Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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164 damit sie das Gleichgewicht nicht verlieren und keinem ihrer Schafe auf die Hühneraugen treten- Dabei habe ich's ihnen an dieser Stelle schon einmal durch einen sehr eindeutigen Zaunpfahlwink nahe gelegt, worin ihr Fehler liegt und welche Richtung sie einschlagen muffen, wenn sie ihn vermeiden und etwas erreichen wollen. Das geschah als ihr Ausschuß nrbi et orbi in einem offiziellen Communiquö verkündete, was er bis jetzt alles angestrebt und nicht geleistet hat. An der Spitze aller dieser Nicht-Leistungen stellten sie die Sorge für „die Stellung des Rabbiners in Deutschland." Das ist nicht gescheidt. Der große Trotz meint, wenn Rabbiner, wenn Weingärtner vom Weinberge des Herrn zusammenkommen. dann wäre die erste, einzige Triebfeder und Veranlassung ihres Zusammenkommens der Weinberg und nicht die Winzer. Wenn sie wirklich in allererster, und in vorliegendem Falle in allereinziger Reihe an sich und ihre Besserstellung denken, so ist es nicht klug, das so unnöthiger Weise zu verrathen. Sie müßten, wie der Berliner sagt, wenigstens „man so thun," als ob ihnen Judenthum. Judenheit, Religion, Gottesdienst und wie die schönen Sächelchen alle heißen, so in erster Reihe am Herzen liegen, als ob sie deßhalb, und nur detzhalb zu einem Verband zusammengetreten wären. Wenn ihnen dann die Gemeinden das glauben, dann wäre die Möglichkeit vielleicht nicht ausgeschlossen, daß man auch für die Besserstellung der Rabbinen ein halbes Ohr fände. Wenn man den gläubigen Gemeinden dann vordemonstrirte. pro patria est dum ludere .Tidemur, daß man bei der Fürsorge für den Rabbiner eigentlich die Gemeinde im Auge habe, daß es im Interesse des Weinbergs sei. wenn die Winzer gut bestellt sind, dann wäre vielleicht gar Keiner darauf gekommen, daß in Wirklichkeit das Gegentheil dieser Behauptung wahr ist. Für die Weingärtner mag es gut sein, wenn sie lebenslänglich gut versorgt sind, ob aber der Weinberg nicht besser bei weniger wohlbestellten, gut versorgten Arbeitern wegkommt, darüber kann man recht verschiedener Meinung sein. Wenn die Arbeiter ihr Interesse, ihre Hingebung für ihre Arbeit und ebenso die Hintanstellung ihres eigenen Interesses durch die That ihres Lebens jederzeit bekundet haben, dann kann der Arbeitgeber auch vielleicht darein willigen, sie durch Besserstellung von sich unabhängig zu machen. Aber wenn sie selber ungefragt erklären, daß alle ihre Bestrebungen in erster Reihe ihnen selber, dagegen ihrem sogenannten Lebensberuf erst in zweiter Reihe gelten, .in ’r® D, welcher Gemeindepotentat wäre dann Gimpel genug, um auf diesen Leim zu gehen? Für das Gros unserer Gemeinde handelt es sich hier um eine Machtfrage. Was sie dem Rabbiner zubilligen, das entziehen sie sich an materiellen sowohl, wie an idealen Gütern. Diesem Umstand müßte ein Antrag, den Rabbinen selber für ihre Besserstellung einbringen, zuallererst Rechnung trägen. In Wirklichkeit wird dieser Punkt in dem vorliegenden Antrag vollständig ignorirt, ja, er wird noch akuter, durch die ungeschickte Motivirung. die das Ganze hier erfährt. Der geschäftsführende Vorstand des Rabbiner- Verbandes in Deutschland legitimirt sich als Bevollmächtigter der General-Versammlung des Rabbiner- Verbandes in Deutschland vom 1. und 2. Juni, in welcher „die Stellung des Rabbiners in Deutschland" einen Punkt der Tagesordnung bildet. Damit wird er wenig Eindruck machen. Den Gemeindevorstehern wird noch rechtzeitig die Fabel von den Waldbäumen einsallen, die sich vor den sie fallenden Aexten fürchteten, zu welchen sie doch selber die. Stiele geliefert hatten. Sie werden daher als Stiellieferanten nicht zu haben sein. Die Herren Rabbiner wollen zwar für's Erste nichts als eine von ihnen zu berufende Versammlung von Gemeindevertretern und Rabbinen und der Gemeindebund soll sich dieser „für die Gefammtheit so wichtigen S ache" anschließen und die Einladung dazu mit unterzeichnen. Wie herzlich wenig das auch bedeutet, wie weit eine solche Unterschrift und selbst die angestrebte Versammlung auch von der Besserstellung der Rabbiner noch entfernt ist. so ist es doch sehr fraglich, ob die Herren vom Gemeindevund selbst für die harmlose Bekundung einer so platonischen Liebe zu haben sind, über deren bloß akademischen, höchst problematischen Werth sich auch die Petenten nicht täuschen können. Unsere Gemeindevorsteher sind von manchen Rabbinen des hier in Betracht kommenden Verband- Kalibers viel zu sehr verwöhnt worden, als daß auf diesem Wege irgend ein Erfolg für diese Petition zu crrvarten wäre. Bei der abhängigen Stellung, in die das Gros der Rabbinen durch Pebesdienerei, Popularitätshascherei. durch Fügsamkeit. Schmiegsamkeit und Biegsamkeit jeder Art sich selber gebracht hat, mutz es den bislangso kriecherig umschmeichelten Gemeindewürdenträgern schon als eine Art Unbotmäßigkeit erscheinen, wenn Rabbiner Gemeindevorsteher zu einer Versammlung berufen. Die Rabbinen unter stch mögen in Verbänden, Synoden und Eoncilien sich versammeln, so viel sie dazu Lust haben. Sie mögen in diesen Versammlungen rathen und thaten. schweigen und deklamiren. wünschen und beschließen, soweit sie dazu das Bedürfniß empfinden. Bei ihrer Loyalität und guten Erziehung ist ohnedies nicht zu befürchten, daß üe dabei über die Schnur.hauen, und daß ein unbedachtes Wort dem Gehege ihrer Lippen entflieht. Als vor einigen Jahren bei der Neu-Organisation des Rabbiner-Verbands die Furcht nicht ganz ausgeschlossen erschien, die Herren könnten einmal wirklich wie freie, unabhängige Männer anstreten und für das ihnen anvertraute Judenthum freimüthig eintreten. damals leitete der Präses der hiesigen Gemeinde die Versammlung unserer Verbands-Seelsorger mit einer Philippika ein, die sich gewaschen hatte. Die las den verdutzten Amtsbrüdern in so wenig verschämter Weise den Text über ihre Pflichten und Obliegenheiten, daß es nur so fauste