Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1902)
- Date
- 1902-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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beschäftigen und aus der „langen Rede" den „kurzen Sinn" herausschälen und auf seinen Gehalt prüfen. Die Rede beginnt mit einer wissenschaftlich sein sollenden Einleitung, in welcher Herr Louis Eliel u. A. ausführt, das jüdische Ritual habe im Laufe der Zeiten alle erdenklichen Wandlungen erfahren, namentlich habe „die Berührung mit ändern Völkern und deren Sitten und Gebräuchen nothwendigerweise auch veränderte Formen für den G o i.t esdienst im Gefolge gehabt." Damit hat Herr Eliel das Richtige getroffen und den Kernpunkt der ganzen liberalen Reformbewegung unzweideutig bloßgelegt: den „Nachahmungstrieb, fremde Sitten und Gebräuche" in das jüdische Gotteshaus zu verpflanzen! Dieser Nachahmungstrieb der „modern" sein wollenden Juden jedes Zeitabschnittes unserer Geschichte war stets die Triebfeder zum Abfall von Gott und seiner heiligen Thora, er verleitete in alten Zeiten zum Götzendienste, das beweisen uns die Tanze um!s goldene Kalb in der Wüste/ die Nachäffung griechischen und römischer Kultuseinrichtungen und Gebräuche in den Zeiten des Verfalles des jüdischen Reiches. Daß in den Zeiten des finsteren Mittelalters die in Ghettomauern eingepferchten damaligen „modern und fortschrittlich" gesinnten Juden von christlichkirchlichen Einrichtungen nichts nachahmten, ist nur den überaus strengen derzeitigen Landes-Gesetzen zuzuschreiben, welche den Reformern jede Lust zur Ausführung ihrer Reformideen vertrieben. Damals wären den Herren derartige Reformen wohl schlecht bekommen; auch die derzeit „modern" gesinnten Juden mußten sich eben an die alte, geheiligte Tradition halten. Als aber die Sonne der Freiheit endlich, nach der langen Nacht des Mittelalters, hellstrahlend über Israel aufging, als die dicken, finsteren Ghettomauern fielen, da erwachte auch gar bald der so lang geschlummerte, gewaltsam unterdrückte Nachahmungstrieb wieder bei den befreiten Juden und man reformirte lustig darauf los im alten Europa und dem jugendfrischen Amerika, bis überall, wo die Reformer ihr Wesen getrieben hatten, von . unseren herrlichen, geheiligten, gottesdienstlichen Einrichtungen und unserem frommen, sittsamen Familienleben keine Spur mehr übrig geblieben war. Und stets und zu allen Zeiten waren die Beweggründe zur Nachäffung christlicher Einrichtungen die gleichen, stets und zu allen Zeiten führte man dieselben Motive in's Feld. Wie geistesarm muß eine Bewegung sein, die es nicht vermochte, im Laufe der Zeiten auch nur einen^ neuen Gedanken aufzutreiben zur Beschönigung der Verchristlichung des jüdischen Gottesdienstes'. Nichts als alte, längst abgethane, längst widerlegte Gründe werden angeführt zur Beschönigung der Nachäffung der Gebräuche und Einrichtungen fremder Kulten, deren ganzes Wesen, deren ganzer Jdeengang himmelweit abweicht von den grundlegenden Ideen des Judenthums. Mit der „wissenschaftlichen" Einleitung der Rede des Herrn Eliel sieht es demnach in wirklich wissenchaftlicher Beleuchtung recht schlecht aus! Hiernach kommt Herr Eliel zu den besonderen Kölner Verhältniffen. Diesbezüglich sagt Herr Eliel u. A.: ..Eine große Zahl von Glaubensgenossen, die vor 15—20 Jahren dem Judenthume vollständig indifferent gegenüberstanden, haben sich — dank der antisemitischen Bewegung — zu demselben zurückgefunden. Sie bilden heute eine Zierde unserer Verwaltungen etc." Hier verweilen wir einen Augenblick. Glaubensgenossen. durch die antisemitische Bewegung zum Judenthum zurückgekehrt, bilden jetzt eine „Zierde" unserer Verwaltungen! Also d e ß h a l b. weil sie in christlichen Kreisen in Folge der judenfeindlichen Bewegung keine Aufnahme mehr finden konnten, erinnerten sie sich ihrer jüdischen Abstammung, kehrten zu den früher von ihnen verachteten Juden zurück und zeigten sich sogar großmüthig genug, sich in deren Gemeindeverwaltungen und -Vertretungen wählen zu lassen, um hier die ihnen anderwärts versagte Rotte zu spielen! Diese aus so lauteren Motiven zum Judenthume und den Juden zurückgekehrten Elemente bilden also nach Herrn Eliel jetzt die „Zierden" unserer Verwaltungen! Nun. wir unsererseits bedanken uns für diese „Zierden" unserer Verwaltungen und fühlen uns der antisemitischen Bewegung auch nicht zu Danke verpflichtet, daß sie uns zu solchen „Zierden" verhalf. Diese angeblichen Zierden unserer jüdischen Gemeindeverwaltungen aber hätten immerhin während der Zeit ihres Verkehrs in christlichen Kreisen von unseren christlichen Mitbürgern etwas lernen können, und zwar etwas recht Gutes und recht Vernünftiges. Sie hätten von unseren christlichen Mitbürgern lernen können, daß diese nur solche Glaubensgenossen in die „Kirchenverwaltungen" wählen und nur solche als Zierden derselben betrachten, die „regelmäßig den Gottesdienst in der Kirche besuchen" und mit dem Wesen und den Einrichtungen ihres Gottesdienstes in Folge dessen auf das Genaueste vertraut sind! In allen christlichen Kirchen ist die erste und nothwendigste Vorbedingung zur Wahl eines Gemeindemitgliedes in den Kirchenvorstand. der ..regelmäßige Kirchenbesuch" des Kandidaten. Wer der Kirche entfremdet ist, solche das ganze Jahr hindurch kaum je besucht, vielleicht gar „aus Prinzip" nicht besucht, ist nach christlicher Auffassung als Mitglied des Kirchenvorstandes einfach undenkbar! — Warum haben die nach Herrn Eliel's Ansicht dem Judenthum so lange entfremdet gewesenen Elemente, die sich während der Zeit ihrer Entfremdung ausschließlich in christlichen Kreisen bewegten, die jetzigen „Zierden" unserer Gemeindeverwaltungen. denn diese schöne christliche Einrichtung nicht nachgeahmt, warum folgen sie hier nicht einem wirklich schönen christlichen Vorbilde, warum wollen sie in d i e s e m Falle vom christlichen Gemeindewesen gär nichts lernen und nachahmen? „Ja, Bauer, das iit etwas Anderes", sagen die Reformer, „an der Sache liegt uns ja nicht viel, wir wollen in der Gemeinde