Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1902)
- Date
- 1902-03-20
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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_ •-* ' v>.' '0^; ' y*'r- "•■ ■'■'•. ' ' V U’X ’• ä' - -; ,v ' 546 . V. >* i:' r<- ben Duodez-Predigten zu, in denen die Form den Inhalt überwuchert, wo hinter Wortschwall sich Gedankenlosigkeit zu verbergen sucht. Es war darum unangebrachter Uebereiser, wenn zwei deutsche Rabbinerverbände einen generellen Beschlutz gefatzi, datz die heilige Kanzel nur dem Rabbi reservirt bleiben muffe. Ich glaube, datz es hier doch weit wirkungsvoller gewesen wäre, dem Lehrer einfach „das Schiurlernen zu verbieten." Denn Schiur und Kanzel siehen wohl in dem Verhältniß von Vater und Kind zu einander. Das Verbot, die Kanzel zu betreten, war umso auffallender in Lehrerkreisen, als ja dort sattsam bekannt, wie siaubig die Kanzel ist. In Hunderten von Gemeinden erscheint der Herr Rabbiner nur zur Abhaltung der Schulprüfung von Jahr zu Jahr. Es fehlt so das Band zwischen dem Rabbinat und den Gemeinden, es fehlt jede Fühlung. Vielleicht hört der Lehrer diesen Vorwurf öfters aussprechen, als es dem Rabbiner bekannt. Von Samuel, der das ganze Jahr das Land Israel durchzog, um zu predigen, hören wir, datz „seine Rückkehr nach Ramah war," denn dort „war sein Haus." Der Zusatz der Begründung lehrt uns, datz sonst eigentlich Niemand gewußt hätte, wo Samuel zu Hause war, Wenn es nicht besonders betont wäre. Heutzutage weitz man im allgemeinen, wo der Rabbiner „zu Hause" ist. „Umsomehr hätte man allen Grund gehabt, die Kanzel freizugeben." Denn erstens ist der Lehrer in erster Linie derjenige, welcher mit der Gemeinde in lebhafte: Fühlung steht, mit ihr verwachsen ist, die lokalen Verhältnisse llar überschaut, also auch für eine Predigt wie kein anderer weitz, was „Roth thut." Zweitens wird keiner die Kanzel be- . steigen wollen, der sich nicht sattelfest genug fühlt, ganz abgesehen davon, datz ja auch nicht alle Rabbiner Meister der Rhetorik sind. Um aber etwa — wie gesagt — gegenteiligen Lehrmeinungen oder der Verbreitung solcher entgegenzuwirken, ist ein generelles Predigtverbot, die Kanzelsperre, deplaziert, so lange man das „Schiurlernen" nicht einer ähnlichen Kontrole . würdig erachtet, weil es zu harmlos gilt. Man sollte doch, wie ich meine, sich durch dergleichen kleinliche Matznahmen, die in ihren Ursachen und Wirkungen gleich belanglos sind, sich nicht lächerlich zu machen Was schließlich die Befähigung des Lehrers zum Predigeramt betrifft, so dürfte es überflüssig sein, viel l Worte darüber zu verlieren. Sein Bildungsgrad, wie zahlreiche Fälle aus der Praxis sprechen dafür, bezw. legen beredtes Zeugniß davon ab. Es muß jedoch gesagt werden, datz es Aufgabe der Seminarien wäre, auch für diese Seite der beruflichen Wirksamkeit vorzubereiten. Denn es ist doch thatsächlich sb, daß keinem anderen, als dem Lehrer — nach Lage der Verhältniffe diese Aufgabe zufällt. Immer mehr Rabbinatssttze gehen ein, die Rabbinatssprengel wachsen so zu großen territorialen Ausdehnungen an, das Arbeits f e l d nimmt einen, nach der materiellen Seite hin zwar erfreulichen, vom idealen Standpunkte aus jedoch unheimlichen Umfang an und steht im umgekehrten Verhältnisse zur Arbeitsleistung, zur Möglichkeit, Erfpießliches zu wirken. Bereits vor mehreren Jahren hat der „D.-J. G.-B." das Institut der Wanderprediger in's Leben gerufen bezw. subventionirt, und seitdem ist gar häufig-darauf hingewiesen worden, daß 4 der Lehrer die Kanzel betreten möge, um das „lebendige Wort" hören zu lassen. Wenn nun auch zugegeben werden kann, daß die Seminare gerade genug zu leisten haben für die zur Verfügung stehende Zeit, so darf doch gesagt werden, daß wenigstens etwas dafür geschehen sollte. Es wird ja thatsächlich schon immer für das Schiurlernen - und den . freien Vortrag vorbereitet. Allein es könnte „speziell in die Rhetorik" eingeführt werden, rvenngleich vorerst nür fakultativ. Man bedenke doch das Eine, datz der Seminarist durch die Methode in das Gebiet der Psychologie und namentlich auch in die Logik eingeführt wird. Er lernt die Stilistik kennen, die Gesetze der Poetik, sucht Tropen und Figuren aus bei der Lektüre, er mutz beim Unterrichten strenge den Gesetzen der Logik und Psychologie folgen, sein Ohr ist geschärft für die Feinheiten der Sprache, für die Beurtheilung einer schönen Rede. Das' alles ist aber ein fruchtbarer Untergrund für die Rhetorik; denn letztere ist doch wohl die natürliche Schwester der Stilistik. Darin sollte man nicht versäumen, dem angehenden Lehrer den Weg etwas zu ebnen, den er später von selbst gehen wird, gehen m u ß. Freilich ist auch hier die Anschauung, das Beispiel die Hauptsache „Einen. Meister unterrichten sehen, fördert mehr, als dicke Bücher studiren," das gilt — mit.der nothigen Variation — auch von der Einführung in die rhetorische Kunst. _ (Schluß folgt.) i A —