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Der Israelit · 1902-01-30 · Heft 9 (30.1.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 9 (30.1.1902)
Date
1902-01-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4& Jahrgang. Leitender Artikel. Gin offenes Wort. Von Ma—gor. An dieser Stelle ist des Oestern dargelegt worden, daß in Deutschland die Hauptstütze des orthodoxen Judenthum im Kaufmannsstande sich befindet. Diese Thatsachr legt uns daher mit gebieterischer Nothwendigkeit die unabweisbare Pflicht auf, den Kaufmannsstand, insbesondere aber den Nachwuchs, den „Handlungsgehilfenstand zu stärken und zu kräftigen. Es ist ein Gebot der Selbsterhaltung, diesem letzteren Theile der jüdischen Gemeinschaft unsere besondere Pflege und Fürsorge zu widmen, da nach menschlicher Voraussicht die Gestaltung der Zukunft doch wesentlich davon abhängt, wie die Jugend, der bekanntlich die Zukunft gehört, gebildet wird, und welche Ansichten diese besitzt. Wird nun der junge jüdische Handlungsgehilfe, als spätere Stütze des orthodoxen Judenthums, seitens der hierzu in erster Linie berufenen Kreise, in einer, dem Judenthume würdigen Weise beachtet? Wer einem offenen Blick für die Bewegung der Zeit, ein warmes Herz für die Erhaltung des traditionellen Judenthums hat, kann diese Frage mit einem einfachen „Ja" nicht beantworten; thut er dies dennoch, so weiß er die Zeichen der Zeit nicht zu deuten oder will sie nicht verstehen. Die schönen Einrichtungen, die Stellenvermittlungsvereine, die überaus große Errungenschaft, die „Versicherung gegen Stellenlosigkeit," können nicht vrosperiren, können ihre Wirksamkeit nicht zweckdienlich und ersprießlich entfalten, so lange nicht nach zwei Richtungen radilale Besserung eintritt: Erstens, daß orthodoxe Prinzipale bei genügender Befähigung nur solche junge Leute anstellen, denen die Heilighaltung von Schabbos und Jomtof Herzenssache ist. Zweitens, daß die Salärirung in den von orthodoxen Chefs geleiteten Häusern hinter der anderer Firmen zum mindesten nicht zurücksteht. Diese beiden Punkte haben mit zur Folge gehabt und sind heute noch Beweggrund, daß eine große Anzahl religiös erzogener Handlungsgehülfen. des Kampfes um Erlangung eines Postens müde und durch Behandlung und Bezahlung orthodoxer Chefs äbgestotzen, zum Schäden des Judenthums, zum größten Leidwesen der Eltern, Schabbos und'Jomtof arbeiten und damit praktisch mit dem Jndenthum gebrochen haben. Ist es nicht geradezu ein Hohn auf die vorgenannten Institute, ein Vergehen gegen die eigene Ueberzeugung und gegen die jüdische Gesammtheit, wenn Chefs, die Leiter orthodoxer Bestrebungen sind, in inniger Beziehung zu obengenannten Vereinen stehen, irreligiöse junge Leute, sogar Nichtjuden anstellen!? Spricht es nicht Bände schwerer Anklagen gegen Vertreter orthodoxer Einrichtungen, wenn gesagt wird: „Soll ich mir vielleicht die Hungerlöhne von N. N. zahlen lassen und dabei noch Eltern unterstützen?!" Ist der. Vorwurf gegen orthodoxe Chefs, er sei geschäftsfromm, treibe mit seiner Frömmigkeit nur krassen Egoismus, nicht berechtigt, wenn beim Engagement gesagt wird: „Sie erhalten soundsoviel' Gehalt und haben Samstags frei?!" Man wende nicht ein, das Angebot sei zu stark, die Opfer zu groß etc., und wie die Entschuldigungen alle lauten; der Handlungsgehilfe bringt auch Opfer, die seine Kräfte gewaltig übersteigen. Der orthodoxe Jude soll universell denken, soll außenstehenden Kreisen ein leuchtendes Beispiel, auch im Verhältniß zu seinen Angestellten, sein. Wahrlich, wir haben eine besondere, soziale Gesetzgebung nicht nothwendig, sofern wir nur die Bestimmungen unserer heiligen Religion genau beachten, und sie überall, auch als Arbeitgeber, bethätigen. — . In der heutigen materialistisch-realistischen Zeitströmung, in welcher wir gegen die Reformbewegung genug zu kämpfen haben, sollten wir uns nicht auch im eigenen Lager Gegner schaffen.- Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist es auch nur die Pflicht der Selbsterhaltung, die jungen Handlungsgehilfen dem Judenthume zu erhalten, nicht aber, wie es bedauerlicherweise geschieht, sie abzustoßen. Auch an die Herren Rabbiner sei die dringende Bitte gerichtet, ihre Seelsorge, ihre Thätigkeit auch auf das soziale Gebiet zu erstrecken, der Jugend, dem jüdischen Handlungsgehilfen sich zu widmen und ihren ganzen Einfluß zu Gunsten dieses Standes geltend zu machen. In dem Maße, wie die Zahl der Schabbos und Jomtof arbeitenden jungen Leute wächst, in demselben Maße verringert sich die Aussicht, später Schabbos und Jomtof geschlossene Geschäfte zu finden, damit werden aber auch die religiösen Gemeinden kleiner und kleiner und die Berufung orthodoxer Rabbiner geringer und geringer. - - Zeitungsnachrichten und CorrefponderHen. Deutschland. Berlin, 23. Jan. Der „V e r b a n d f L r j üd i s ch e W o h l 1 h ä t i g k e i t s p f l e g e" hatte heute Abend seine erste diesjährige Delegirten-Versammlung, die sehr gut besucht, war. einberufen. Ueber das vom

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