Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1902)
- Date
- 1902-03-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Ceittral-Organ für das orthodoxe Judenthum. für die israel. Schule. 27. März 1902.] [91t. 8. Meöer Schiurlernerk von % Msnnkeimer—Vettelbach. (Schluß.) Schließlich wäre noch ein Moment zu betonen, das zwar nicht mit der Person des Vortragenden und auch nicht gerade mit dem Schiur selbst zusammenhängt, das ist die Frage: „W o soll der Schiur stattfinden? Man wende nicht ein, daß dies etwas rein Aeußerliches und Unwesentliches sei. „Ist der Vortrag entsprechend, dann kann er überall und vor Jedermann gehalten werden," ist ja sehr richtig und logisch gedacht. Allein die Thatfachen sind gar oft Faktoren, die mit einer noch so gesunden Logik nichts gemein haben, die mit souveräner Verachtung auf den kunstgerechten Gedankenaufbau niederblicken. In der Praxis vollziehen sich die Dinge gar oft ganz anders, als sie am grünen Tisch ausgedacht werden. Wohl war es ehedem frommer Brauch in Israel, daß man darauf hielt, in der Familie,- im häuslichen Heim „Thorüworte zu hören." „Ein Haus, in dem nicht Thoraworte gehört werden, wird vom Feuer verzehrt." Dem schönen Grundsätze huldigte man in weiten Volksschichten, und es lag fast etwas Rührendes darin, wenn auch der jüdische Proletarier im engen Ghetto auf diese „guten Hausgeister" hielt und, falls er selbst nicht des Lernens kundig, den Rabbi oder Lehrer mit einem Haus schiur beauftragte. Allein wie viele wissen heute noch etwas von diesem erhabenen Grundsätze? Wie viele kennen heute noch den sog. Hausfchiur auch nur dem Namen nach? „Das Haus ist vom Schiur getrennt und der Schiur vom Hause." Kein Wunder, daß der allwöchentliche Schiur nicht mehr wie früher auf eine gastfreundliche Stätte rechnen darf, daß man ihn nicht mit der alten Herzlichkeit allerwärts willkommen heißt. Hier ist die Wohnung zu klein, um eine größere Anzahl von Zuhörern fassen zu können, dort wieder könnte das Schiurlernen allzusehr störend wirken für die häusliche Ruhe und Ordnung; bald erklärt die gestrenge Walterin deS Hauses dem seltsamen Eindringling den Krieg, bald weiß auch der Hausherr selbst zu erklären, daß für Gemeindeangelegenheiten, wie der Schiur-Vörtrag eine bildet, von „zuständiger Seite." gesorgt tverden müsse. Mitunter spielen recht unerquickliche Familienzerwürfnisse, wie sie nun einmal allenthalben Vorkommen, in der Sache mit, um dieses oder jenes Gemeindemitglied vom Besuche des Schiur bei diesem oder jenem Glaubensbruder fernzuhalten. So hat nicht selten der 'Lehrer seine liebe Roth, den Schiur sozusagen „unterzubringen." bezw. in seiner eigenen Behausung den Vortrag abzuhalten. Daß mehrere Bewerber um die Mizwa eines Hausfchiur konkurriren, gehört Wohl zu den Seltenheiten, bleibt ein Ideal, das von der Wirklichkeit gar häufig nicht erreicht wird. Wo man nun der altfrommen Vätersitte treu geliehen und den Schiur im Hause, in der Familie gerne sieht bezw. hört, da wird man füglich an dem Althergebrachten nicht rütteln wollen. Eher verdiente ein. solcher Gebrauch der Unterstützung und Aufrechterhaltung, man -.soll ihn ehren, da ein tiefer Sinn in ihm liegt, um mit . dem Dichter zu reden. Wo dagegen Verhältnisse, wie die vorher berührten, obwalten, da wird man sich auf den Ausweg gedrängt fühlen, den Schiurvortrag der Sphäre persönlicher und familiärer Einflüsse und Erwägungen zu entrücken, ihn auf neutralen Boden, zu: verlegen. Ein solcher Boden ist die Synagoge, das Gemeinde-oder auch das Schulzimmer. In der Thai findet in vielen Gemeinden das „Lernen" im Gotteshause statt, gewöhnlich im Anschluß an den Morgeugottesdienst des Samstags oder auch dem Minchagebet