Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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4& Jahrgang. i i i Leitender Artikel. Irr ßüiipij kr isr. 6ultii5pifini)cii in ZM. Jassy. 11. Januar. Am letzten Dienstag. Vormittags um 11 Uhr, wurde hier im Lokale des Vereins „Vnei Brith" der Kongreß der israelitischen Kultusgemeinden eröffnet. Fünfundvierzig Delegirte aus allen Theilen des Landes wohnten dem Kongresse bei, zu dessen Präsidenten Herr Bro einer - Bukarest 'gewählt wurde, während! ihm die Herren A. S. Goldenthal-Jassy und I u st e r als Vizepräsidenten zur Seite standen. Als Erster sprach der Präsident, Herr Brociner, über die Organisation der israelitischen Gemeinden in früheren Zeiten, wobei er über die immense gesetzliche Kraft hin-, wies, welche die Rabbiner über die israelitische -Bevölkerung ausübten und den gegenwärtigen Zustand der israelitischen Gemeinden beklagte. Herr Agent warf die Frage auf, ob der Kongreß berufen sei, auf der Grundlage der zionistischen Prinzipien religiöse Fragen zu lösen, oder bloß über Fragen materieller Natur zu entscheiden. Rabbiner Dr. N i m r o w e r sagte, daß der Kongreß sich vom zionistischen Ideale leiten lassen müsse, was aber nicht hindert, im Interesse des Landes selbst, in welchem die Juden leben, Beschlüsse von praktischer Organisation und momentanem Interesse zu fassen. Die Juden mögen fest vereint, an der Verbesserung ihres Looses arbeiten. Ein jüdischer Kongreß, welcher sich von religiösen und nationalen Ueberzeugungen leiten lasse, sei unmöglich. Politische Zwecke indessen sind dem Kongresse fern. In der Rachmittagssitzung wurden nach Verlesung zahlreicher, aus allen Theilen des Landes eingetroffenen Zustimmungs- und Glückwunschtelegrammen die Statuten der zu gründenden Liga der israelitischen Kultus-, gemeinden zur Diskussion gebracht. In längerer Rede suchte Herr Brociner nachzuweisen, daß schon vor alten Zeiten her die israelitischen Gemeinden vom Staate offizell anerkannt wurden und daß ihre Reorganisation mit Feststellung der ihnen gesetzlich zukommenden Rechte sich aufdränge. Ferner möge in der Rechnungführung der Gemeinde größere Ordnung gebracht werden, damit sie auf Verlangen vom obersten Rechnungshöfe kontrolirt werden könnte. Nach lebhafter Debatte wurde hierauf beschlossen, um jeder Verwechslung vorzubeugen, das Wort „Liga" durch die Bezeichnung „Vereinigung" (Unione) zu ersetzen, und zwei Verwaltungsräthe der neuen Vereinigung der isr. Kultusgcmeinden, den einen mit dem Sitze in Bukarest, den anderen mit dem Sitze in Jassy, n u zu wählen. Das Statutenprojekt, tvelches betont, daß die „Vereinigung" den Zweck hat, die allgemeinen kulturellen und religiösen Interessen der isr. Gemeinden zu wahren, wird hierauf mit geringen Modifikationen votirt, . worauf um 6 Uhr Abends der erste Tag des Kongresses geschlossen wurde. Eine zwanglose Unterhaltung im Zionisten-Klub, wo von den Herren Dr. Niemrower, Dr. Gelehrter und Brociner Vorträge gehalten wurden, beschloß den Tag. Am zweiten Tage wurde die Wahl des permanenten Nathes der Vereinigung der Kultusgemeinden vorgenommen und die Herren A. GL Goldenthal. Dr. Niemrower. M. Wachtel, Finkelstein und Rapaport gewählt. Ferner wurden je zwei Räthe für jede Stadt des Landes gewählt. In der Nachmittagssitzung sprach Herr Brociner über die in der Konstitution sowie in den Gesetzen des Landes über die Juden enthaltenen Bestimmungen und beschuldigte die Juden, daß durch ihre Nachlässigkeit diese Gesetze außer Gebrauch gekommen sind. Er rühmt das Andenken Cogalniceanu's, welcher unter dem Fürsten Cuza zahlreiche Gesetze zu Gunsten der Juden schuf, und verlangte, daß die Vereinigung der Kultusgemeinde von der Regierung die Anwendung des Art. 61 der Verfassung verlange, um die Besserung in der Lage der Juden des Landes anzubahnen. Rabbiner Dr. Nacht sprach dann über die Eidesablegung More judaico, welche weder mit der Religion, noch mit der Kultur und Moral der Juden in Einklang stehe und verlangte, daß für die Aufhebung dieser Art der Eidesleistung ein energischer Kampf begonnen werde. Nach längerer Debatte wird hierauf ein Beschluß gefaßt, durch welchen der Eid More judaico als barbarisch und antimosaisch verurtheilt, und alle religiösen Organe aufgefordert lverden, sich bei Strafe der Ausschließung aus der Gemeinde der Ableistung des Eides ferne zu halten. Die Epitropen der Synagogen aber mögen die Synagogen verschließen, wenn die Rede sein werde, den Eid More judaico zu leisten. lieber Antrag des Herrn Max Just er wird hierauf beschlossen, von der Negierung zu verlangen, daß sie in offizieller Weise bloß den israelitischen Gemeinden das Recht erihcile, die Schächter zu wählen und für die Erhaltung der israelitischen Anstalten Taxen zu beheben. . Herr Brociner spricht über den Verfall der jüdischen Zivilgesellschaften, welche Realitäten besitzen, ohne daß eigentlich Jemand irgend ein Recht auf dieselben habe, da sie nicht als juridische Personen anerkannt sind. Herr S. Gotdenthal spricht in warmer Weise über die Nothwendigkeit, so rasch als möglich eine jüdische Ackerbauschule zu gründen, worauf der Beschluß gefaßt wird, auf dem Platze des alten jüdischen Friedm