter, die Lene hat schon recht." t Seite war ganz stolz darüber, daß ihre Ansicht bei dem als Autorität im Höfe geltenden Kutscher die verdiente Anerkennung fand, und hörte mit den andern aufmerksam zu. als der alte Kutscher fortfuhr: - bin.. mij^der^Alten unzählige Male in der Stadt gewesen, beim Doktor oder'KEmann, aber sie hat. niemals ein übriges Wort gesprochen, und lächeln habe Ich sie niemals gesehen, wie jetzt, wenn sie auf den jüngen Menschen schaut und mit ihm spricht." - . .. Auf diese Weise bewegte sich die Unterhaltung der Soldaten mit den Knechten und Mägden bis tief in die Nacht. ’ . *. ■* .. Einmal aber war es spat Abends geworden, und vom Manöver war Niemand zurückgekommen. Die ganze Mannschaft sollte im offenen Felde das Nachtquartier aufschlagen. : . > ü- V. Es gehört dies wohl nicht zu den Annehmlichkeiten. des Soldatenlebens, aber im Manöver ist dies nothwendig.' ' Es war spat geworden. Schwere Gewitterwolken. hingen am Himmel und drohten, sich jeden Augenblick zu entladen. Die Greisin litt es nicht mehr in ihrem Zimmer, wohin sie sich zurückgezogen hatte, um daselbst, wie allabendlich, die Ankunft des jungen . Soldaten zu erwarten. Sie ging unruhig im Hofe herum, nach den Ausbleibenden spähend. -/ ,:■■■ Da winkte sie der Gänseliese zu, welche eben die weiße Schaar der Kapitolsretterinnen heimbrachte und sie dem Stalle zujagte. „Liefe!, steig hinauf auf's Taubenhaus und sieh Dich um, ob die Soldaten noch nicht vom Manöver kommen; das ganze Nachtessen verdirbt ihnen, denn heizen lasse ich heute nicht mehr, wenn so ein Gewitter heraufzieht." Liesel beachtete den Nachsatz nicht, womit die sonst absolut regierende Herrin das Interesse zu bemänteln suchte, welches sie an dem ihr eigentlich fremden Soldaten nahm. Sie sagte blos: . „I, Madam, die kommen heute nicht. Ich war mit den Gänsen auf dem Stoppelfelde beim Wald und sie haben mich fortgejagt, weil die' Soldaten dort tBt Lager machen werden und dort über Nacht bleiben." Es war die höchste Zeit gewesen, daß Liesel ihre schnatternde Schaar heimgetrieben hatte, denn das drohende Gewitter war mit aller Macht ausgebrochen. Blitze kreuzten sich in unheimlichem Feuer, Donnerschläge folgten rasch auf einander, der Sturm brauste, als wollte er das alte Gebäude in seinen , Grundyesten erschüttern.. rr.* ' Die alte Gebieterin des Hofes achtete auf die Unbilden des Wetters nicht. Gewohntermaßen ging sie überall herum, nachzusehen, ob auch alles Herdfeuer-im Hause verlöscht fei, ob die Laternen in Ordnung^ und in Bereitschaft sind. Sie ließ die Feuerspritze aus dem Schuppen hervorziehen und mit Wasser füllen, die Leitern und Wassereimer in Bereitschaft setzen- Jetzt erst konnte sie daran denken, aus. dem . niederströmenden Regen sich in die trockene Stube zu. flüchten und ihre durchnäßte Kleidung zu wechseln. „__ ... J^u jeder anderey^ZLit pflegte sie. sich nach , dieser 'Mhanrn PsjW zuiUuhe zu'begeben^ iiüchdem.sif noch sich und ihr Eigenthurwund alle Bewohner des Lguses der Obhüt des allmächtigen Hüters Israel Empföhlen, „dessen Kraft und Stärke das ganze Weltall erfüllet," aber heute konnte sie den Seelenfrieden nicht, finden.

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