Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 27 (3.4.1902)
- Date
- 1902-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4S. Zahrgavg. iY»J Mt ffiitlt MtM Ättnckk Wcht? - Berlin, 1. April. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben in Ihrem geschätzten Blaite oft mit gerechten und nachdrücklichen Worten den in der jüdischen Publicisti! einreißenden Scherlismus gegeißelt. Gestatten Sie mir, Ihre Leser auf ein anderes, nicht minder schweres Hebet aufmerksam zu macher^-tvelches die jüdische Litteratur und Wissenschaft bedroht, und dem die ernste jüdische Publicistik rechtzeitig entgegenzutreten die Pflicht hat. Seit einiger Zeit geht in Berlin der Klingelbeutel um und wird die große Reklametrommel gerührt, für ein neues' litterarisch - tvissenschaftliches Unternehmen, welches sich „Jüdischer Verlag, modernes Unternehmen zur Förderung jüdischer Litteratur, Kunst und Wissenschaft" betitelt. Ein sehr beredsames Prospekt, welches ich zugefchickt bekam, lud mich ein, hundert Mark zum „Garantiefond" dieses Unternehmens beizusteuern, und versprach mir dafür, „eine, sowohl ethisch und ästhetisch einwandfreie, als auch wahrhaft jüdische Sammlung erhebender, belehrender und nach jeder Richtung erzieherisch wirkender Bücher." Dagegen wird versichert, daß „unser Volk bisher im Dunkel der Unbildung befangen war und durch eine fremddienerische und geschmacklose Litteratur verwirrt und vergiftet wurde." In nicht mehr ganz klaren Wendungen belehrt uns ferner dieses merkwürdige Dokument, daß jetzt, — das genaue Datum fehlt leider! — „eine neue Epoche der jüdischen Kulturentwickelung angefangen hat, die wir so glücklich sind, mit erleben zu dürfen, die auf allen Gebieten litterarischen und künstlerischen Schaffens bedeutsame Ideen und Werke hat reifen lassen." Donnerwetter! dachte ich bei mir. da wird uns ja eine förmliche Revolution verheißen! Die ganze bisherige jüdische Litteratur geschmacklos, fremddienerisch; das Volk im Dunkel der Unbildung gefangen, verwirrt und vergiftet; neue Epoche jüdischer Kulturentwiüelung; bedeutsame Ideen und Werke .... ich war ganz verblüfft. Run bin ich freilich kein Gelehrter, noch ein Philantrop von Beruß aber ich gebe mir redliche Mühe in allen Dingen, welche die jüdische Wissenschaft betreffen, auf dem Laufenden zu bleiben. So' lese ich jetzt mit großem Genuß das bewunderungswürdige Werk/ von Halewi „Dorot Harischönim". das ick derThat berüfen ist. - eine' Neue . Epoche Ä der jüdischen 'Geschichtsforschung M/begründen und die jüdische Wissenschaft mit neuen Ideen zu befruchten. Auch trage ich gerne mein Scherflein dazu? bei, um nach meinen bescheidenen Kräften gute jüdische s - Bücher zu fördern. Daher interessirte mich das Pro- ' spekt und sein Inhalt doppelt. Zwar bin ich in Bezug auf die bisherige jüdische Litteratur nicht so pessimistisch gestimmt, wie die Herren Verfasser des besagten Pro- . - /' spektes es zu sein scheinen. Ein schlichter Mann, ein " einfacher Laie, wie ich nun einmal bin, denke ich stets' mit großer Dankbarkeit und tiefster Verehrung an. so ' / manches jüdische Buch, welches mich entzückt .und ' er-s' quickt, mitunter auch erhebend und erbauend auf mich;. W gewirkt hat. Ich konnte also nicht findendaß die ganze- ' bisherige jüdische Litteratur in Deutschland fremd-;V‘‘- dienerisch und geschmacklos war und daß sie unser Volk? verwirrt und vergiftet hat. Aber immerhin, dachte ich;; mir, das Bessere ist ein Feind des Guten, und da wir - - nun endlich aus dem Dunkel der Unbildung erlöst wer-? / den sollen, darf man dem Verfasser des Prospektes die . etwas zu großen Worte schon ein wenig Nachsehen. Und>' für all das Köstliche, welches man uns hier verspricht, dachte ich mir weiter, ist ein blauer Lappen nicht zu viel, und müßte man sich ihn vom Munde absparen. Schon auf der Post, als ich das Geld expediren wollte, blickte/E ich nach unten und bemerkte — was ich bis dahin aus freudiger Ueberraschung zu thun vergessen hätte dik ' Namen der Männer, denen wir in Zukunft so viel der-/ danken sollen. Ich las die Namen der Männer, die als i . „leitendes Komitee" das Prospekt des „Jüdischen Verlags" unterzeichnet haben: Martin Buber, Berthold Feiwel, E. M. Lilien, Dr. Alfred Nossig. Natürlich / zweifelte ich keinen. Augenblick, daß diese vier Männer-/- die eine neue Epoche der jüdischen Kulturentwickelüng einzuleiten, unser Volk aus dem Dunkel der Unbildung zu führen und uns eine Sammlung erhebender, ' be-- lehrender, nach jeder Richtung erzieherisch wirkender - Bücher versprechen, während sie mit solch olympischem Selbstbewusstsein die bisherige jüdische Litteratur^ als fremddienerisch und geschmacklos, als verwirrend und / vergiftend für das Volk verdammen und /bei Seite / schieben — ich zweifelte also gar nicht daran, sage ich, daß diese vier Männer zu den bedeutendsten Forschern? und verdienstvollsten Schriftstellern auf dem. Gebiete der. />.- jüdischen Litteratur und Wissenschaft-gehören. .Und ich '--/ schält meine Unwissenheit, denn ich yiutzte mir!tnis' Be^-^/ schämung sagen, daß.ich:Noch.ckle'^aß.voy^MÄM^>/ wissenschaftlichen.LystuilM..dieser^/Ht.rxeF; verkommen - ' hatte. Vergebens strengte ich mein Gedachtniß an,r ündl^ zis. Hckstfe än^elängk,/l dürchstöbItt'!ich^ / ziemlrch ümfan^ichtz.'ÄW-lW^üprW'E^^ '/was..für. Errungenschästey.'r di^^viermir/-unbekannten? V? Htrren das Recht herleiteten, eine so strenge: Kritik an^/^ der bisherigen jüdischen Litteratur zu üben und. als Ver----