Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1902)
- Date
- 1902-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Stamme entsprossen ist, jetzt erscheint eS mir, als ob es gar nicht anders hätte sein können, und als ob wir auch ohne jene Schrift schon aus ihrem lieblichen, nach Recht, und Wahrheit strebenden Wesen die Wahrheit hatten erkennen müssen."' »Willst Du mir's jetzt vorlesen?, oder vielmehr vorübersetzen?" Er nahm das Heft und begann: »An meine Kinder und Kindeskinder und Kinder meiner Kindeskinder, bis in's fernste Geschlecht! Die diese Zeilen lesen werden — ich Litte, ich beschwöre sie, nicht den Stab Aber mich zu brechen. — Ich weiß ja, daß ich gesündigt, als meine Lippen verleugnet haben den Einig Einzigen Gott und meine Knie sich gebeugt vor — Bildern. Aber ich weiß auch, und Er, der Einig Einzige Gott, der Allwissende, der Herz und Nieren prüft — auch Er weiß es, wenn es sich nur um mein Leben allein gehandelt hatte, so wäre ich nimmer so tief gesunken. Aber mein theures Weib, meine unvergeßliche Bela lag todtkrank danieder; sie hatte mir vor wenigen Tagen unser herziges Kindchen,. unsere. Silvia geboren, lag nun im wildesten Fieber und wußte nichts von sich und nichts von der Welt, und ahnte nicht, daß die Menschen so schlecht sind, daß sie uns nicht nur die Freuden in dieser Welt rauben, sondern auch die des Jenseits. Ihr freilich, der Hehren, der Reinen, ihr hat man das Jenseits nicht rauben können — ich bin sicher, ihre reine Seele weilt dort oben in dem heiligen Kreise der Seligen, der Gerechten, — denn sie hat es nicht gewußt und hat es nie erfahren, daß ihre Stirn ist benetzt worden mit dem Tauswasser. Sie ist schön gewesen, wunderbar schön, aber ganz gesund ist sie nie wieder geworden und dann — wenn ich der Kirche reiche Geschenke gemacht habe, dann haben sie es verziehen, daß meine geliebte Bela nicht hineingegangen ist. Freilich, ich selbst und unsere theure Sylvia — das arme Kind hat es ja nicht anders gewußt — wir haben zuweilen in die Kirche gehen und den betreffenden Kult mitmachen müssen. Aber im Herzen und an den hohen Feiertagen auch in finsteren Nächten, in sicheren unterirdischen Kellergewölben, da haben wir zu dem Gotte unserer Väter gebetet und gefleht und geweint. ■— Aber Er hat uns nicht erhört. Freilich, mit sog. Glücksgütern hat uns der Heilige, gelobt sei Er!, wohl gesegnet. Aber es war kein rechter Segen daran. Die unablässige Todesangst im Herzen — wer konnte da des Lebens sich freuen? Nur mein theures Weib wollte nie etwas wissen von dem uns gewaltsam aufgedrängten Kult, sie hat gespottet des Todes und hat mit ihrem Herzblut geheiligt den Namen des Einig Einzigen. Darum Ihr Kinder meiner Kindeskinder oder deren Kin-. ber, Ihr, die Ihr diese Zeilen lesen werdet, haltet hoch, den Namen meines hehren, reinen Weibes. — Einstmal, als ich in Geschäften abwesend war,, verbrannten sie gerade auf einem großen Scheiterhaufen die unglücklichen Menschen, die sie Ketzer genannt haben.; Mein Weib hatte in der Nähe eine Besorgung zu machen. Als einer' der geistlichen Richter auf mein Weib zutrat und von ihr verlangte, sie solle niederknien vor einem Zeichen der christlichen Religion. Sie wandte sich aber weg und rief laut: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist nur Einer!" Und da wurde sie hingeschleppt zu dem brennenden Holzhaufen und hineingeschleudert in. die Flammen. Und in den Flammen soll sie nochmals gerufen haben: „Sch'ma Jisroel!" Und als ich heimgekommen bin, war mein Haus leer, denn, unsere theure Silvia, sie soll leben, war damals schon in Granada verheirathet mit dem Manne ihres Herzens Bon meinem Schmerz, von meiner Verzweiflung will ich Nicht reden. Ich weiß, für mich war es eine Strafe Gottes — Gott ist gerecht — der Hort, vollkommen ist sein Wirken.. Ich habe nun meine Tochter und meinen Eidam angefleht, mit mir dieses schreckliche Land zu verlassen, und meine Silvia wäre auch bereit dazu ge« wesen, aber ihr Mann konnte sich nicht dazu entschließen. So will ich denn allein hinausziehen in die Fremde, denn ich weiß, nur so handle ich im Sinne meines hehren, meines unvergeßlichen Weibes. Ich habe mein ganzes Vermögen in Edelsteine umgesetzt, einen Theil davon werde ich mit mir nehmen, um die Bediirsniffe meines unglücklichen Lebens zu bestreiten, den größeren Theil übergebe ich meiner Tochter. Meine .Kinder haben mir hoch und heilig zugeschworen, wenn die Verhältnisse sich bessern sollten, so werden sie fammt ihren Kindern sich wieder offen zu dem Glauben ihrer Ahnen bekennen. Aber ich weiß, so lange sie leben, werden sich die Verhältnisse so weit nicht bessern.— Darum lege ich diese Zeilen und gleichlautende in spanischer Sprache zu unterst in das Kästchen mit den kostbaren Steinen und übergebe dasselbe meiner Tochter und verpflichte sie, es wohl zubewahren uni> auch ihre Kinder und deren Kinder zu Gleichem zu verpflichten. Und ich beschwöre meine Nachkommen,' die diese Zeilen lesen werden, sich zu erinnern, daß auch sie Nachkommen sind der Patriarchen, der größten Männer, die der Erdball getragen, daß sie zurückkehren mögen zu den Lehren ihrer Ahnen, daß sie sich wieder offen bekennen mögen zu dem Gotte Israels, dem Einig Einzigen Gott, der geschaffen Himmel und Erde/ Samuel Sohn des I e h u d a, im Jahre nach Erschaffung der Welt 5251." -.r-./. ■ Der Doktor hatte längst bis zu Ende gelesen, aber noch immer starrte er auf die Blätter in seiner Hand, und seine weit geöffneten Augen standen voll Thränen. „Leo!" sagte seine Mutter^ indem sie ihrc Hand auf die seine legte.- ' ' - ' > ^\ . * Er fuhr sich mit dem Tuche, über die Augen und stand auf. „Du hast Recht, liebe Muttes Ich darf. nicht in's Träumen gerathen. Ich werde jetzt die lieber-