Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1902)
- Date
- 1902-04-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43. Jahrgang. Die Erhaltung des Iudenthums. (Betrachtung zum Ueßachfeste.) - (Schluß.) k'L. Das Juventhum war einst groß u. reichhaltig. Vier Söhne gehörten zu seiner großen Familie, wie die Hagada berichtet: vsv "mw en -inrr wn "inw asn rat» der eine ein Weiser, der zweite ein Bösewicht, der dritte einfältig und der vierte — der blasirte Stumpfling. Wo sind sie alle hingekommen? Fast hat es den Anschein, als wären sie uns abgestorben. Nur der eine, der immer das größte Herzeleid uns verursacht der!nxe6 m* w — er ist uns geblieben. Man konnte dem entgegenhalten: ja, an Reschoim fehlt es uns doch wahrlich nicht? Das mag schon sein, nur geben sie sich als solche nicht zu erkennen. Das war früher ganz anders. Da traten die Reschoim mit ihren scharfgesvitzten Pfeilen auf. Sie erklärten offen: wir essen trepha, thun alles, was Gott verboten hat: Das hat dann den Zorn auf der anderen Seite zu Hellen Gluten entfacht. Daher batten wir auch rechte Zadikim. Heutigen Tages dagegen essen sie trepha wie nur irgend jemals. Allein auf der Firma heißt es mit fingerdicken Buchstaben: -iro. Wer soll nun die Reschoim als solche unter dieser Maske herauserkennen? Unsere Weisen haben für diese Zeiten des seiner selbst mit Behagen genießenden Jndifferentismus den rechten Blick besessen. Es läßt sich dies aus einer höchst auffälligen Bemerkung in der Mechilta erschließen. Im Anschluß an den Vers: na D3’:a ae^x new n 'Vn erd xiKTn nraeyn „Wenn eure Kinder zu euch sprechen werden: was soll euch dieser Dienst?" — bemerken die Weisen: rrrow mm *pe» iwnim nparw ran rrwa „Hier ist Israel mit einer bösen Nachricht überraschf worden. Es werde nämlich schließlich dahin kommen, daß die Thora in Vergessenheit gerathen werde. Was hat sie doch nur gerade hier auf diesen verzweiflungsvollen Gedanken geführt?! Erzählt uns doch die Thora selbst von einem der alles verleugnet. Daß aber das Judenthum darum aufhören sollte, war noch keinem beigefallen. — Der Sachverhalt ergibt sich jedoch sofort, wenn wir tiefer auf den Wortlaut dringen. In sonstigen Fällen, selbst bei dem perheißt esimmer noch: '3 nm dein Sohn wird dich fragen:'Es ist also immer noch ein wie immer geartetes Interesse an der. Sache vorhanden. In Unserem Falle heißt es jedoch ebenso merkwürdig als bezeichnend:: nax* .'3 ''rä tsnor tob», die Kinder werden' nicht mehr fragen; sondern auftreten, um zu belehren. A Der Fall ist also dahin gedacht, daß die Eltern zwar noch äußerlich all die Vorschriften mitmachen, aber einen Sinn der Sache durchaus, nicht mehr abgewinnen können. Die Kinder aber sind gebildet, die, alles auf seine innere Berechtigung hin prüfen. Da sie.bei der- Weise, wie die Eltern die Religion bethätigen, dieselbe vermissen, so werfen sie sich nicht ganz mit Unrechi zuihren Lehrern auf. Sie wollen sie auch davon ab^. bringen. : - .< ~ Wie aber sind solche widernatürlichen Erscheinungen nur möglich geworden? Aus keinem anderen Grunde,: als weil die Thora in Vergessenheit gerathen. -Denn, schon der weise Salomön schärft uns ein, daß wir bei. allem frommem Thun auf den Geist dringen sollen..Da<^ rum lehrt er: rax rrnrn rasa ra „das Gebot ist der Kerze vergleichbar, ihre Erkenntniß erst — ist das- Licht." .Was hilft es, wenn einer die. Kerze hat, sie aberanzuzünden unterläßt? Er wandelt im Finstern. /Noch , anders ergeht es dem, der die Gebote zwar bethätigt, aber auf ihren Sinn nicht eingeht. Die. Kerze hält .er.-, allenfalls, der Erleuchtung jedoch bleibt er .verlustig. Das ist der große Schaden, ber meist denen anhastet, die/ das Judenthum noch zu halten vermeinen. Im Geistes sind sie von demselben abgefallen, oder haben ihn noch nie erfaßt. Eben darum vermögen sie aberauch.die^ Jugend nicht für dasselbe.- zu. gewinnen. Nun erscheint erst eine Stelle in der Mischna Peßachim in ihrer wahren Bedeutung. Es wird dort unter anderem von den Bewohnern Jericho's .erzählt ja» nx pno /»ra „sie hätten das Schemagebet zusamt mengeschlossen," d. h. es unterlassen, die'Bitte ar»' "pi3 ran cbyb -wräte raaa „Gepriesen sei die Herrlichkeit des Gottesreichs auf immer und ewig," einzuschalten. / Wie die Gemara ausdrücklich betont, waren die Weisen-, mit diesem Brauche keineswegs einverstanden, sie ntu:/ mochten es jedoch nicht, demselben zu steuern. Ausfallen: muß es immerzu,' daß die Bewohner Jericho's es. bei. einer so geringfügigen Sache erst auf-einen Zwiespalt, mit den geistigen Fühern des Volkes haben ankommen lassen. Was hätte es ihnen verschlagen, wenn sie den: Weisen zu Willen gelebt , um gleich den anderen die fünf Worte in das Schma einzuschallen?. Allein ge- / nauer gesehen, liegt in dieser Eigenart ein tieferes Prin-/ zip versteckt. Sie waren wohl' die erstens/ welche/ 'die- Grundsätze des Jndifferentismus' in Religionssachen' mit Bewußtsein verfochtenhatten.' Sie/ sägten^sich:/ laß es genug daran fein, daß tvir selbst'noch Juden sind: Für die Zukunft'des JudeNthüms 'zü' sorge«/ ^/d'as^ kann'man füglich nicht von', uns verlangen/ ' Diese Un- ' sicht'.nehmen sie.sol-bitter lernst,.idaß^MÄÄch''iM' Gebete/,. nicht der Hoffnung (Ausdruck' Kihek/EolÜe'E d-H^oaS: Judenthum gerade berufen sei, 'Gottes Namen für alle- - Ewigkeit zu verherrlichen.' Es wäre ihnen schon sehr recht gewesen, wenn andere diese Last ihnen abnehmen wollten.