Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1902) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1902)
Date
1902-04-21
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449826--55809-2518497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hause den Seder." — „©eeeber?" macht er, nachdem er eine Weile geschwiegen und schaut mich so merkwürdig an. „Nun ja," sage ich, „so heißt nämlich, was wir morgen Abend zu Hause beten und singen. — Ihnen habe ich's ja erklärt, Mrs. Attkins. Was sagen Sie dazu, liebe Mrs. Attkins, der Mann macht plötzlich ein Gesicht, als hätte er eine bittere Pille verschluckt. Ich schaue ihn an, dann sage ich „Good by" und will mich entfernen, aber er spricht: „Wissen Sie was, Mr. Davis, ich möchte mir gerne mitansehen, wie das ist, was Sie heute Abend machen." Ich dachte mir, der will dich zum Vesten haben, und sage, „ach, da wird nicht viel zu sehen sein, in Cincinnati, bei reichen Leuten, wo eine zahlreiche Familie ist, müssen Sie sich mal das ansehen." Er aber sagt, das sei ihm ganz gleich, er müsse um jeden Preis dabei sein. „All right“', sage ich, „meinetwegen, wenn's Ihnen Vergnügen macht." Und wie ich jetzt zurückkomme, paßt er mir auf und sagt: „Vergessen Sie nicht, Mr. Davis, heute Abend bin ich Ihr Gast." Sehen Sie, Mrs. Attkins, ein neugieriger Mensch, der Doktor." „Ich freue mich auch schon, Mr. Davis^ ich habe noch niemals ein jüdisches Petzachfest gesehen." Mrs. Attkins ging und Mr. Davis fing an, nachdem er draußen das Chomez verbrannt, sich zum Seder zu rüsten. Die Stunden verrannen. Der Abend war nicht mehr fern. Es war das erste Mal, daß der alte Mann diesen Abend nicht im Kreise einer, wenn auch fremden Familie zubringen sollte, und daher war ihm etwas wunderbar zu Muthe. Er schien sich jedoch Courage zu machen und brummte etwas wie"eine Melodie vor sich bin, während er sich wusch und dann frische Wäsche anlegte, seine besseren ZÜeider hervorholte und glättete. Doch'war er sehr zerstreut, ließ jedesmal einen Gegenstand liegen und vergaß ihn, dann ging er wie im Traume suchend umher und faßte wieder etwas ganz UnnöthigeS an. ^Seine Gedanken weilten in der Ferne. Mr. Davis, wie man ihn hier kurzweg nannte, hieß mit seinem vollen Namen David Broder, war seines Zeichens Schuhmacher und war vor fünfundzwanzig Jahren nach Amerika gekommen, um hier, nachdem er daheim in Galizien all' sein Hab und Gut verloren, sein Haus abgebrannt und seine Frau und einzige Tochter gestorben waren, sein Glück zu suchen. Anfangs glückte es ihm nicht übel und er war sogar auf dem Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Später jedoch fing das Unglück an, ihn zu verfolgen. Er mußte Cincinnati, wo er sich angesiedelt hatte, verlassen, und wurde endlich, nach vielem Umherirren, nach dem entlegenen, weltvergessenen Green Citv, einem kleinen, einige Jahre zuvor gegründeten Städtchen, verschlagen, wo er sich eine Schusterwerkstätte eröffnet«. Aber er war bereits zu alt für sein Handwerk und muße bald jüngeren Kräften Platz machen, dann richtete er eine Grocery ein, die aber 1 ebenfalls kein Glück hatte. Endlich schnallte er den Hau- ' sirkasten um die Schulter und wanderte Tag aus. Tag ein von einer der umliegenden Farmen zur anderen, wo er die Maaren absetzte, die er jedes Vierteljahr in dem fernen Cincinnati einkaufte. Da man ihn allerwärtS wegen seiner strengen Redlichkeit und Pünktlichkeit schätzte, so machte er für seine Verhältnisse gute Geschäfte und konnte bereits davon träumen, einst auf die alten Tage der Wohlthätigkeit nicht zur Last fallen zu müssen, was er stets befürchtet hatte. Aber je älter er wurde,. desto häufiger beschlich ihn eine unbekannte Traurigkeit, die er anfangs selber nicht verstand und . die ihn manchmal Tage lang bedrückte. Es war daS Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, welches ihn heimsuchte. Er empfand eine unbestimmte, aber sehr lebhafte Sehnsucht nach verschollenen, fernen Dingen, nach Menschen, mit denen er von den vergangenen Zeiten reden könnte. In solcher Gemüthsverfassung, die sich meist am Sabbat Nachmittag, da er von jeglicher Arbeit ruhte und auch von dem einsamen Gebet nicht in Anspruch genommen war, bei ihm einzustellen pflegte, setzte er die Hornbrille aus, zog aus seiner Tasche das abgegriffene, noch aus der alten Heimath stammende Psalmenbuch hervor, und sang einen Psalm nach dem andern, nach alter Melodie, während er in die daneben gedruckte Jargonübersetzung blickte, bis es dunkel wurde. Dann sank daS Buch auf feine Knie herab und er verfiel in ein halbklares Träumen. Verworrene Gestalten zogen an ihm vorüber, aus denen langsam seine Frau und seine einzige Tochter auftauchten. Er sah die verwischten Umrisse seines Heimathstädtchens, die schmalen Gassen, die Synagoge mit dem hohen, phantastisch sich thürmendeir Dach, dann den weißen, breiten, zwischen einer Allee von alten, breitästigen Wildbirnbäumen sich schlängelnden Weg, der weit hinaus in's Freie führt, wo der „heilige Ort", der Friedhof lag. Dort ruhten alle, die er in diesem Leben nicht mehr sehen sollte. Zuweilen erfaßte ihn eine Art Neugierde, wie es denn dort, daheim im Städtchen jetzt aussehen möchte. Manchmal empfand er ein förmliches Herzklopfen, als lauschte er in spannungsvoller Erwartung auf eine Nachricht von dort, auf eine Kunde, die ihm etwas erzählen, vielleicht auf eine geheimnißvolle Stimme, die ihn Heimrufen würde, und er ertappte sich dabei, wie er richtig zum Fenster hinauSfchaute, ob nicht jeden Augenblick Jemand käme. Aber er hatte Keinen mehr, der an ihn dächte. Dann trat Mrs. Attkins ein mit einem brennenden Holzscheit, um Feuer zu machen, und alles war vorüber. Mrs. Attkins, eine strenggläubige, bibelkundige Methodistin, bei der er seit vielen Jahren wohnte, schätzte diesen braven Miether. der so sauber war, so pünktlich die Mietbe zahlte, den Sabbath so streng beobachtete und die Psalmen säst auswendig kannte, sehr hoch. Jni i Städtchen kannte ihn ein jedes Kind; da er hier der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.