Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1902)
- Date
- 1902-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Nach vierhundert fahren. 30j Von Friedrich Rott. Herr von Rauhenstein trat mit tiefer Verneigung in das Zimmer. „Verzeihung, wenn ich störe. — ich tonnte es nicht glauben, aber man sagte mir, daß Du Dich zur Abreise rüstest —" ..Das ist doch selbstverständlich," entgegnete sie. „nachdem Dein Vater nicht mehr lebt, kann ich doch nicht mehr hier weilen." „Aber ich bitte Dich —" „Entschuldige —sie wechselte unaufhörlich die Farbe, „aber — wir sind doch nun einmal — Verlobte." , . Er hätte laut aufjauchzen mögen, es war zum ersten Male, daß sie das bestehende Verhältnis anerlannte, während er aus ihrer geplanten Abreise das Gegentheil hatte schließen zu müssen geglaubt. Er Hätte sie in seine Arrne schließen, sie an sein wild pochendes Herz drücken mögen.^aber er hielt an sich. „Dank. Geliebte, innigen Dank für Deine beglückenden Worte. Aber ich sehe in der That nicht ein, daß Du. weil Du mein holdes Bräutchen bist, abreisen inüssest. Das kommt mir zu, ich räume das Feld, Du aber bleibst hier mit Tante Käthe bis —* „Nein, nein." flüsterte sie, „ich bleibe in dem Asyl, das mein theurer, Heimgegangener Onkel mir ausgesucht hat." * (5r preßte die Lippen auseinander. „Diese Nothwendigkeit sehe ich in der That nicht ein. '— Und wie lange wolltest Du dort verweilen?" „Nun, selbstverständlich — bis — bis —" Er hielt sich nicht länger, er trat dicht an sie heran und zog ihre Hand an seine heißen, bebenden Lippen. „Bis ich Dich heimführe, als mein über alles geliebtes Weib." - ' - . \ , . Sie erblaßte bis auf die Lippen, aber sie neigte zustimmend das Haupt. „Und wann, Geliebte — wann darf ich hoffen?" „Im Trauerjahre doch nicht —" „Ich dächte doch, es war der Letzte Wunsch des theuren Dahingeschiedenen. Es wäre ein Akt der Pietät, diesen Wunsch baldigst zu erfüllen." Sie schüttelte, energisch den Kopf. „Im Trauerjahr zu heirathen, erscheint mir unmöglich." „Ich ehre Deinen berechtigten Schmerz und theile ihn. aber wir müssen doch nicht sofort einen endgiltigen Entschluß fassen. — Du wirst mir doch gestatten. Dich in Deinem Asyl, wie Du es nennst, zu besuchen?" „Ich kann es Dir nicht wehren," erwiederte sie und ihre Stimme klang mit einemmale hart und schroff, „aber ich muß Dich aufmerksam machen, daß in demselben Hause, in dem ich wohne, in dem Dein Vater eine Wohnung für mich gemiethet hat, unmittelbar über mir. in der zweiten Etage, eine jüdische Familie wohnt, mit der ich in regem Verkehr stehe." i Ein halbunterdrückter Fluch entrang sich der Brust des Freiherrn. , Um Jsabeüa's Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln. „Es ist dieselbe Familie, mit der ich. in H. . . verkehrt habe. Der Sohn hat mir das Leben gerettet — an seiner Mutter hänge mit geradezu kindlicher Verehrung und Liebe. Du hast Dir damals erlaubt, in Bezug auf meinen Verkehr mit diesen herrlichen Menschen mir Vorschriften zu machen und hast dadurch einen Bruch zwischen uns herbeigeführt. Jetzt sind wir allerdings verlobt, aber ich erkläre Dir im Vorhinein, nie und nimmer werde ich Deinen Anschauungen oder Wünkiben irgend einen Einfluß auf mein Thun oder Lassen gestatten. Dorum überlege, prüfe, bevor Du Dich auf ewig bindest—" In seiner Brust arbeitete es mächtig, nur mit übergroßer Anstrengung hielt er an sich. „Ich liebe Dich, Jsabella!" sprach er mir heiserer, bebender Stimme, „ich liebe Dich, so lange ich denken kann. Außerdem war unsere Verbindung seit Jahren der sehnlichste Wunsch meines Vaters. Ich werde daher nie und nimmer zurücktreten, — was Du auch thun oder lassen magst. Aber i^ ergebe mich der zuversichtlichen Hoffnung, daß cs meiner Liebe schließlich dennoch gelingen wird —" „Nein, nein, nach dieser Richtung hin darfst Du Dir keine Illusionen machen. Das, was man Liebe. nennt, hat keinerlei Macht, keinerlei Einfluß auf mich." Er blickte sie betroffen an. „Du verleumdest Dich,, selbst. Du bist nicht kalt und herzlos —" „Doch, doch, alles in mir ist kalt, eisig kalt — und ich fühle nicht das Pochen eines Herzens in mir —" „Du bist krank, Jsabella, die schmerzliche Erregung der jüngst verflossenen Tage hat Deine Denk kraft beeinträchtigt." „Ich bin nicht krank und damit Du siehst, daß ich klar und folgerichtig denke, muß ich Dich auf noch etwas aufmerksam machen. Gestern war mein Geburtstag — ich bin mündig." Er verneigte sich tief. „Empfange meinen aufrichtigen Glückwunsch." „Ich danke Dir." „Du wünschest mir noch etwas zu sagen?" „Allerdings." Es ward ihr unendlich schwer, aber sie zwang sich zu reden. „Dein Vater war mein Vormund — hat mein Vermögen verwaltet — von nun an werde ick selbst es verwalten." „Du selbst wolltest Dein Vermögen verwalten? Hast Du denn die dazu erforderlichen Kenntnisse?" . «Nein, aber ich werde mir die dazu erforderlichen Kenntnisse erwerben' } „Und bis dahin? — Ich meine, bis Du die Kennta niste erlangt haben wirst, was wird inzwischen —"