Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-04-10 · Heft 29 (10.4.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 29 (10.4.1902)
Date
1902-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449823--55710-2518395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

$ e u i 11 * * * *» Nach vierhundert fahren. 5ij Von Friedrich Rott. (Schluß.) Er hätte laut aufjauchzen mögen, aber er drückte ihre Hand so stark, daß er sie gleich darauf voll Schrecken losließ. „Ich habe Dir wehe gethan! Verzeihe!" Und dabei drückte er ihre Hand an seine Lippen. Sie schüttelte den Kopf, ein unaussprechlich glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich muß Dir noch etwas sagen —" „Sprich, Geliebte!" „Ich glaube, ich habe Dich lieber, als man einen Menschen lieb haben darf." „Das glaube ich nicht, dazu bist Du zu pflichtgetreü." — Sie schüttelte den Kopf. „Du überschätzest meine Pflichttreue. In der ersten Zeit, nachdem ich Dich kennen gelernt hatte und Deine liebe, theure Mutter, sowie Deine lieben, herrlichen Kinder, da kam mir oft Euer Thun und Lassen so seltsam vor, über manches konnte ich sogar lachen und spötteln. Doch je mehr ich die Vorschriften Eurer —: meiner Religion kennen lernte, desto mehr wandelte sich die anfängliche Spoitlü st in Ehrfurcht, in heilige Bewunderung. Deine Erläuterungen jener Vorschriften, die Eure Lebensführung regeln, überzeugten mich, daß' nur der Schöpfer des Weltalls vor Jahrtausenden sie gegeben haben konnte. Schon seit längerer Zeit war ich überzeugt, daß ich nur im Schoße der israelitischen Religion innere Befriedigung werde finden können. Wäre es da nicht längst meine Pflicht gewesen, die Aufnahme in derselben zu erstreben?" „Und was hat Dich zurückgehalten?" „Meine unendliche Liebe zu Dir. Ick fürchtete, die Motive meines Uebertrittcs könnten mißdeutet werden — fürchtete, der Uebertritt selbst könnte-als unweibliches Entgegenkommen meinerseits betrachtet werdenfürchtete—" „Nichts hast Du zu fürchten, .Du liebes. Du herrliches Mädchen! Nie werde ich Gott genügend danken können. Aber nun komm' hinauf zu meiner Mutter, die in begreiflicher Spannung auf das Resultat meiner Werbung wartet, daß ich ihr die Herrlichste der Töchter zuföhre." . '' . Er drückte an den Schellenknopf und befahl dem gleich darauf eintretenden Diener, einen Umhang .für seine Gebieterin zu-bringen. _.Und als das Gewünschte zur Stelle war, da winkte Jsabella nicht dem alten^Pedro, daß er den Umhang ihr um die Schulter lege, willig ließ sie sich von dem Arzt in das weiche Gewebe einhiillen und blickte, dabei glücklich lächelnd zu ihm auf und — Herr des Himmels! — hatte der alte Pedro recht gehört? hatte der Judendoktor in Wirklichkeit zu dem Fräulein von Rauhenstein gesagt: „Komm' Geliebte!?" X Wie versteinert blieb der. Alte mitten im Zimmer stehen; mit weit aufgeriffenen Augen und offenstehendem Mund, in dem ein Schreckensruf erstarrt schien, sah er, wie seine junge Herrin sich rasch und leicht erhob und, ihre. Hand auf den Arm des Doktors legte und wie Beide leichten Schrittes sich entfernten. ' ' Frau Müller befand sich im Wohnzimmer mit ihren Enkeln, die hier mit ihren Arbeiten für die Schule beschäftigt waren, während die Großmutter, ihnen gegenübersitzend, in dem vor ihr liegenden Tageblatt Lu lesen schien. Aber sie schien nur zu lesen, in Wirklichkeit, wußte sie vielleicht nicht einmal, was sie vor sich, liegen hatte, denn mit angehaltenem Athem saß sie lauschend da. vielleicht schon eine Stunde. Was war das? Wo konnte er so lange weilen? ' Endlich hörte sie. wie die Wohnungsthür in ihren Angeln sich drehte, ohne daß zuvor geschellt worden wäre, kein Zweifel, daS mußte er sein. Unwillkürlich sprang sie auf und wollte zur Thüre, da aber ging diese auf. das Brautpaar trat in das Zimmer. Mit lautem Jubelruf eilte sie ihnen entgegen und umarmte gleichzeitig beide. „Meine Kinder! meine Kinder!" ’.-X- „Liebe Mutter, segne Deine Kinder!" Segnend legte sie die Hände auf die Häupter, die sich vor ihr neigten und ihre bebenden Lippen flüsterten, was ihr bebendes Herz ihnen eingab. -v,\ Sprachlos vor Staunen hatten Viktor und Selma dieser Scene beigcwohnt. Die sonst so. lebhaften Kinder regten sich nicht, als sie sahen, wie. die Großmutter noch immer weinend das ihnen so theuere junge Mädchen in den Armen hielt und sie einüber das anderem«! ihr Töchterchen. ihr liebes, liebes Töchterchen nannte. Und wie der Vater glückstrahlend, daneben' stand? — Endlich neigte er sich zu ihnen und ergriff Beider Hände. „Kommt," sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, „ich will Euch zu Eurer Mutter, führen." Da - umschlangen sie beide laut jubelnd das junge Mädchen. „Mama! Mama! liebe, liebe Mama!" jauchrte Selma. . - X X- , r; > .X Viktor aber zog ihre Hand an seine Lippen Und sie fühlte, wie aus den Augen des warmfühlenden Knaben eine Tbräne darauf niederfiel..' -X X. ..Liebe Mama." sagte er innig, „wir wollen Dir gehorsame Kinder fein." . XXXXX/ Sie zog die Kinder an sich.und.sagte leise: „Ich werde mich bestreben. Euch eine treue Mütter zu sein." Dann wandte sie.sich an die Großmutter.?. ..Aber vor allem.muß, ich Dich. liebe Mütter, um Anleitung zur Führung eines echtjlldischen Haushaltes bitten!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.