Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1902)
- Date
- 1902-02-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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399 aneinandergekettet. In Liebe für einander, in Liebe für das jüdische Volk. j. Bei Tisch saßen Vater und Tochter nebeneinander | auf dem alten Familiensofa. während die alte Marianne ihnen gegenüber ihren Platz eingenommen hatte, den sie seit dreißig Jahren behauptete. Während Ruth ihrem Vater aufmerksam vorlegte, sagte Marianne: „Der alte Rafael ist schon heut' Vormittag zurückgekommen, ich sah ihn, als er vom Wagen stieg und in's Haus rannte. Der Josef war auch wieder bei ihm. der war ja einige Wochen in Paris bei seiner Schwester." Der Josef war der einzige Sohn und Stammhalter des feindlich gesinnten Nachbarhauses und ein gar schmucker, junger Mann. ..So. so," meinte Jakob Salomon. ..der Josef ist wieder da!? So ein bischen Jntereffe ist doch noch da für diesen Prachtjungen von nebenan, gelt Marianne? Kann's Euch übrigens nicht verdenken!" Marianne kicherte in sich hinein, während Jakob Salomon in sein Arbeitszimmer ging, um die während seiner Abwesenheit eingelaufenen Briefschaften durchzusehen. Gleich darauf verschwand die schöne Ruth eilfertig im Garten, der an das Haus stieß. Dieser Garten war ein Prachtexemplar seiner Gattung, woblgepflegt und fruchtbar; beide Seiten entlang standen alte, stämmige Baume und an den Mauern rankte das prachtvollste Spalierobst empor. . An diesen Garten stieß derjenige der feindlichen Nachbarfamilie, gleich groß und gleich schön. Zwischen beiden aber erhob sich als feste Scheidewand eine Mauer, die keinen Blick auf das feindliche Terrain gestattet. Auf der Rafael'schen Seite ragte unten in der, äußersten Ecke an der Mauerseite eine alte, vielarmige Kastanie trotzig empor. Die Natur nimmt keine Rücksicht auf die Neigungen und Wünsche der kleinlichen Menschenkinder, und so reckte der alte Baum ungenirt seine starken Aeste in den feindlichen Garten hinaus. Diesseits lehnte eine grün angestrichene Bank: sie hatte sonst ihren Platz an der Breitseite des Gartens gehabt, -seit einiger Zeit stand sie indessen dicht unter der Kastanie. Der Mond war inzwischen aufgegangen und sein bläulich-silberner Schein lag auf Sträuchen und Bäumen; — er jst parteiisch, der gute Mond — und mußte auch wohl keine Ahnung haben von heißen, erbitterten Kämpfen um vakante Ehrenämter und der begehrlichen Hast, mit der die eitlen Menschenkinder dort unten auf dem winzigen Planeten ihre Hände darnach ausstrecken. denn er ließ hüben wie drüben ziemlich gleichmäßig sein Licht leuchten. In der alten Kastanie rüttelt und schüttelt es. auf der Bank diesseits steht die schöne Ruth, ihre zierliche Gestalt so hoch wie eben möglich emporreckend, auf dem starken Ast der Kastanie aber sitzt der junge Rafael, der Josef. -- . Die Liebe hat also mit Zauberkraft hier unten tit der entlegensten Ecke des Gartens gar siegreich eine Brücke geschlagen, hinüber und herüber in feindliches Revier, so unbekümmert um Feindschift und väterliche Gesinnung, wie die alte Kastanie oben» die Vermittlerin. Es flüstert und raunt zwischen den alten Zweigen gar sonderbar und heimlich ..... „Ruth, bist Du da?" klingt es gedämpften ToneS herab, „frisch und gesund und unverändert?" „Ja, Josef, Gott sei Dank!" antwortet Ruth'S Helle Stimme. „Und Du, Josef, Du selber?" „Hab' keine Angst meinetwegen, Ruth. DaS Herz ließ ich ja bei Dir, und gesund bin ich auch! So ein Unkräutlein, wie mich Marianne früher titulirte. weißt Du noch? .... Aber ein Entschluß ist'während der Zeit, die ich fern', von Dir verlebte, in mir gereift! Schilt nicht. Tbeuerste! Ich warte nun ganz gewiß nicht mehr, auch Dir zu Liebe nicht, Ruth! Dies Heimlichthun ist unserer unwürdig; ich rede mit dem Vater! So lange und stark unsere Väter ihre Feindschaft, haben wir unsere Liebe hochgehalten, nun laß uns sehen. WaS stärker ist. Liebe oder Haß! Und Weißt Du,' Ruth, der Eiaensinnige ist ja mein Vater, dem Ganzen, der Gemeinde sicherlich nicht zn Nutz und Frommen, und die Zeit hat auch ihn besänftigt, er will nur nicht der Erste sein „Ruth, Ruth," ertönte in diesem Augenblick die Stimme Salomon's durch die abendliche Stille, „Ruth, bist Du im Garten?" „Ja, Vater," klang es etwaängstlich zurück, „ich komme!" Ruth lief ihrem Vater entgegen und beide kamen dann zusammen den breiten Gartenweg entlang, und der alte Mann ließ sich iust auf der Bank unter der Kastanie nieder. Friedlich still lag der Garten vor ihnen, friedlich still war's in den Lüften. „Sonderbar." meinte nach einer Weile Ruth's Vater, „es ist doch so ruhig und windstill und dennoch rausckck's in der alten Kastanie über uns so stark . . ." In diesem Augenblick gab's oben ein knackendes Geräusch und in der nächsten Sekunde flog eine dunkle Gestalt herab und fiel dicht vor die Füße der unten Sitzenden. Ruth sprang erschrocken auf. mit Gewalt einen Schrei unterdrückend, aber als sie sah, daß der Gefallene unversehrt und gewandt auf die Füße sprang und den Staub abklopfend, auf sie zutrat, brach sie unwillkürlich in Helles Lachen aus. Jakob Salomon saß dagegen noch in begreiflichem Staunen da. Unzweideutig und sicher genug war ihm da ein Schwiegersohn sozusagen vor die Füße gefallen. -Er war im Grunde gar nicht böse auf Ruth wegen ihrer Wahl, denn — aus mancherlei Gründen