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Der Israelit · 1902-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1902)
Date
1902-04-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Frau Goldberger ließ eine solche Hand nicht vermissen. Mit Energie und Umsicht waltete sie auf dem mit einer Brennerei verbundenen Hofe, auf dem schon ihre Eltern als Pächter gewirthschafiet hatten, und zwar so gut gewirthschaftet, daß sie das ganze Gut käuflich an sich brachten, als das Gesetz den Juden den Erwerb von Grund und Boden gestattet hatte. Diese Wirthschast nun hatte Frau Eva als Heirathsgut bekommen, als sie, die einzige Tochter, einen armen, aber feinen Talmudgelehrten geheirathet hatte, der wohl ein großer Talmudist, aber keine. Idee von einer Oekonomie oder Spiritusbrennerei hatte. Dadurch fiel die ganze Last des Wirthschaftens und Gebietens auf die Schultern Frau Eva's, welche in dem. Maße praktischer wurde, als' ihr Gatte idealer und gelehrter. Goldberg, der Gatte Eva's, wurde im Alter von kaum 43 Jahren das Opfer einer religiösen Funktton. Er hatte Schofar geblasen, und unglücklicherweise hatte er einen Schofar, welcher gerade bei der Tekia Gedola versagte. Goldberg, als guter Bal Tokea berühmt, wollte mit Aufgebot aller Kräfte dem versagenden Instrumente'dennoch einen Ton entlocken, wurde aber noch im Bethause von einem Blutsturz befallen, von dem er sich nicht mehr erholte, sondern noch in demselben Winter, welcher auf jenen verhängnißvollen Roschhaschono folgte, die Augen zum ewigen Schlummer schloß. Seitdem waren viele Jahre vergangen. Frau Goldberg war äußerlich sehr gealtert, wenn ihr Geist auch noch die.'frühere Elastizität und Energie bewahrt batte. Müde von den Anstrengungen des trotz der vorgerückten Jahreszeit noch sehr schwülen Vormittags, hatte sie sich in ihr stilles, kühles Zimmer zurückgezogen, um daselbst ein Stündchen lang der so notbwendigen Ruhe zu pflegen. Ruhe! Ja, wenn wenn sie ruhen könnte! Ihre Gedanken arbeiteten mit einem Ungestüm, als sollten sie die furchige Stirne, welche von einem schwarzen Seidenband eingerahmt war, sprengen. Und einsam war die Matrone auch nicht in ihrem großen Zimmer. Da kamen all die Geister der Vergangenheit an sie geschlichen: Die Erinnerung an den edlen, selbstlosen Gatten, an das liebliche, ihr auf immer verlorene Kind, da kam die Reue geschlichen und zauberte ihr fratzenhafte Gesichter vor, daß sie von ihrem Sitze aufsprang und in Höchster Erregung ausrief: ..Weicht von mir. Ihr Phantome, ich habe doch keine Pflicht verletzt, sondern gethan, was ich nicht lassen konnte." Und da sagte ihr wieder die Reue: „Des Weibes Pflicht ist zu lieben, der Mutter Vflicht zu vergeben." „Kann ich dafür." sagte sie zu ihrer eigenen Rechtfertigung, „daß ich von Jugend an auf einen Platz gestellt wurde, wo die zarte Weiblichkeit in. deck Hintergrund gedrängt wurde, wo. jede weichere Regung verschwinden mußte, weil' die harten Forderungen des Lebens sich gebieterisch vordrängten?" — »Nein, nein!" tönte es ihr zurück, „Du hast lieblos ge- ' handelt, und zur Strafe dafür mußt Du auch liebeleer und verlassen durchs Leben gehen und fremde Hände werden Dir einst die Augen zudrucken." v Die Frau, welche mit fast männlichem, Geiste und aller dazu notwendigen Energie ein großes, verzweigtes Unternehmen leitete, saß wie gebrochen in ihrem Lehnstuhle. " v - '44?^. - Was war es, das so furchtbar auf diese Frau einwirkte, daß sie in solchen Momenten der Einkehr in sich selbst um Jahre gealtert zu sein schien? O, das ist eine gar traurige Geschichte^ Sie hatte an der Seite ihres gelehrten, aber für die Landwirtschaft ganz.untauglichen Gatten, ein zufriedenes, ja glückliches Leben geführt. Eine einzige Tochter war die Frucht der Ehe, in welcher dir Frau die Zügel in der Hand hielt Und das ganze Werk nach eigenem Gutachten leitete, während der Mann ein beschauliches, den Wissenschaften geweihtes. Leben führte. Die kleine Selda, oder, wie sie auf deutsch genannt wurde, Selma, glich in ihrem Aeußeren wohl der schöngestalteten Mutter, besaß aber das weiche Gemüth gnd den Hang zum Studium des Vaters, '. - > 4 - Während die Mutter unter den Dienstboten auf dem Hofe, der Scheune, in den Stallungen, auf dem Felde umherging und ihre Anordnungen traf, saß Selma in dem Zimmer des Vaters auf einem niederen Schemel zu dessen Füßen, das zierliche Lockenköpfchen an seine Knie gelehnt, und in dieser anmuthigen Stellung lauschte sie stundenlang mit glänzenden Augen und glühenden Wangen den Geschichten, die er ihr da erzählte, entweder aus der Bibel, oder dem Talmud, gemischt mit Sittensprüchen und Ermahnungen/ ' Goldbergers frühzeitiger Tod hatte in dem Hauswesen keine Lücke zurückgelassen; alles ging wie früher seinen Gang, wie am Schnürchen, nur daß Frau Eva noch ernster und thätiger wurde, wie bisher. Aber in dem Herzen seiner Tochter war eine Leere entstanden, welche durch nichts in der Welt auszufüllen war. umsomehr, als sie vop ihrer frühesten Kindheit an der Mutter immer ferner gestanden, als dem Väter. . Die Mutter hatte niemals Zeit für ihre.Tochter gehabt, hatte auch kaum das nöthige Verständniß für die zarten Ideen, welche das reizende Köpfchen ihres Kindes durchfuhren. Vereinsamt, wie sich unter diesen ttmsiänden die kleine Waise fühlte, konnte sie dem Bedürfnisse nicht widerstehen, in Ermangelung.anderer, besserer Gesellschaft unter das Hofgesinde zu gehen und sich mit Einzelnen in's Gespräch einzulassen/ DaS kleine Fräulein war wM hie und da den. Arbeiters im Wege, hielt auch durch' ihr anmuthiges Geplauder, ihre oft sonderbaren Kreuz- und Querfragen die' Leute vän ihrer Arbeit ab. aber böse, wurde ihr'hgrübex Niömänd. höchstens, daß die strenge Mama«darüber wetterte, ^daß Selma, anstatt wie andere Mädchen ihres Alters, selber thätig mit Hand anzulegen, den anderen noch hinderlich in der Arbeit war. (Fortsetzung folgt.) -

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