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Der Israelit · 1902-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1902) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1902)
Date
1902-04-21
Page
– (sequence 34)
Language
German
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„Was hört man von uns daheim?" fragte Mr. Davis mit einer Stimme, die ihm selber fremdartig Hang. Er war gleichfalls eigenthümlich berührt von diesem Zusammentreffen. „Was soll man hören? Schlecht!" „Seid Ihr schon lange von dort weg?" »Zehn Jahre schon!" „Und ich fünfundzwanzig. Habt Ihr Reb Kalman gekannt?" „Reb Kalman . . . Reb Kalman? ... Ach ja, Ihr meint wohl den Glaser?" „Rein, Holzhändler war er. Ein Großonkel der Frau meines seligen Schwagers. Lebt er noch? Wie geht's ihm? Und Reb Russen (Nathan)? Was macht der? . . . Und die Tante Zierle?" Reb David Broden fühlte plötzlich eine Fülle von verblaßten Gestalten in seiner Erinnerung auftreten. Jener aber wiederholte hartnäckig: „Reb Kalman? Reb Kalman? Rein. Ich kannte nur. noch Reb Kalman, Bäcker aus Kowno, der für unsere Schul ein Sefer-Thora schreiben ließ . . . ." .. „Kowno?" fragte Mr. Davis, „wo liegt denn das? Nicht weit von Stanislau?" - „Stanislau?" verwunderte sich der andere. „Kenne ich gar nicht, ha'öe ich niemals gehört." „Was? Ihr habt niemals von Stanislau gehört? Unweit von Kolomea ..." „Kolomea? Mir ganz unbekannt... ." „Auch Kolomea nicht? Von wo seid Ihr denn her, Reb Korew?" machte Mr. Davis verdrießlich. Er konnte nicht begreifen, wie Jemand nie im Leben etwas von Stanislau, noch von Kolomea gehört haben konnte. - . Jetzt erst merkte er, daß sein Landsmann mit einerg;fremden Accent.sprach. Er war „Litwak". -7. Es stelle trch heraus, daß der Schneider aus einem litauischen Städtchen unweit Kowno stammte, aus einer wildfremden Gegend also, von der Mr. Davis nicht einmal eine Vorstellung hatte. Ein Jeder fühlte sich enttäuscht, daß der Andere nicht aus seiner Heimath stammte. Bei näherer Bekanntschaft fanden ste jedoch, daß es dort ganz so aussah, wie hier, daß es im' Grunde, bis auf den leichten Unterschied in der Aussprache, ganz dasselbe war. Im Vergleiche zu der ungeheuren Entfernung Amerikas verschwand die Entfernung zwischen Stanislau und Kowno, schrumpfte in ein Nichts zusammen, die beiden Gegenden rückten näher und Mr.. Davis und Mr. Flock fühlten sich gan-i heimisch mit einander. Auch ihre Schicksale waren einander sehr ähnlich. Fortan verbrachten sie ihre Mußestunden zusammen, erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte und ein Jeder gab dem andern nachträglich gute Rathschläge, wie-er es hätte machen müssen, damit eS besser gekommen wäre. Als Mr. Davis diesmal wegen eines schwebenden Prozesses, in dem er just an den beiden Feiertagen unter Androhung einer schweren Strafe, als Zeuge auftreten mußte, verhindert war, die weite Reise nach Cincinnati aus die Feiertage zu machen,verfiel er auf den glücklichen . Gedanken, mit Mr. Flock zusammen bei sich zu Hause den Seder zu veranstalten. Der Schneider, der diesem Tage mit Bangen entgegensah, war über den Vorschlag beglückt und theilte dem Freunde seine Entdeckung mit, daß der neue Geselle von Mr. Smidt, dem Goldarbeiter, ebenfalls Jude sei. „Doch ist das so einer . . . verstehen Sie mich . . . stark angevrannt, giebt sich nicht gern als Jude zu erkennen, beinahe schon gar kein Jude mehr . . . Zu dem größten Erstaunen beider nahm der junge Goldschmiedgeselle die Einladung mit unverholenee Freude an. Mr. Davis beschloß auch, die beiden jüdischen Grubenarbeiter aus dem einige Meilen ent' fernten Struck Oil einzuladen und so versprach es, entgegen seiner anfänglichen Befürchtung, ein recht heiterer und angenehmer Tag zu werden. „Mrs. Attkin," sagte er einmal zu seiner Mirthin. „nach zwei Wochen haben wir jüdische Ostern." „Da werden Sie wohl nach Cincinnati fahren?" „Das kann ich leider nicht. Ich reise jetzt und komme in acht Tagen wieder. Diesmal werde ich zu Hause feiern." „Schön, Mr. Davis, ich backe Ihnen einen hübschen Kuchen." ' - - Mr. Davis lachte. „Ich danke, liebe Mrs. Attkins, aber zu Ostern dürfen wir nur Mazzoth essen." . „Ach, ja. die ungesäuerten Brode. Das steht ja Alles in der Holy Bible." . „Wissen Sie, Mrs. Attkins, das ist ein sehr fröhliches Fest. Bei uns daheim, in Polen, bereitet man sich vier Wochen lang darauf vor." „Kann ich mir auch denken. Das ist ja das Fest der Befreiung. Gott hat mit erhobenem Arm das Volk Israel aus der Knechtschaft geführt," recitirte sie feierlich mit ihrer mächtigen Stimme. ..Dann hat der Herr . . . ." Hier nannte sie den Stifter der christlichen Religion. »Nein, nein," unterbrach sie Mr. Davis. „Dies war viel, viel später. Jenes war lange, lange vordem. Damals regierte noch der alte Herrgott allein die Welt." sagte er lachend, da ihm ein hübsches, altes Wihwort einfiel. „Und wissen Sie. Mrs. Attkins," fuhr er nach einer Weise, während sein Gesicht einen ernsten und strahlenden Ausdruck annabm, „es steht geschrieben» nicht durch einen Engel, noch durch einen Abgesandten hat Gott unsere Väter erlöst, sondern selber, in seiner vollen Herrlichkeit, offenbarte er sich ihnen." „Und Moses?" wandte die bibelfeste Mrs.' Attkins ein und machte Miene, eine ihrer öfteren theologischen Diskussionen anzufangen. Aber Mr. Davis

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