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Der Israelit · 1902-02-27 · Heft 17 (27.2.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 17 (27.2.1902)
Date
1902-02-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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398 ZNersöhnung. Skizze von A. Weiser—A ö I (Alle Recht^Loorbehalten.) Die Sonne sank hinter der bewaldeten Hügelkette, in der die kleine Stadt wie eingekeilt lag, langsam hinab. Ueber den Feldern und Wiesen, die sonst wie eine riesige bunte Musterkarte dalagen, schwebten feine, weiße Nebel. Glutrvthe Lichtstreifen fielen durch die hohen Baumgruppen, die wie reckenhafte Wächter die beiden stattlichen Wohnhäuser drunten am Fluß umstanden und tauchten die weißen Wände und die langen Fensterreihen in goldigen Glanz. In-diesen beiden Häusern, die vom Giebel bis zur hohen steinernen Aufgangstreppe ganz gleich gebaut waren und sich wie ein Ei dem andern glichen, wohnten die beiden reichsten jüdischen Familien der Stadt. Aber so innig und fest die Häuser stch aneinander schmiegten, zwischen den beiderseitigen Besitzern gab es leinerlei Berührungspunkte. Doch nicht immer hatte diese Feindschaft zwischen den Salomon's und Rafael's — den „Montague" und «Capulet" der jüdischen Gemeinde — bestanden. Es mochte jetzt wohl zehn Jahre her sein, daß der alte Salomon zum Parnes der Gemeinde gewählt wurde, und auf dieses Ehrenamt hatte damals sein nächster Freund und Nachbar. David Rafael, ebenfalls Anspruch erhoben. Weßhalb. hatte David Rafael, und mit ihm ein kleiner Theil der Gemeinde gesagt, sollte er, der fast ebenso reich, nicht minder angesehen und wohlthätig sei, immer zurückstehen?! Jakob Salomon war doch nicht der einzig Würdige in der Gemeinde! Es gab damals einen erbitterten Kampf inmitten der Gemeinde, die sonst stets einig und in guter Harmonie zusammengehalten. Zwei festgeschlossene Parteien, mit dem Kampfruf: hie Salomon, hie Rafael, standen sich gegenüber. Als der Erstere aber dennoch trotz aller geheimen und öffentlichen Anstrengungen, die auf Seiten der Gegenpartei entfaltet wurden, mit Glanz siegte, wurde aus David Rafael's nachbarlicher Freundschaft erbitterte Feindschaft und diese machte sich bald in den internen Angelegenheiten der Gemeinde bemerkbar und verursachte eine Spaltung in derselben, die sich nicht Überdrücken lassen wollte. Bor dem Hause Jakob Salomons fuhr ein Wagen vor, eine alterthümliche Kalesche, die für eine ganze Familie Raum bot. Auf dem Bocke saß der Besitzer in eigner Person und knallte lustig mit der Peitsch^ . Er war eine stattliche Erscheinung von echt orientalischem Typus, der Herr Parnes. Der fast weiße Bart umrahmte ein kluges, vertrauenerweckendes Gesicht. Fest und stark, wie eine alte, knorrige Eiche, stand dieser Sohn Judas da und die ungebeugte Gestalt schien des Alters zu spotten. «Ruth, Ruth!" rief der alte Mann mit kraftvoller Stimme in's Haus. Gleich darauf öffnete sich im oberen Stockwerk ein Fenster und der mit einer Haube geschmückte Kopf einer alten Frau wurde sichtbar. «Ach, wirklich, seid Ihr es schon," rief sie freudig, «Ruth ist schon auf der Treppe, und ich komme auch gleich nach!" Das Fenster fiel zu und die alte Marianne, die schon seit 30 Jahren Freud und Leid mit der Familie getheilt, verschwand im Innern der Stube. Inzwischen war Jakob Salomon vom Wagen gestiegen und dem Hause zugeschritten. Seine dunklen Augen leuchteten freudig aus, als sich jetzt die Hausthur öffnete und ein junges Mädchen im einfachen Hauskleid in derselben erschien. Auf den ersten Blick erkannte man. daß es seine Tochter war. die da oben stand und ihm beide Hände zum Willkommen entgegenstreckte. Dieselben sprechenden Augen dort in dem jungen, schmalen Gesicht mit der leicht gebogenen Nase und dem üppigen rothen Munde. Und dieses interessante Köpfchen saß auf einem wunderbar ebenmäßigen, biegsamen Körper. Man nannte sie nicht mit Unrecht «die schöne Ruth" weit und breit. Der alte Mann legte seinen Arm leicht um die schlanke Gestalt der Tochter und so schritten sie in's Haus, zärtlich aneinander geschmiegt. Sie war der einzige Schatz, den ihm seine geliebte, frühverstorbene Gattin hinterlassen, den sie ihm sterbend an's Herz gelegt, und er behütete sie wie sein theuerstes Kleinod. Die alte Marianne breitete schon das feine, weiße Tafeltuch auf dem Tische aus, als Vater und Tochter eintraten und verschwand dann, um das Abendbrod zu bereiten. Jakob Salomon war einige Tage in Geschäften abwesend, und Ruth berichtete nun vor allem, was sich inzwischen ereignet. Währenddem war sie eifrig bemüht, es dem Vater möglichst behaglich zu machen, und in hausfrauenhafter Geschäftigkeit ging sie umher. Es war ein recht einfaches Zimmer, in welchem der reichste Bürger der Stadt mit seiner Tochter sich befand. Kerne Spur von moderner Eleganz, keine reichen Teppiche und Decken. Aber es wehte ein Hauch echt jüdischer Gemüthlichkeit über diesem kleinen Raum und hielt die einzelnen Familienglieder mit heiliger Liebe

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