Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1902)
- Date
- 1902-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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§r e u i l l e t 0 tü Alls Dm TllgebllA kincs Wur's. Von P. Jacob-Kohtt. l6 Ich bin also Mittags Schlag zwölf Uhr dort gewesen. Ich mutzte wieder eine Viertelstunde lang.warten, bis sich Jemand blicken liefe, und als endlich Frau Blume erschien und mich bei der Thür stehen sah, sagte ste: „Sie müssen noch e bisl warten, mer hab'n jetzt im Geschäft zu thun, Setzen Sie sich, und wenn das Kind schreit, schaukeln Sie es e bist." Ich setzte mich neben die Wiege hin, und hatte bald Gelegenheit, den Auftrag der Frau Blume auszuführen. Der kleine rothe Isaak — die rothe Farbe seines Haares mutz er von seiner Mutter geerbt haben, denn den roth-blonden Scheitel, welchen diese trägt, läßt mich vermuthen, dass es unter demselben „brennt" — fing ein solches Geschrei an, datz man hätte meinen können, man reiße ihm stückweise das Fleisch vom Leibe. Ich schaukelte, sang, klatschte, trommelte und tanzte, alles vergebens: es wurde immer ärger. Endlich erschien Frau Blume, und ich war schon froh, erlöst zu sein, aber jetzt fingen meine Leiden erst an. Noch bevor sie sich anschickte, den rothen Wicht zu beruhigen, bekam ich eine Strafpredigt zu hören. „Warum -seid Ihr nur so ungeschickt, Ihr Bocherim." ' sagte'sie ganz zornig. „Zu nix kenn man enk (Euch) brauchen. Wenn Sie sehen, daß sich das Kind durch Schaukeln nicht beruhigen laßt, sollten Sie doch schon allein so viel Sechel (Verstand) haben, es üerauszunehmen und still zu machen. Oder schämen Sie sich vielleicht? Sieh dir an da! Hat sich was! Es ist schon mancher Rov geworden, der als Bocher bei de Baal- Batim die Kinder herumgetragen hat! Es werd Ihne auch nix schaden." Ich war herzlich froh, daß der kleine Isaak, der beim Anblick seiner Mutter sich beruhigt hatte, neuerdings zu schreien anfing^ Nur diesem Umstand hatte ich's zu danken, daß Frau Blume ihre Strafpredigt ab-- brach . Der kleine Schreihals wurde frisch gewickelt, bei welchem Geschäfte ich ebenfalls assistiren mußte und nachdem dies geschehen war, mußte ich mich, ob ich wollte oder nicht, beauemen, das Kindermädchen zu ersetzen. „Geben Sie mir gut Acht auf den Goldjüna'l, aus mein Herzbinkerl, auf mein' Krön'," sagte sie. plötzlich zärtlich werdend und bei jedem dieser Kosenamen dem rothen Kerl ein Dutzend Küsse aufdrückend Kaum hatte sich seine Mutter entfernt, fing der kleine Balg wieder zu schreien an, und da alle meine Bemühungen. ihn zur Rübe zu bringen, fruchtlos waren, mutzte schließlich Frau Blume mich wieder ablösen. Zwar mußte ich wieder manch hartes Wort über meine Ungeschicklichkeit anhören, aber ich that e§ noch lieber, als eine Kindermädchen-Rolle zu spielen. Endlich — es war schon halb Eins -7 kamen die . Kinder ans der Schute. Nachdem däs älteste Mädchen, Namens Elsa, der Mütter den kleinen Schreier abgenominen hatte, ließ diese sich herbei, mir das sauer verdiente Essen zu 'serviren. Der schmutzige Tisch wurde mit einem noch schmutzigeren Tuch bedeckt und zwei Ge» decke — für mich und für den soeben aus der Schule heimgekommenen Knaben — wurden aufgelegt. Nachdem ich mich gewaschen und „Mauzi" gemacht hatte, nahm ich den Löffel in die Hand und wollte gerade anfangen die Suppe zu essen, als der kleine Range, der mir gegenübersaß, ein Zetergeschrei anfing, daß ich vor Schreck den Löffel fallen ließ. „Mei Leff'l!" heulte er. „Der Bocher hat mei Leff'l"und er beruhigte sich nicht eher.als bis ich ihm meinen Löffel gegeben und dafür den seinigen, mit dem er schon gegessen, entgegengenommen hatte. Ich war froh, als ich das Mittagsesscn hinter mir hatte und noch froher, daß mir die Frau das Nachtmahl, bestehend aus einem Stück alten verdorbenen Käse, mitgab und mir dadurch das Verweilen in ihrer Nähe ersparte. 29. September 18 . . Es ist gestern zur Fortsetzung meiner Kosttage- Erlebnisse zu spät geworden. Ich benütze den heutigen Tag zur Schilderung meiner anderen Kositage. Viel ist darüber nicht zu sagen, denn Gott sei Dank! nicht alle Frauen heißen Blume Rosenzweig. Den folgenden Tag, Mittwoch, esse ich bei Reb Jossel Rosenzweig. Er ist ein Bruder des Reb Leml und ein gutmüthiger Mensch. Seine Frau, namens Gütl, ist, was ihr Name verspricht: die Güte selbst. Ich beeilte mich natürlich und kam schon eine Stunde früher — also um halb acht Uhr -— zum Frühstück. Hier war ich wieder zu zeitlich gekommen, denn die Magd war eben mit dem Aufräumen des Zimmers' beschäftigt. Aber es wurde mir darob kein Vorwurf gemacht. Im Gegentheil! Die Frau entschuldigte sich bei mir. daß ich noch Alles in Unordnung angetroffen, und bat mich.mit schönen Worten, ein ande'resmal etwas später zu kommen, da es ihr wegen der Kinder unmöglich sei, schon früher Ordnung zu machen. Ich bekam mein gutes Frühstück und wurde beim Weggehen nochmals um Entschuldigung gebeten. Welcher Kontrast zwischen zwei Schwägerinnen! Die Eine eine ungebildete, dünkelhafte und geizige Person, die sich den Bissen hundertfach durch allerlei unwürdige Dienstleistungen bezahlen läßt, ein wahrer Drache, ein Teufel in Menschengestalt, die Andere eine feine, wohlerzogene und woblthätige Frau, ein Engel an Güte. Wie ganz anders, wie wohl fühlte ich mich in diesem Hause! Kaum merkte ich, daß ich in der Fremde bin, daß es ein fremder Tisch sei, an welchem ich aß. Der Allgütige lohne ihr ihre Güte, die mich, von den Erfahrungen des gestrigen Tages ganz Niedergedrückten, wieder aufgerichtet hat. — . -- .