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Der Israelit · 1902-03-20 · Heft 23 (20.3.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 23 (20.3.1902)
Date
1902-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„heute Abend wird die Jungfrau von Orleans gegeben, | da wollte ich die Großmama bitten, zu erlauben, daß Du mich in's Theater begleitest/ „Ich danke Ihnen, Fraulein Jsabella!" rief Viktor mit vor Freude strahlendem Gesichte, „ach, das wird schon sein! Und die Großmama wird es sicherlich erlauben, denn heute Abend habe ich leinen Unterricht und meine Aufgaben kann ich ganz bequem am Tage fertig machen. Ich danke Ihnen im voraus viele, viele Mal!" Dabei ergriff er ihre Hand und drückte sie in seiner Freude so fest, daß sie lachend aufschrie: „Du zerdrückst mir ja die Finger!- , . „Siehst Du, jetzt hast Du Fräulein Bella wehgethan, nun wird Dich Fräulein Bella gar nicht mitnehmen, — nehmen Sie lieber mich mit, Fräulein Bella! — Oder nehmen Sie mich auch mit! — Bitte, bitte!-. „Das würde ich sehr gerne thun," sagte Jsabella. die rosigen Wangen des schönen. Kindes streichelnd, „aber ich weiß, die Großmama legt großen Werth darauf, daß Du regelmäßig um halb Neun zu Bette gehst. Wenn ich Dich mitnehmen würde, würdest Du schwerlich vor elf Uhr in's Bett kommen." „Äch, das macht ja nichts — für einmal. Also wenn es die Großmama erlaubt, dann werden Sie mich mitnehmen? ja?" — „Wenn es die Großmama erlaubt — mit Ver- „Da. kommt schon die Großmama, ich höre sie jetzt draußen mit dem Mädchen sprechen. Großmama! Großmama!" rief sie, der eben Eintretenden entgegenspringend. „erlaubst Du, daß ich heute Abend mit Fräulein Bella in's Theater gehe?" Auch Fräulein von Rauhenstein hatte sich erhoben und war der Heimgekommenen grüßend cntgegengegangen. „Sie waren in einer traurigen Angelegenheit abwesend, wie mir Ihr Mädchen sagte. Die Betreffende war hoffentlich keine Ihnen theure Angehörige?" Frau Müller verneinte. „Ich weiß nicht einmal ihren Namen.- Es war eine Fabrikarbeiterin, die im Hospital, gestorben ist." < Jsabella blickte sie befremdet an. „Aber ich bitte Sie um's Himmelswillen, weßhalb sind Sie denn zu ihr gerufen worden?" ' „Weil ich Mitglied des sog.'heiligen Vereins bin, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, keinen Religionsgenossen in der Sterbestunde allein zu lassen." „Wie, zu allen sterbenden Israeliten werden Sie gerufen?" „Nur zu Frauen, 'zu Männern lverden Männer gerufen."? . „Aber ich bitte Sie, was thun denn Sie dabei? Helfen können Sie doch schwerlich?" „Freilich können wir Sterbenden nicht Hilfe bringen, wohl aber Trost, und wir bemühen unS, ihnen die letzten, .schwersten Augenblicke zu erleichtern, indem '/ wir mit ihnen und für sie beten. Glauben Sie mir, ich / habe es schon oft bemerkt, daß es. den HinscheidendE ein Trost ist, wenn sie die Blicke der Genossen liebend? auf sich gerichtet wissen, und wenn sie selbst nicht mehr im Stande sind, auch nur zu stammeln, das hohe Glaubensbekenntniß des Juden von unseren Lippen vernehmen und dadurch daran erinnert werden/ daß eS derselbe Gott ist, der sie in's Leben gerufen hat/der sie nun aus dem Leben abrust. Das junge Mädchen, daS soeben gestorben ist, ich habe sie früher nie gesehen, aber nie werde ich den dankenden Blick vergessen, mit dem sie zu mir emporgeschaut. Ich hatte nämlich "gesehen. daß sie die Lippen bewegte, und mich zu ihr geneigt, um zu erfahren, was sie wünschte. „Wässer!" hauchte sie, „Wasser!" Ich glaubte, sie wolle trinken sind-hielt ihr ein Glas an die Lippen. Sie aber preßte die Lippen aufeinander und richtete den Blick auf ihre Hände, deren Finger sie mit sichtlicher Anstrengung ein wenigJ hob. Ich hatte sie verstanden, nahm eine leere. Schüssel, hielt sie unter ihre Hände, über die ich ein wenig Wasser schüttete und dann mit einem Tuche leicht abtrocknete. Mit dem Ausdruck innigen Dankes blickte sie zu . mir auf und sprach dann flüsternd: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist der einig Einzige!" DaS ist nämlich unser Glaubensbelenntniß. Mit dem Worte Einzige that sie den letzten Äthemzug."^'.. „Wie seltsam," sagte Jsabella leise,- „undwie schön! wie schön!" . .."V.."" „Also Großmama, erlaubst Du, daß - ich mit Fräulein Bella in's Theater gehe?-;V: „Du wolltest mit Fräulein von Räuhenpein, in's Theater gehen? Was wird denn gegeben'?" „Die Frau von Orleans" „Die Jungfrau von Orleans? Aber Kind, das wird viel zu spät für Dich. Und überdies wirst Du wenig davon verstehen, wirst vermuthlich im Theater einschlafen." \':-V :;Y:/l'?./ „Das glaube ich auch," stimmte Jsabella hei, „aber Sie gestatten doch, daß Viktor mich in's Theater begleitet. er hat beute Abend keinen Unterricht und wird, wie er sagt, mit seinen Schulaufgaben bald fertig sein." „Dann habe ich nichts dagegen.' Hast Du denn für Herrn Neufeld keine Aufgabe zu arbeiten?" . „Doch, ich habe eine Geschichte in's Hebräische zu übersetzen, daran arbeite ich eben jetzt." „Ich werde Dir helfen, damit Du rascher fertig wirst," scherzte Jsabella und trat dabei hinter seinen Sessel. „Aber was ist denn das? Ich meine, was ist das für eine Schrift, die Du da schreibst?" „Die hebräische Kurrentschrift." . / „Was? Das ist hebräisch? Merkwürdig! merkwürdig! Das sieht beinahe so' „Wie sieht es beinahe aus, Fräulein Bella? — Schreibt Viktor nicht deutlich?" „DaS kann ich nicht beurteilen, denn wenn es

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