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Der Israelit · 1902-02-06 · Heft 11 (6.2.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 11 (6.2.1902)
Date
1902-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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255 N e u r l l e t s «. Nach vierhundert Jahren. 35] Von Friedrich Statt. Dieser berührte die Hand des Knaben kaum merklich mit seinen Fingerspitzen, die rundliche Hand des kleinen Mädchens streichelte er jedoch liebkosend. „Potztausend! Du bist aber ein allerliebstes Mäuschen." Die Kleine, indem sie sich bemühte, die Hand, die er noch immer hielt, los zu machen, erwiederte erröthend: „Ich bin aber gar kein Mäuschen, die Maus ist ein häßliches Thier, und ich — " „Da hast Du recht," entgegnete er lachend. „Du bist nichts weniger als häßlich. Wirklich, Jsabella. die Kleine ist bezaubernd schön." Jsabella schüttelte abwehrend den Kopf. „Das mußt Du ihr nicht so in's Gesicht sagen. Du bringst sie in Verlegenheit. Sie ist mein liebes, kleines, artiges Mädchen. Nicht wahr?" Das Kind schmiegte sich an sie und bat ihr das rosige Mündchen zum Kusse. Jsabella küßte sie, rasch neigte sich der Freiherr und drückte gleichfalls einen Kuß auf die Lippen des Kindes. „Den gib weiter." sagte er lachend. „Aber ich muß eilen." Gr küßte seiner Braut die Hand und empfahl sich hastig. Auf Wiedersehen, Geliebte!" Raschen Schrittes eilte er davon. Er hatte den Zweck seiner Reise erreicht, und wenn er auch nochmals und abermals sich sagte, daß er mehr hätte erreichen können, so war er doch schließlich weise genug, selbst anzuerkennen. daß es nichts Müßigeres gibt, als geschehene Dinge ungeschehen machen zu wollen und daß man nicht Klügeres thun kann, als die vorhandenen Faktoren in die Rechnung zu bringen. Das aber wollte er thun, und zwar heute noch. Er hätte es am liebsten sogleich versucht, aber im Waggon war das doch nicht möglich. — Der Freiherr lehnte sich in die Ecke des Koupees zurück und vor seinen geschlossenen Augen sah er beständig viele, viele Wechsel, mit vielen, vielen "Zahlen, und unter allen prangte die Unterschrift seiner Braut in der ihr eigen charakteristischen Handschrift: Silvia Jsabella von Rauhenstein. Das Herz pochte ihm, als wollte es zerspringen. Nein, nein, so viele Wechsel brauchte er nicht, so viele Wechsel wollte er nicht fälschen — fälschen? pfui! ein abscheuliches Wort! Ein Herr von Rauhenstein ein Wechselfälfcher! — Wild fuhr er auf. Wer hatte das gesagt? Aber das häßliche Wort hatte doch Niemand gesagt, er befand sich doch allein im Koupee. Aber in seinem Innern hörte er doch beständig das abscheuliche und niederträchtige Wort: Wechselfälscher! Wechselfälscher! Herr von Rauhenstein ein Wechselfälscher! Laut ächzend sprang er auf und wanderte im Koupee auf und nieder. Trotz mannigfacher Verirrungen hatte er sich bisher Aehnliches noch nie zu Schulden kommen lassen. Und wie Vieles man auch in seinen . Kreisen der sog. baute vaulöe verzeihen mochte, eine Fälschung würde man nie verzeihen. Aberes brauchte ihm auch Niemand eine Fälschung zu verzeihen, denn kein Mensch sollte je davon erfahren, nicht einmal Jsabella, deren Namen er zu fälschen beabsichtigte, nie, nie sollte sie das erfahren. Er kannte ja ihre Hochherzigkeit. Er hatte ihr schon neulich gesagt, hatte es als Konzession seinerseits bezeichnet, daß ihre Vermählung nach katholischem Ritus vollzogen werden sollte. Das war eine schlaue Berechnung seinerseits, um sie noch fester, um sie unauflöslich an sich zu fesseln. Sobald'er sie aber für immer an sich gefesselt wußte, dann wollte er ihr mit vertrauensvoller Offenheit ein Bild seiner zerrütteten Verhältnisse vorlegen, wollte ihr schildern, wie er gekämpft, wie er gerungen, wie er schließlich den Verführungskünsten unwürdiger Freunde erlegen,' u. s. w. Er kannte sie, kannte ihr weiches, mildes Herz, er hielt sich überzeugt, es werde ihm gelingen, sie zu rühren, hielt sich überzeugt, sie werde sich sofort bereit erklären, seine Schulden zu bezahlen, so hoch sie auch sein mochten. Und dann würde er sofort alle auf sie ausgestellte Wechsel einlösen und verbrennen und nie wieder würde er sich einer kostspieligen Ausschweifung schuldig machen, würde nie wieder spielen, u. s. w. Der Freiherr war geradezu gerührt von dem Ge^ danken an alle die Tugenden, die er verkörpern würde und blickte mit unbegenzter Hochachtung und beinahe staunend zu sich selbst hinauf. - Nein, kein Mensch würde ihn je einer Wechselfälsckung zeihen können! — Wechselfälschung! Abscheuliches, niederträchtiges Wort! Das Blut stieg ihm in die Wangen, wenn er es nur dachte. Und trotzdem und alledem. — Die Unterschrift seiner Braut müßte er dennoch fälschen, sonst war er verloren, und sie mit ihm. Denn sie waren doch bereits verbunden; was den Einen traf, mußte auch den Andern treffen. Er hatte ia Verlobungskarten an nlle Verwandte und Freunde und auch an alle ihre beiderseitigen Bekannten geschickt. Er sann und sann, klügelte und klügelte, und grübelte und grübelte, und schließlich wußte er sogar sich selbst zu überzeugen, daß er geradezu verpflichtet war, um ihrer selbst willen die Unterschrift seiner Braut zu fälschen. Seine Pflicht erfüllen, das konnte man nicht ehrlos nennen. Und überdies würde es doch Niemand erfahren, gar Niemand. Und dennoch klopfte sein Herz so fürchterlich und er schalt sich selbst Feigling, weil er nicht denken konnte, was er zu thun beabsichtigte — oder vielmehr, fortS Jju thun er sich verpflichtet hielt. — .Ja, er fühlte sich verpflichtet. den Namen, den seine Braut trug, frei zu'halten von jedem Makel um jeden Preis!

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