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Der Israelit · 1902-01-30 · Heft 9 (30.1.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 9 (30.1.1902)
Date
1902-01-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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207 verlobt. Sie sind daher seine Braut und dürfen nicht selbstquälerisch die Frage stellen, ob Gott, ohne dessen Willen kein Apfel vom Baume fällt, gegen deffen Willen kein Lufthauch den Grashalm beugt, ob Er. Ihr Geschick Ihnen auferlegt hat. Nein, liebes Kind, so dürfen Sie nicht fragen." „Verzeihen Sie!" „Ich habe nichts zu verzeihen, mir sind Sie in keiner Beziehung zu nahe getreten — aber sich selbst." „Dank für Ihren gütigen Zuspruch. Ich habe es ja gewußt. Sie werden mir helfen, mit Ihrer Hilfe werde ich mich selbst wiederfinden." „Dazu hätte Fräulein von Rauhenstein meine Hilfe nicht benöthigt, Sie haben nicht nur ein großes Herz, Sie haben auch einen starken Geist." „Ach, ich fürchte. Sie überschätzen mich nach jeder Richtung hin." „Nein, ich überschätze Sie nicht, ich kenne Sie besser, als Sie sich selbst, und darum ergebe ich mich der. zuversichtlichen Hoffnung, daß Sie trotz allem, was Ihnen gegenwärtig so überaus trübe erscheint, dennoch glücklich werden. Sie dürfen nur die Geduld nicht verlieren. dürfen nicht vom Augenblick verlangen, was nur die Zeit zur Reife bringen kann. Aber mit der Zeit, das hoffe ich voll Zuversichtwird es Ihrem starken Geist, vereint mit Ihrem weichen, milden Herzen, gelingen, auch die Sie jetzt abstoßenden Anschauungen Ihres Verlobten zu beeinfluffen, derart, daß er schließlich gleichen Sinnes mit Ihnen werden und Ihnen selbst die Hand bieten wird, Ihre schönen Pläne zur Beglückung Ihrer Umgebung zu verwirklichen." „Wenn ich das hoffen dürfte?" „Hoffen Sie es immerhin. Nur Eines möchte ich Sie bitten, lassen Sie Ihrem Temperament nicht die Zügel, schießen." Jsabella ward glühend roth. „Meine liebe, meine mütterliche Freundin. Wie Sie mich kennen —" Sie hatte die Hand der alten Dame ergriffen und drückte sie innig. Frau Müller erwiederte lächelnd den Händedruck. „Es freut mich, daß Sie einsehen, daß ich Sie kenne, dann werden Sie auch meiner Voraussage Glauben schenken." „Ach, ich meinte nur, das heißt, ich staunte, wie Sie mein Temperament kennen. Ich habe meinen Verlobten schon wiederholt schwer beleidigt —" „Das ist ein Unrecht von Ihnen, ein entschiedenes Unrecht. Ob er Ihnen sympathisch ist oder nicht. Sie haben sich mit ihm verlobt und sind ihm zum mindesten Achtung schuldig. Aber Beleidiaungen—" „Sie haben Recht, ich habe es auch sofort bereut und mich entschuldigt —, aber eine Entschuldigung löscht die Beleidigung nicht aus." „Freilich nicht, und durch eine Beleidigung Ihres Verlobten haben Sie sich selbst beleidigt." „Ganz gewiß, was ich ihm gesagt habe, galt im Grunde mir. Aber bitte, sagen Sie mir, ob ich Recht gethan habe, als ich ihm erklärte, daß ich mich nie auf Gütergemeinschaft mit ihm einlaffen werde." Frau Müller blickte sie betroffen an. „Unrecht haben Sie dadurch nicht gethan — gewiß nicht — klug haben Sie gehandelt — überaus klug." „Würden Sie es mir gerathen haben?" „Das weiß ich nicht, Kind — vielleicht ja. Hinterdrein zu überlegen, was ich gerathen hätte, ist eine überaus müssige Beschäftigung. Jedenfalls haben Sie klug gehandelt." „Wie Sie es mir nicht zugetraut haben," sagte Jsabella lächelnd. „Ich gestehe allerdings, ich hätte es Ihnen nicht zugetrqut." „Nun, sehen Sie, daß Sie mich doch nicht so gut kennen, ich bin nicht so ideal angelegt, wie Sie glauben."— — „Das spricht nicht daraus, im Gegentheil. Und kennen Sie denn nicht das Dichterwort: Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." Die Zen schritt vor. Fräulein von Rauhenstein, unterstützt von dem Rathe ihrer älteren Freundin, that ihr Möglichstes, sich in die nun einmal gegebenen Thatsachen zu finden. Ihr Verlobter konnte sich nicht über sie beklagen. Sie ließ keine Frage unbeantwortet, jeden seiner Briefe erwiederte sie sofort. Und wenn sic. auch seine glühenden Liebesbetheuerungen unbeachtet ließ, so sprach aus ihren Zeilen doch zutoeilen ein freundliches Vertrauen. Alle seine Bemühungen jedoch, sie zu bewegen, in ihre Vermählung vor Ablauf des Trauerjahres zu willigen, erwiesen M erfolglos. Herr von Rauhenstcin seinerseits gab seiner Braut auch keinen Anlaß zur Klage; er zeigte sich stets als zärtlicher, aufmerksamer Bräutigam, ward jedoch nie zudringlich und widersprach nie den Bemerkungen seiner Braut, nicht einmal mit einer Miene oder mit einer Bewegung. Es war daher nie wieder zu einer erregten Szene zwischen den Verlobten gekommen. Der Freiherr wäre überglücklich gewesen. Sein Brautstand verlief ungleich besser, als er zu hoffen gewagt, aber seine pekuniären Sorgen wurden mit jedem Tage schwerer und immer schwerer. Ohne daß sein Vater, der ihm nach jeder Richtung vollständiges Vertrauen geschenkt hatte, auch nur die leiseste Ahnung davon gehabt hätte, hatte er denselben und sich selbst vollständig ruinirt. Außer Schloß Rauhenstein, das er als Majoratsherr nicht veräußern konnte, nannte er nichts mehr sein eigen. Und dabei hatte er Schulden über Schulden. So lange sein Vater gelebt, hatte er trotz allem noch immer auf das Vermögen seiner Kousine gerechnet. Trotz des in der letzten Zeit herrschenden Mißverhältnisses zwischen ihnen, hatte er nicht gezweifeltdaß sie sich schließlich mit ihm verloben und daß er sich dann durch ihr Vermögen rangiren werde. Er hatte

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