Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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S7S f c u i 11« I » n. Nach vierhundert Jahren. Ml Bon Friedrich R-tt. Wieder schob er den Nachriegel vor, warf die Ueberkleider ab, und mit einer Hast, als wäre Gefahr im Verzüge, ordnete er auf dem Schreibtisch alles, was er zu benöthigen vermeinte. Aber seine Hände zitterten. ..Das ist die Kälte, die elende Kälte?" murmelte er in sich hinein. Aber der Thermometer wies auf sechzehn Grad, von Kälte konnte keine Rede sein. Das Zittern seiner Hände war vielmehr die Folge seines Herzklopfens, das wilder und wilder die Brust ihm zu zerspringen drohte. Laut ächzend warf er sich in den Strecksessel, mit zitternden Händen konnte er nicht vollbringen, was er zu vollbringen gewillt war; er mußte seiner Erregung Herr werden. Es war ja in Wirklichkeit ein Unsinn, sich in diesem Maße zu erregen, nicht die mindeste Veranlassung dazu war vorhanden. Was wollte er denn Böses thun? — Nichts, absolut gar nichts. — Ein Herr von Rauhenstein wollte Niemand betrügen, wenn auch vielleicht has Vorgehen, das er beabsichtigte, kein ganz gewöhnliches genannt werden konnte. Aber deßhalb — nein, er mußte sich beherrschen, sich vollständig beruhigen, das war er sich selbst und in gleichem Maße seiner Braut schuldig. Der M. aus der L. . . . straße, der schon heute Abend gekommen war, obgleich sein Wechsel erst morgen fällig war, dieser Lumpenkerl, dieser unverschämte Mensch war zu allem fähig. Zwar hatte er sich schon dreimal bereit finden laßen, allerdings für schweres Geld, den Wechsel zu verlängern, aber er hatte geschworen, wenn er nicht beim nächsten Verfalltag, sein Geld erhalten werde, so werde er sich persönlich an die Braut des Freiberrn wenden und von ihr Sicherheit verlangen. Der Angstschweiß trat dem Freiherrn auf die in Falten gezogene Stirn, als er'sich diese Möglichkeit vergegenwärtigte. Dann war er verloren, unrettbar verloren, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als eine Kugel in die Schläfe. Nein, nein! eine solche Schmach durste er seiner Braut nicht bereiten. Er mußte sich bezwingen, um jeden Preis. In eine mit. kaltem Wasser gefüllte Waschschüssel goß er Kölnisches Wasser und badete dann Kopf und Hände in dem kalten, aromatischen Naß und sichtlich erleichtert athmete er tief auf. „Gott sei Dank!" nun war ihm wohl, nun konnte er vollbringen, was ihm unerläßlich schien, was er als seine Pflicht bezeichnte. Er ließ sich vor dem Schreibtisch nieder, legte einen Bogen weißes Papier vor sich und auf dasselbe auf der einen Seite die Empfangsbestätigung seiner Braut mit ihrem vollen Namen. Dann stellte er den Apparat, der in einer einfachen Glastafel bestand, auf das Ende des Papiers, das den Namen seiner Brcmt enthielt — und nun zeigten sich auf der unbeschriebenen Hälfte des Bogens dieselben Schriftzüge klar und deutlich, er brauchte sie nur mit einer in Tinte getauchten Feder zu überziehen, und die Schriftzüge waren dorthin gezeichnet, als wären sie von ein und derselben Hand geschrieben. „Gott sei Dank'." flüsterte er in sich hinein. „Gott sei Dank!" Und mit diesen plasphcmirenden Worten auf den Lippen tauchte er eine Feder in das Tintenfaß und schrieb den Namen seiner Braut: Silyia Jsabella von Rauhenstein. Silvia Jsabella von Rauhenstein. Silvia Jsabella von Rauhenstein — den ganzen vor ihm liegenden. Bogen bedeckte er mit Wiederholungen dieser vier Worte. —;_ __ Und je öfter er ihn schrieb, desto sicherer ward seine Hand, desto mehr erhellten sich seine Züge. Und abermals dankte er Gott, der ihm diese „grandiose Idee" eingegeben und ihm die Kraft verliehen, sie auszuführen. Denn nun zweifelte er keinen Moment mehr, daß die Sache gelingen werde. Jetzt nahm er die Wechselblankette her, legte eines nach dem andern neben die Empfangsbestätigung, stellte die Glastafel dazwischen und fuhr dann mit der Feder mit fester Hand über den auf dem Blankctt sich abspiegelnden Namenszug seiner Braut. Es war gelungen! Er war gerettet — hielt sich überzeugt, Jsabella selbst werde die Echtheit ihrer Namensunterschrift nicht in Abrede stellen können. ' * .. Doch nun fort mit dem Apparat! Kein menschliches Auge durfte denselben je in seinem Besitz entdecken. Und in's Feuer mit dem mit dem Namen seiner Braut bedeckten Bogen Papier! Wie hell die Flamme aufleuchtete, die seine verbrecherischen Uebungen vernichtete.— Aber warum nannte er in seinen Gedanken nun schon wieder jene unschuldigen Schriftübungen verbrecherisch? — Unsinn! Unsinn! Unsinn! — Jeder muß sich seiner Haut wehren — oder heißt es. seine Haut wahren? — Er mußte über sich selbst lächeln, was war er doch für ein großer Denker! Und er hatte sich seiner Haut gewehrt und hatte seine Haut gewahrt, kein Mensch konnte ihm etwas mehr anhaben . weder M. von der L. ... straße. noch sonst irgend Jemand. Er fühlte sich so frisch, so froh, so leicht, wie seit langer, langer Zeit nicht. — —. * D'e Fälschungen — pfui; an dieses abscheuliche Wort durste er nie mehr denken — aber die Namenszüge seiner Braut auf den verschiedenen Blanketten waren in Wirtlichkeit wunderbar gelungen. Er hielt sie von den verschiedensten Seiten gegen das Licht und tonnte nicht genug staunen, er hatte sich selbst übertroffen, was war er für'n gescheidter Kerl! Inder That, seine Braut war zu beneiden;' ~ ~ Sorgfältig ordnete er dann die Blantette in sein Portefeuille. Sv. nun konnte Jeder herein kommen, von seiner vorherigen Thätigkeit war keine Spur mehr