Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 31 (17.4.1902)
- Date
- 1902-04-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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blöden Pinchas wetterte, der sich die ganze Woche bei ihm im Hause nicht hatte blicken lassen. „Latz doch das arme Kind gehen," sagte begütigend Frau Esther, „er ist ohnehin ein Rachmones." „Eben deßwegen mutz er lernen, damit er nicht sein Lebenlang ein Rachmones bleibt. In der Schule lernt er nichts, er ist so wenig geistig veranlagt, um mit den andern gleichen Schritt halten zu können, und extra abgeben kann ich mich in der Schule mit ihm nicht. Du kennst ja die Eifersüchteleien bei den Leuten. Da würde es heißen, daß ich durch den Findling, der umsonst die ^Schule besucht, ihre eigenen Kinder vernachlässige, für welche sie mir schweres Schulgeld Wahlen. Aus diesem Grunde mutz ich ihm zu Hause eine Lektion geben. Ich bin das Gott und meinem eigenen Gewissen schuldig, daß ich mich des geistig zurückgebliebenen Waisenkindes annehme und mich bestrebe, es zu einem rechten Menschen zu machen." „Ich kann es nicht begreifen, daß auch Du, ein so erfahrener Pädagoge, den Buben stets als halben Jdioten betrachtest. Ich kann dies nicht thun. Seine Augen verrathen mir, trotz seines scheuen Wesens, eine gewisse. Intelligenz, welche nur durch Mangel an Erziehung unterdrückt wurde. Der . gute Schammes hat seine eigenen Kinder wild 'aufwachsen lassen, wie könnte er den fremden Knaben erziehen? Ich wollte Dir einen Vorschlag machen, lieber Teinih, aber ich befürchte, Du würdest mich auslachen, wenn nicht Dich gar über mich ärgern." . ' „Das werde ich nicht thun. Heraus mit Deinem Vorschlag. Du bist ja ein kluges, überlegtes Weib. Sag's nur frei heraus, ich bin ja nicht gezwungen, daraus einzugehen, wenn es mir nicht gefällt." „Unter' dieser Bedingung werde ich reden. Ich dachte mir, weil wir. eben keine Kinder haben —" bei diesen Worten wurde Esther feuerroth und fing zu stottern an, „wie wäre es, wenn wir Pinchas zu uns in's Haus nehmen und uns Beide bestreben werden, ihn wie ein eigenes Kind zu erziehen?" Wie elektristrt sprang Schlome von seinem Sitze auf. „Wer hat Dir meine Gedanken und Wünsche verrathen, Du kluges Weib? Doch Du bist noch mehr gut als klug. Du bist ein Biederweib." Und so geschah es. Die Aufnahme des kleinen Waisenknaben in die Familie des Teiniz'schen Ehepaares hatte demselben Segen gebracht. Der sehnsüchtigste Wunsch der beiden Ehegatten war in Erfüllung gegangen. Kaum ein Jahr war nach der Aufnahme des Knaben verstrichen, als ein Töchterchen seinen Einzug in das'Haus hielt.' Von da an war mit Pinchas eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Die Schüchternheit, welche diesem Kinde ein fast idiotenhaftes Aussehen gegeben, wax.dem Eifer gewichen, womit er sich dem Dienste des kleinen Schwesterchens hingab: Fähigkeiten; die Nie-' mand an dem Knaben geahnt, wurden von dem Bestreben geweckt, dem Kinde in der Wiege ein Lächeln zu entlocken. Nie vorher war es Pinchas eingefallen, sich im Singen zu versuchen, aber seitdem er als Gesellschafter. bezw. Pfleger der kleinen Sophie sungirte, fang er . so manches kleine Liedchen, wenn er sich alleine im Zim-' mer wußte, denn in Gegenwart Anderer behielt er beharrlich seine Schüchternheit.'/^. Sobald sich Pinchas beobachtet wüßte/war er daS 1 reinste Rachmones. Jndeß dem von wahrhaft.Mtterlichem Interesse geschärften Scharfblicke Esthers entging es. nicht, daß die immer mehr sich entwickelnden Geistes-.' ■' kräfte ihres Töchterchens an's wunderbare streifenden Einfluß auf die bisher zurückgebliebenen ihres Pflege-- fohnes ausübten. Sie sagte auch einst zu ihrem - - Gatten: -- •;./ ' „Unsere Sophie war nicht nur die Erfüllung ünserer Beider Herzenswunsch, sondern auch ein wahres Glück für Pinchas. Denn ohne den aufmunternden . Verkehr, mit unserem Kinde, wären seine Geisteskräfte zurückgeblieben, trotz der redlichen Mühe, die Dü Dir. m der Schule und zu Hause mit ihm gegeben hast? Ich ' wette darauf, Pinchas wird an seiner Barmizwoh «ne Drösche halten, wie nur irgend ein anderer Knabe." ' Teinitz lächelte ungläubig dazu, gleichsam, als,. wollte er sagen: „da müßte gerade ein Wunder geschehen.' wenn ich so was bei ihm zu Stande brächte." ' . „Apropos, da wir grade von der Varmizwoh.. reden," fuhr die wackere Fraü fort, „was soll eigentlich , aus dem Buben werden? Wohin wird er. nach feiner -; Varmizwoh gehen?"; - Z: |:/•;;; „Die einfachste Antwort auf Deine Frage Ware die:', . Nach der Varmizwoh wird er in das vierzehnte Jahr- - geben! Aber mit einem alten abgedroschenen Witze will.' ich Deine ernste Frage nicht beantworten, sondern Dir > das Ergebniß meines öfteren Nachdenkens über diesen. / schwierigen Punkt mittheilen. Ich halte es unter den' ' gegebenen Verhältnissen als das Vernünftigste, wenn der Junge ein gutes Handwerk lernt. Zum Weiter- - lernen taugt er absolut nicht, und Handwerk.hat Zeinen! goldenen Boden." v ' t V Ein orientalisches Sprüchwort lautet: „Was die Frau sagt, das sagt Gott." Dys war hier'der Fall. Was der Rabbiner als höchste Unwahrscheinlichkeitbezeichnet hatte, war thatsächlich eingetrosfen. Der Wai-/;- - senknabe hatte an seiner Varmizwoh, welche Man äuh den Sabbat Parschas Pinchas festgesetzt hatte. ,nachdem", man doch den eigentlichen Geburtssag/^nichts wisset^ konnte, Maftir gesagt und' eine .kurze Rede gehalt'ey?^ welche natürlich sein Pslegevaterl aufgesetzt hatte/würin?^ er der Gemeinde-Korporation mnd jedem seiner tbäter besonders..^ den'.T>ank' für alle ihm erwiesenewi^'' r Wohlthaten aussprach" gl^chzeittg"7/Mts//bhchegiK^'^ Stimme versprechend, durch Frömmigkeit und morali-