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Der Israelit · 1902-02-20 · Heft 15 (20.2.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 15 (20.2.1902)
Date
1902-02-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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339 F e u i l l e t s rr. Nach vierhundert fahren. -*0 Von Friedrich Rott. Sehr bald befand sich Herr von Rauhenstein in heiterster Stimmung; er war noch lustiger, als die anwesenden Kameraden. denn noch fleißiger als sie hatte er dem perlenden Schaumweine zugesprochen. Er überbot sich selbst an heiteren Einfällen, der ganze Tag sollte verjubelt werden und Alle waren einverstanden, denn der Freiherr hatte erklärt, die ganze Gesellschaft freihalten zu wollen. „Der kann's," lachte einer der Tischgenoffen, „rvenn man eine Millionenbraut hat —" „Fräulein von Rauhenstein soll leben!" rief ein Anderer. „Hoch! Hoch! Hoch!" brüllte die ganze Tischgesellschaft. Der Freiherr verneigte sich. „Im Namen meiner lieben Braut danke ich, meine lieben Freunde. Nun aber schlage ich vor, die Tafel aufzuheben und uns durch Bewegung in frischer Luft zum Diner vorzubereiten. Wenn Ihr die Schlitten besorgen wollt, lade ich Euch zu einer Schlittenpartie ein." „Bist Du bei Trost?" lachte ein Anderer, „es ist heute ein Wetter, daß man keinen Hund auf die Straße jagt." Herr von Rauhenstein blickte überrascht auf, er hatte von der Witterung in der That keine Ahnung gehabt. Da man auf Bewegung im Freien verzichten mußte, kam man überein, einige Stunden, mit dem Billardspiel tobt zu schlagen. Dann müßte die Toilette gewechselt werden zu einem exquisiten Diner im ersten Restaurant der Stadt. Herr von Rauhenstein hatte auch dem Drängen seiner Freunde nachgegeben und sich einverstanden erklärt, daß auch einige bekannte Damen der Halbwelt eingeladen wurden. Einer der Theilnehmer hatte sich erboten, das Diner zu bestellen, von allen Seiten band man ihm auf die Seele, nur nicht zu sparen und Herr von Rauhenstcin stimmte gutmüthig lachend zu. Das Diner war in der That exquisit, die Speisen waren vortrefflich und die theuersten Weine flössen in Strömen. Man aß auf's Beste, trank womöglich noch besser, amüsirie sich königlich. Eine Lbermüthige, nahezu tolle Laune hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt; Einer überbot den Andern, Alle aber überbot der Festgeber. Das exquisite Diner war in eine wüste Orgie ausgeartet. Die Gäste im anstoßenden Speisesalon beschwerten sich über den Höllenlärm, der Wirth öffnete die Thüre und bat in höflichen Worten, die Gesellschaft möge sich etwas mäßigen. Herr von Rauhenstein hielt den dunkelhaarigen . Mann mit bräunlicher Gesichtsfarbe für einen Juden. „Unverschämter Judenbengel!" schrie er, „wart', ich werde Dich Mores lehren!" und in seiner trunkenen Wuth ergriff er eine volle Flasche Wein, und schleuderte sse mit aller Kraft dem vermeintlichen Juden an den Kopf. Die Flasche hatte mit einer scharfen Kante die Schläfe des Unglücklichen getroffen, der blutüberströmt, zusammenbrach. Es entstand ein heilloses Durcheinander, aus allen Zimmern stürzten die Gäste, zusammen. Die Einen .wollten dem Verwundeten beistehen, die Andern schrieen; tobten, stießen und schlugen gegen einander; Gläser, Flaschen und Teller, Messer und Gabeln wurden als Wurfgeschosse hinüber und herüber geschleudert, verwundete eine Anzahl Menschen und zertrümmerte Fenster und Spiegel, bis endlich von einem Besonnenen herbeigerufene Polizeimannschaft erschien und die Ruhe wieder herstellte. Der schwer verwundete Wirth war in sein Zimmer getragen worden; ein rasch herbeigerufener Arzt bemühte sich um ihn, gab aber wenig Hoffnung. Die empörten Gäste, die Zeugen des vollständig unprovocirten Angriffs gewesen waren, halten Herrn von Rauhenstein umringt und hielten ihn wie in eisernen Klammern, bis die Polizeimannfchaft sich seiner bemächtigte und ihn als verhaftet in das Arrestlokal abführte, während die Namen der übrigen Kampfestheilnehmer notirt wurden. Dieser nnqualifizirbare Vorfall, an der« Mitglieder der Elite der Gesellschaft sich betheiligt, erregte in der ganzen Gegend das peinlichste Aufsehen; alle Zeitungen berichteten davon und schon am zweit folgenden Tage las.Dr. Müller im Morgenblatt des in seinem Wohnorte erscheinenden Journals einen ausführlichen Bericht. Die Namen der Theilnehmer waren allerdings nur mit den Anfangsbuchstaben bezeichnet, doch waren Details erwähnt, die ihn keinen Augenblick über die Identität des Helden der Affaire im Zweifel ließen. Im höchsten Grade empört eilte er mit dem betreffenden Blatte zu seiner Mutter. „Mama, ich bitte Dich, lies dieses." - „Später, lieber Sohn, im Augenblick habe ich keine Zeit." „Nein, nein. Du mußt es jetzt gleich lesen und dann sofort hinunter gehen zu dem armen, armen MRd-. chen——" , ..Zu Fräulein von Rauhenstein? mein Gott! lvas ist ihr widerfahren?" „Ob ihr etwas widerfahren ist, weiß ich nicht; aber * so lies doch, lies, dieser Elende, dieser Schurke! — —

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