Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1902)
- Date
- 1902-04-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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738 worden. Will man nicht annehmen, daß jener Friedhof so alt war und daß die Steine so weit verschleppt worden sind, so darf man vielleicht vermuthen, daß ein älterer Friedhof sich in der Nähe des von den Juden damals bewohnten Stadttheils, dessen Mittelpunkt der heutige Judenplatz war und der über die heutige Wipplingerstraße und andere Theile hinabreichte, sich befunden habe. Die an sich und wegen der schönen, tief eingegrabenen Schrift interessanten, zumal für die Geschichte der Juden in Wien zur Zeit der Babenberger und der ersten Habsburger wichtigen hebräischen Inschriften wurden dem Museum der „Gesellschaft für Sammlung und Erhaltung von Kunst- und historischen Denkmälern des . Judenthums" überlassen. Rußland. Uman. (G hettoträume.) Wenngleich wir Gott s. D. seit einigen Jahren keine solchen elementaren Ausbrüche der Judenverfolgungen erfahren haben, wie sie uns vor einem halben Jahrzehnt heimgesucht, müssen wir dennoch jederzeit mit dieser Gefahr rechnen. Dies legt mir den Gedanken nahe, Vorschläge zu „Maßregeln gegen die Judenhetze" vorzubringen oder doch Anregungen zu geben, die.Lei richtiger Anwendung die Gefaht beseitigen könnten. Als in Spola die Judenhetze war, hat niich die Spulaer jüdische Gemeinde dorthin berufen, wo ich fast einen Monat, mit Untersuchungen der traurigen Angelegeilheit verbracht habe. Diese. Beobachtungen haben mir die Ueberzeugung beigebracht, daß der Sturm der Volkselemente (sowie jeder Sturm auf dem Land oder im Meer) den „Gesetzen des Gleichgewichts" unterliegt. An diesem zusammengesetzten Parallelogramm der Kräfte haben viele einzelne Kräfte und Elemente Antheil. Eine der Hauptkräfte nun. die bei den Judenhetzen Mitwirken, ist neben dem Haß gegen die Juden, vor allem der Wunsch, ihr Hab und Gut zu vernichten. Eine der Gegcn kräfte aber, die von der Judenhetze zurückhält, ist die Furcht vor der Strafe, die .je nach der Gegend und der Zeitströmung, geringer oder schärfer ist. Von diesen Erwägungen nun ausgehend, kam ich zu der Ueberzeugung, daß man die Erscheinung der Judenhetzen bedeutend abfchwächen, ja vielleicht ganz vernichten könnte, wenn man an einem gesicherten Orte „eine Versicherungs-Gesellschaft gegen die Judenhetzen" aller Juden auf der ganzen Erde organisiren würde. Nach der bisherigen historischen Entwickelung und den bisherigen Gepflogenheiten neigt die „Wagschale.der Gleichgewichtsgesetze" auf die Seite der Judenverfolger. Diese,.von dem heißen Wunsche beseelt, einige jüdische Familien ganz und gar zu vertilgen, entschließen sich leicht, sich der — in ihrem Ausgange ja ohnehin zweifelhaften — Möglichkeit einer Verfolgung durch die Gerichte zu unterwerfen, wenn sie nur ihren niederen Gelüsten fröhnen und ihren innigsten Wunsch erfüllt sehen. Wenn aber das gesammte Jud-enthum durch eine allgemeine gegenseitige Versicherung geneigt fein wird *| (gleich der vielköpfigen Hydra, der jeder auf die einzel- « nen Theile des Kopfes gerichtete Schlag unftrhlbar 1 wird), dann zerstört das „Gleichgewichtsgesetz" die Der- ' wirklichung der Judenhetze. Wie stark nämlich auch der Haß sein mag, er wird vor dem Bewußtsein schwinden, daß es sich nicht lohnt, sich einem Risiko und Unannehmlichkeiten zu unterwerfen, die ja der „Verlust des vernichteten Juden" von der Versicherungsgesellschaft vollauf ersetzt' wird. Das Leben selbst verlangt gebieterisch die Gemeinversicherung. Vorbilder solcher Versicherungen sind in der Praxis schon vorhanden. Nicht nur, daß es ähnliche Gesellschaften für andere Gelegenheiten schon gibt, wird die Ausführbarkeit schon durch die nach jeder Judenhetze aus den begünstigten nach den betroffenen Orten reichlich fließenden wohlthätigen Spenden erwiesen. Die nachträglich, oft zu spät flüssig gemachten Summen würden rechtzeitig schon' lange vor der Katastrophe aufgespeichert, rationell vertheilt, zweifellos weit, weit segensreicher.verwendet werden. Und werden die durch die Versicherung gewonnenen Summen für ihren Zweck nicht verbraucht, so könnten sie mit der. Zeit unter günstigen. Umständen . einen enormen jüdischen Wohlthätigkeitsfonds bilden, an dem alle Juden der ganzen Erdkugel Antheil haben würdem Vielleicht nimmt sich der neugegründete „Hilfsverein für die deutschen Juden" des Gedankens an?' Rechtsanwalt S. Z w o n i t s k y. WitthellvW» aus de» W. Amellserettr« nt für MM». fSSmmtNche jüd. Wanderbettelvereine uns ßaflm für Durchreisende sind gebeten, uns Mittheiluugen über Erfahrungen, die sie auf dem Gebiete ihrer LHLtigteit machen, zukommen zu lallen.) Natibor, 11. April. Der „Rabbinatskandidat" .Samuel S o b e l in Wien, gegen den sich vor einigen Monaten eine warnende Zuschrift richtete, schickt uns eine Berichtigung, damit seine Ehre und seine Einnahmen wiederhergestellt würden. Wohl sei es wahr, daß er sich „Rabbinatskandidat" nenne, ohne es heute thaisächlich zu sein (Sobel lebt bereits in zweiter Ehe), doch habe er vor Jahrzehnten Jeschiwoth besuch^ und deßhalb nenne er sich Rabbinatskandidat. Wohl sei es ferner wahr, daß er am Freitag Abend 11 Uhr von Ratibor nach Wien gefahren sei, obwohl ihm reichlich Geld gegeben und alle Sabbatmahlzeiten angewiesen wurden, doch sei er nur gefahren, weil seine Frau krank gewesen wäre. An einer Fälschung von Anweisungen sei er nicht betheiligt gewesen. Wir glauben, den Wunsch des durch die Warnung in seinen Einnahmen erheblich geschädigten „Rabbinatskandidaten" erfüllen zu sollen. Gne weitere Bemerkung ist überflüssig