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Der Israelit · 1902-02-13 · Heft 12-13 (13.2.1902) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 12-13 (13.2.1902)
Date
1902-02-13
Page
– (sequence 31)
Language
German
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303 Kleinigkeiten. pädagogische Plauderei von Leopold Anfänger in.Memelsdorf. Es ist eine erfreuliche Thatsache, daß im Prinzip die Rückkehr zum altüberlieferten Väterglauben, zur Rechtgläubigkeit, als großer Zug durch's ganze Juden- Lhum geht. Umso betrübender und befremdender ist aber andererseits die ebenfalls nicht wegzuleugnende Thatsache, daß in Bezug auf's religiöse Leben und die vielen hierbei zu beobachtenden Regeln, Gebräuche und Observanzen oft die krasseste Unwissenheit herrscht, die verkehrtesten Änsichten und Anschauungen zu Tage treten. Es ist ein großes Unrecht, hierfür allein die Schule und ihre Organe verantwortlich zu machen, was leider nur zu oft geschieht; ohne Selbstüberschätzung darf es ausgesprochen werden, daß die große Mehrheit des jüdischen Lehrerstandes mit heiligem Eifer bemüht ist, die Jugend Israels zu festigen in Thorakenntniß und Gottesfurcht. Einige Hinweise und Andeutungen auf werthvolle Hilfsmittel zur Förderung dieses Strebens möchte diese kleine Plauderei bieten. Der Unterricht entbehrt vielfach der Anschaulichkeit, die reichlich vorhandenen Anschauungsmittel werden nicht ausgenützt, ste erscheinen zu sehr als „Kleinigkeiten." Man bemüht sich, Pläne und Modelle des Stiftszeltes und seiner Einrichtung etc. zu konstruiren, um ste dem kindlichen Geiste verständlich zu machen, ganz schön, — aber welchen Vortheil hat das „religiöse Leben" der Jetztzeit davon? Andererseits klagt man über den Mangel an Veranschaulichungsmittel, die als begründende Anknüpfungspunkte dienen könnten und schreibt häufig diesem vermeintlichen Mangel den oft geringen „praktischen" Erfolg des religiösen Unterrichts zu, und bedenkt nicht, daß Synagoge und Schule, Haus und Leben uns eine Fülle der Anschauung bieten, die nur der Ausnützung harren. Hatte wohl das alte „Cheder" solch' eine reiche Ausstattungan „modernen" Anschauungsmitteln, daß es uns in seinen praktischen Erfolgen bez. religiösen Wissens und religiösen Lebens heutzutage kaum erreichbar scheint? Nein, aber es kannte und nützte jene „Kleinigkeiten." Sehen auch wir uns ein wenig nach ihnen um! Wohl jedes jüdische Haus hat seinen jüdischen Kalender. Luach. — Wie viele Kinder find im Stande, aus diesem umfassenden „Religionsbuch" zu lesen, seine Zeichen und Abreviaturen, seine Andeutungen und Tabellen zu lesen, zu verstehen, zu deuten? Es sind ja nur „Kleinigkeiten!" Jedes Kind hat ein Gebetbuch, eine Tefila. und fast bei jedem Gebete finden wir Angaben über „was, wann, warum, wie," bald in rabbinischer, bald in jüdisch-deutscher Schrift, bald, in Abkürzungen; wieviele kennen sie. wissen davon, beachten ste? „Kleinigkeiten!" Gehen wir zum Gotteshäüse! tft&ih her Eingangspforte fällt uns eine Quarder in's Auge, die eingemeißelt einen,Davidsstern, einen Kelch und die Buchstaben v'o zeigt. Wieviele wissen heutzutage, da man die Trauungen in Gasthaussälen stattfinden läßt, von der sinnigen Zeremonie, die sich an diese Quarder knüpft, .der sie diente? „Kleinigkeiten!" Wir treten ein in des Gotteshauses heil. Räume. -o'P nnx *d ’ic'? in, leuchtet's uns in goldenen Lettern vom .vk her entgegen, ira und eine Krone sehen wir auf dem ränß. dasselbe auf den Thoramäntelchen; Kann es herrlichere Veranschaulichungsmittel geben für die Heiligkeit und Würde'des Gotteshauses, fürdie Bedeutung der. Thora, für die Werthschätzung der Thora und ihrer. Träger, — aber wie viele können jene Vuchstabent enträthseln, jene Zeichen deuten, ja wie viile gehen achtlos an ihnen vorüber, ohne eine Ahnung von ihrem Vorhandensein, wie viele, die an Sabbaten und Festen die Thorarollen mit den silbernen, sog. a",i pp schmücken, sind des Verses eingedenk: mm am p na v'p'i.-.ob wie viele beherzigen ihn? „Kleinigkeiten!" Es ist in manchen Gegenden fromme Sitte, das Linnenstück, auf dem das Kind beim hl. Akte der Miloh ruhte, später zur Umwickelung der Thorarollen zu verwenden und mit dem bekannten Inhalt, Namen und Geburtszeit des Kindes und dem Wunsche. eS möge heranwachsen v'a:v L'ippobi ncr6 ,!ranfc zu bemalen oder zu besticken. Spricht dieser Gebrauch und dieser Inhalt nicht mehr als Bücher und Bände über Elternpflichten und Kindererziehnng? Und doch, Hand auf's Herz, wie viele Eltern kennen Sinn und Bedeutung der Worte, die sie wohl gar selbst nach Vorzeichnung gemalt oder gestickt haben? „Kleinigkeiten!" Es ist Gottesdienst! Mit Zylindern und . Feierkleidern stehen die Gemeindeglieder da, Jeder.hat seinen Talis und Jeder hat die Berocho gesprochen rMNib wil'ira; aber gar Manche haben sich nicht in den Talis gehüllt, sondern — sit venia verbo — ein Halstuch umgeschlungen! „Kleinigkeiten!" Und so würde sich noch gar Vieles und Vielerlei finden, das in seiner Anschaulichkeit als Ausgangspunkt für praktisch-religiöse Belehrung dienen könnte, und dann erst ist ein tvirklicher Erfolg erzielt, wenn es zur allgemeinen Ueberzeugung geworden ist: Im religiösen Leben gibt es keine „Kleinigkeiten!"

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